Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers

Leibniz-Gemeinschaft

Diese Ausstellung zeigt 14 Objekte, die den Beginn und die frühe Entfaltung der Wittenberger Reformation, angestoßen durch Martin Luther, dokumentieren. Die Dokumente wurden im Oktober 2015 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO, „Memory of the world“, aufgenommen. Die Antragstellung erfolgte durch das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz (IEG), Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Dokumente sind im Besitz der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, der Anhaltischen Landesbücherei Dessau, der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, der Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, der Forschungsbibliothek Gotha, dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Lutherhaus Wittenberg, der Universitätsbibliothek Heidelberg, der Stadtbibliothek Worms und der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena.

Im Oktober 2015 wurden 14 Dokumente der Reformation Martin Luthers in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Die Schriften repräsentieren die von Luther und Wittenberg ausgehende Entfaltung der Reformation und sind in ihrer inhaltlichen Aussage, ihrer materiellen Beschaffenheit und historischen Überlieferung einzigartig und unersetzbar. Sie zeigen, wie sich ein religiös-kirchlicher Impuls zu einem gesellschaftlichen und politischen Gesamtphänomen mit globaler Reichweite entwickelte – zu Recht wird die Reformation als Epochenschwelle und Beginn der Neuzeit gewertet. Die Autographen und Drucke belegen in herausragender Weise den einsetzenden Wertewandel und das mutige Eintreten eines Einzelnen für seine Überzeugung. Sie lassen hinter dem Geschriebenen die Persönlichkeit erkennen und führen das Essentielle der reformatorischen Theologie vor Augen.
Die Psalmenvorlesung
Luthers Psalmenvorlesung von 1513–15 dokumentiert den Beginn seines Wirkens als Professor an der 1502 gegründeten Universität Wittenberg. Sie lässt die spätmittelalterliche Vorlesungspraxis erkennen. Luther hatte für sich und seine Studenten einen Druck des Psalters mit breiten Rändern und großem Zeilenabstand herstellen lassen, um ihn mit Marginalien und Interlinearglossen zu kommentieren. Diese frühe Vorlesung steht für die beginnende „evangelische Orientierung“ des Wittenbergers, die in der Psalmenauslegung bereits aufscheint.

Dieses Handexemplar Luthers wird nach seinem Aufbewahrungsort in der Herzog August Bibliothek „Wolfenbütteler Psalter“ genannt.

Luther ließ einen von ihm selbst verbesserten Text der Psalmen drucken. Die linke Seite zeigt Notizen eines späteren Besitzers des Exemplars (Eilhard Segebade).

Weitere handschriftliche Einträge und die Bilder Luthers wurden dem Band später hinzugefügt.

Der Psalter veranschaulicht Luthers Arbeitsweise, die sich eng am Bibeltext orientierte. In seiner akkuraten Handschrift schrieb er zahllose Kommentare an den Rand und zwischen die Zeilen.

Das eng beschriebene Scholienheft – eine Art Notizbuch – enthält weitere exegetische Ausführungen zu den Psalmen von Luthers Hand und befindet sich in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

Luther notierte im Scholienheft längere Überlegungen zur Auslegung der Psalmen, für die im Psalterdruck kein Platz war.

Ursprünglich hatte Luther nur lose Bögen ineinandergelegt. Die Bindung zu einem Heft erfolgte später.

Ein Teil der Blätter ist im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen: Die Kommentare zu den letzten 25 Psalmen fehlen.

Die Römerbrief-Vorlesung
Die Entwicklung Martin Luthers zur genuin reformatorischen Theologie zeigt sich in der Römerbriefvorlesung von 1515/16. Sie gilt als Schlüsseldokument für den theologischen Neuansatz Luthers, dem die Rechtfertigungslehre zugrunde liegt. Die hier gezeigte studentische Mitschrift von Sigismundus Reichenbach, die die Anhaltische Landesbücherei Dessau zu ihren Schätzen zählen kann, gibt Zeugnis über die Rezeption dieser wichtigen Vorlesung. Das Autograph Luthers, das ursprünglich in Berlin aufbewahrt wurde und dann lange als Kriegsverlust galt, befindet sich heute in der Jagiellonenbibliothek in Krakau.

Auch für diese exegetische Vorlesung hatte Luther den Text so drucken lassen, dass Platz für umfangreiche Kommentierung blieb, hier eingetragen von der Hand eines Studenten.

Die Mitschrift dokumentiert, wie Luther als akademischer Lehrer Wirkung entfaltete. Universitäten und ihre Studenten waren wichtige Multiplikatoren der Reformation.

Luthers Hebräische Bibelausgabe
Für Luthers Rekurs auf verlässliche Quellen und seine philologische Genauigkeit in Auslegung und theologischer Entfaltung steht sein Handexemplar der Hebräischen Bibelausgabe von 1494 aus Brescia. Es befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Luther nutzte die hebräische Bibel sowohl für seine Auslegungstätigkeit als auch für seine Übersetzung des Alten Testaments.

Das aus Luthers Besitz stammende Bibel-Exemplar wurde 1494 in Brescia in Italien gedruckt. Der Reformator hatte es antiquarisch erworben, denn aus den Eintragungen lässt sich erschließen, dass es zuvor wohl schon einmal unter jüdischen Gelehrten den Besitzer gewechselt hatte.

Die Anfangsseiten der biblischen Bücher sind durch kalligraphische Ausführungen des ersten Wortes in roter Farbe geschmückt.

Luther trug ebenfalls Marginalien zu einzelnen Textstellen ein.

Die 95 Ablassthesen
Mit seiner durch Disputationsthesen verbreiteten Kritik an der zeitgenössischen Ablasspraxis begann Luther den Wirkungskreis eines Universitätsprofessors und Exegeten in Wittenberg zu überschreiten. Die 95 Thesen dokumentieren Luthers folgenschweren Schritt in die Öffentlichkeit. Im Rahmen des üblichen akademischen Verfahrens, zu dem die Aufstellung von Disputationsthesen und deren Bekanntmachung durch Anschlag gehörte, forderten die Ablassthesen zu einer öffentlichen Diskussion auf. Das gezeigte Exemplar befindet sich im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Die immer wieder neu diskutierte Frage, ob die 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirchentür, das Schwarze Brett der Universität, angeschlagen oder von Luther lediglich an Erzbischof Albrecht von Mainz versandt wurden, bleibt bis heute unbeantwortet, spielt für ihre Bedeutung für die Reformation jedoch keine Rolle.

In den Thesen äußerte Martin Luther Überlegungen, die für die Reformation charakteristisch wurden: Er stellte den käuflich oder durch Frömmigkeitsübungen erworbenen Ablass der wahren Herzensreue und -buße gegenüber und prangerte die herrschende Ablasspraxis an. Auch zog er die Existenz des Fegefeuers in Zweifel – mangels biblischer Belege.

Luthers Thesen verbreiteten sich in Windeseile – zuerst wohl handschriftlich, dann auch in gedruckter Form. Noch in den letzten zwei Monaten des Jahres 1517 erschienen mindestens drei Ausgaben, in Nürnberg und Leipzig als Plakat, in Basel als siebenseitige Flugschrift. Von dem hier gezeigten Nürnberger Druck haben sich weltweit nur drei Exemplare erhalten.

Ein Sermon von Ablass und Gnade
Durch die Verbreitung im Druck erreichten die neuen Auffassungen Luthers unter Gelehrten schnell eine große Leserschaft. Die heftigen Reaktionen, die seine Ablassthesen hervorriefen, veranlassten Luther aber auch zur Abfassung einer kleinen Schrift in deutscher Sprache für das einfache Volk. Es handelt sich um den „Sermon von Ablass und Gnade“ von 1518, der in zwanzig kurzen Abschnitten bereits die evangelische Rechtfertigungslehre in Grundzügen formuliert und der Ablasspraxis gegenüberstellt. Die kleine Flugschrift, hier das Exemplar aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassikstiftung Weimar, wurde Luthers erster großer literarischer Erfolg.

Das in das Weltdokumentenerbe aufgenommene Exemplar von Luthers Schrift stammt aus der Wittenberger Druckerei von Johannes Grunenberg. Das Manuskript Luthers ist nicht überliefert, so dass in der Regel nach diesem Druck zitiert wird.

Innerhalb von zwei Jahren erschienen mehr als fünfundzwanzig Ausgaben in Wittenberg, Leipzig, Nürnberg, Augsburg, Basel und Breslau. Allein dies ist ein Indiz für die ungeahnte Breitenwirkung der reformatorischen Ideen Luthers.

Der „Sermon von Ablass und Gnade“ steht am Beginn von Luthers erfolgreicher publizistischer Tätigkeit.

Die Schrift umfasst nur sechs Seiten, für deren Druck ein halber Druckbogen ausreichte. Sie konnte schnell produziert und billig verkauft werden.

Von der Freiheit eines Christenmenschen
Mit Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ setzte die Reformation ihren Siegeszug über die damaligen Reichsgrenzen hinweg fort. Auf wenigen Seiten entwickelte Luther eine christliche Ethik, die menschlichem Leben einen Werte- und Orientierungsrahmen vermitteln sollte. Dieser ergab sich nach Luther aus einer intakten, freiheitlichen Beziehung zu Gott und mündete in ein verantwortliches zwischenmenschliches Handeln. Freiheit und Verantwortung – diese Summe des christlichen Lebens war zugleich ein zusammenfassender Ausdruck der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Das gezeigte Exemplar befindet sich im Besitz der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt.

Luthers Freiheitsschrift wurde ein überragender publizistischer Erfolg. Allein in den letzten Wochen des Jahres 1520 erschienen mindestens zehn weitere Ausgaben auf Deutsch und Latein. Übersetzungen in andere europäische Volkssprachen folgten. Keine andere Einzelschrift des Reformators wird bis heute so viel gelesen wie diese. In ihr bündelte Luther, wie er selbst sagte, „die ganze Summa eines christlichen Lebens“.

Die Schrift beginnt mit der berühmten Doppelaussage: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Luthers Rede vor dem Reichstag in Worms
Die in seinen Schriften formulierte Infragestellung von Lehre und Gestalt der römischen Kirche führte dazu, dass Papst Leo X. Luther im Januar 1521 exkommunizierte. Die europäische Rezeption der Wittenberger Reformation wurde durch die Verhängung des Kirchenbanns über den nun als „haereticus declaratus“ geltenden Luther zwar zeitweise beeinträchtigt, aber nicht verhindert. Der Bekanntheitsgrad des Reformators steigerte sich sogar mit seinem mutigen Auftreten vor Kaiser und Reichsständen auf dem Reichstag in Worms 1521, der die Reichsacht über ihn verhängen sollte. Luther, der zum Widerruf seiner Schriften aufgefordert wurde, erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Sein Notizzettel, mit dem er sich auf seine Stellungnahme vorbereitete, befindet sich heute im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar.

Der eigenhändige Entwurf Luthers für seine Rede am 18. April 1521 vor dem Reichstag ist im Anschluss an sein erstes Verhör wohl noch am Abend des 17. April 1521 entstanden. Er diente als Gedächtnisstütze für die von Luther verlangte Stellungnahme in freier Rede am nächsten Tag. Kurz fasste er zunächst noch einmal die Ereignisse des ersten Verhörtages zusammen. Aber irgendetwas muss ihn gestört haben, denn seine Aufzeichnungen brechen mitten im Satz abrupt ab.

Brief Luthers an Karl V.
Luther verfasste am 28.4.1521 auf seiner Rückreise von Worms, die in der fingierten Entführung auf die Wartburg endete, einen Brief an Kaiser Karl V., heute im Lutherhaus Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Darin nahm er Bezug auf die denkwürdigen Ereignisse in Worms, im Zuge derer er den Widerruf seiner Schriften verweigert und die Berufung auf sein Gewissen über geltendes Recht und politische Zwänge gestellt hatte. Luther betonte noch einmal, dass er sich in all seinem Handeln und in seinen Stellungnahmen an der Bibel als für ihn allein gültige Autorität ausgerichtet habe.

Der Brief hat seinen Adressaten nicht erreicht: Auf dem Umschlag vermerkte Georg Spalatin, Hofkaplan und enger Vertrauter Kurfürst Friedrichs des Weisen, dass keiner aus dem Gefolge Karls den Brief habe überreichen wollen. Er wurde aber ins Deutsche übersetzt, zu einem Schreiben an die Reichsstände umformuliert und sofort gedruckt verbreitet. Damit war – möglicherweise von Luther selbst so beabsichtigt – eine Darstellung dessen, was er in Worms erlebt hatte, aus seiner eigenen Feder im Umlauf.

Das Original des Briefs gelangte über verschiedene Privatsammlungen im Jahr 1911 zur Auktion. Es wurde von dem amerikanischen Mäzen Pierpont Morgan für eine Rekordsumme von 102.000 Goldmark ersteigert und Kaiser Wilhelm II. geschenkt, der es wiederum an die damalige Wittenberger Lutherhalle gab. Heute ist es im Besitz der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

Blick in Luthers Stube auf der Wartburg-Eisenach

Das Neue Testament Deutsch
Luthers Theologie basiert auf der ausschließlichen Autorität der Heiligen Schrift. Daher kommt seiner Übersetzung der Bibel, begonnen mit dem Neuen Testament, überragende Bedeutung zu. Große Wirkung hatte sie außerdem für die Ausbreitung der Reformation, für die Entwicklung einer deutschen Hochsprache und die Ausprägung einer protestantischen Alltagsfrömmigkeit. Vermutlich im Dezember 1521 nahm Luther auf der Wartburg die Arbeit an der Übersetzung auf. Schon Ende Februar 1522 war sie abgeschlossen. Das in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommene Exemplar ist im Besitz der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

Der fertig gedruckte und mit 21 ganzseitigen Holzschnitten Lucas Cranachs geschmückte Band lag in einer Auflage von 3.000 Exemplaren zur Leipziger Herbstmesse am 29.9.1522 vor und wird daher „Septembertestament“ genannt. Innerhalb von zwei Monaten war eine Neuauflage nötig. Wir sehen hier eine Illustration zu Offenbarung, Kap. 13 und 14.

Der Beginn eines jeden Buches wurde mit einer besonders ausgestalteten Initiale geschmückt. Im ersten Buchstaben, einem D, ist der Evangelist Matthäus mit seinem Symbol, einem Engel, darstellt, der ihm das Wort Gottes in die Feder diktiert.

Mit der hier abgebildeten Illustration beginnt das 17. Kapitel der Offenbarung des Johannes. Dort wird das Erscheinen der Hure Babylon auf einem siebenköpfigen Tier am Ende der Zeiten angekündigt. Luther identifizierte die Hure Babylon mit dem über die Jahrhunderte in Verderbnis geratenen Papsttum. Daher trägt sie in Cranachs Darstellung die päpstliche Tiara.

Nun freut euch, lieben Christen g’mein
Der Buchdruck trug die reformatorischen Ideen in alle Himmelsrichtungen und in alle Schichten der Gesellschaft. Man las oder man ließ sich vorlesen. Noch effektiver aber war das Lied. Das Singen wurde zu einer Praxis, bei der reformatorische Inhalte verkündigt und zugleich angeeignet wurden. Das zuerst als Flugblatt verbreitete Lied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ bietet eine Zusammenfassung reformatorischer Lehre in höchster Konzentration. Das einzige erhaltene Exemplar dieses Liedblatts befindet sich im Besitz der Universitätsbibliothek Heidelberg.

Luther verfasste selbst zahlreiche Lieder und regte auch Freunde dazu an. Neben Bereimungen von Psalmen und Übersetzungen mittelalterlicher Gottesdienstlieder trugen Katechismus- und Erzähllieder die evangelische Botschaft weiter. Ihnen waren, wenn nicht einfach nur auf eine bekannte Melodie verwiesen wurde, Noten beigefügt. Ab 1524 wurden reformatorische Lieder in kleinen Gesangbüchern zusammengefasst.

An die Ratsherren aller Städte
Durch ihren Einsatz für die schulische Bildung hat sich die Reformation auf das Leben jedes einzelnen ausgewirkt. Die theologischen und gesellschaftlich-politischen Begründungen dafür, dass neue Schulen für Jungen und Mädchen eingerichtet und bestehende in ihrem Lehrprogramm umgestaltet werden sollten, sind in der Schrift Luthers „An die Ratsherren aller Städte deutschen Lands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ von 1524 exemplarisch niedergelegt. Das in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommene Exemplar liegt in der Stadtbibliothek Worms.

Luther ging es darum, dass im Unterricht das notwendige Handwerkszeug zur Erschließung der Heiligen Schrift vermittelt werden sollte. Damit wandte er sich zugleich gegen bildungsfeindliche Strömungen, die Bildung nur der geistlichen Elite vorbehalten wollten oder generell abwerteten. Ziel des Unterrichts sollte auch sein, gelehrtes und verantwortungsbewusstes Personal zur Leitung von Staat und Gesellschaft auszubilden. Mit diesem Appell an die politisch Verantwortlichen legte Luther den Grundstein für eine Neuordnung des Bildungswesens.

Dass die Stadtbibliothek Worms nach den Zerstörungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 heute wieder im Besitz eines Exemplars dieser weit verbreiteten Schrift ist, verdankt sich einem Kontext, der für die Überlieferung und Bewahrung des Erbes der Reformation typisch ist: Ein finanzkräftiger Mäzen ließ im 19. Jahrhundert ca. 500 Luther-Drucke zusammentragen. Mit seiner Schenkung legte er den Grundstein für die heutige Sammlung.

Die Deutsche Messe
Erst relativ spät (1525/26) schuf Luther mit seiner Deutschen Messe eine liturgische Neuordnung. Riten und Zeremonien bewertete er als Äußerlichkeiten, mit denen ein freier Umgang gestattet sei. Deshalb konnte er lange das traditionelle Erbe und neue Formen nebeneinander dulden. Wichtig war ihm, dass das liturgische Geschehen in einer für alle Menschen verständlichen Sprache stattfand und so von magischen Vorstellungen befreit wurde. Zu sehen ist hier das Exemplar der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena.

Luthers „Deutsche Messe“ diente nicht nur der Vereinheitlichung reformatorischer Gottesdienstpraxis, sondern machte auch deutlich, dass sich Lesen, Singen, Predigt und Gebet nicht in rituellem Handeln erschöpfen sollten, sondern der aktiven, verstehenden Teilhabe des Einzelnen am gottesdienstlichen Geschehen diente. Bis heute ist lutherische Spiritualität durch die Deutsche Messe geprägt.

Die ganze Bibel auf Deutsch
Luther arbeitete an der Bibelübersetzung fortlaufend weiter. Ihm zur Seite stand ein Kreis von gelehrten Helfern. Trotzdem blieb sie in der Hauptsache sein Werk. Nach verschiedenen Einzelübersetzungen der alttestamentlichen Bücher lag im Jahre 1534 erstmals die ganze Bibel auf Deutsch vor. In das Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde das Exemplar der Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, das bei dem großen Brand der Bibliothek 2004 gerade noch aus den Flammen gerettet werden konnte.

Die erste vollständige Lutherbibel auf Deutsch wurde mit aufwendigen Holzschnitten für Titelseiten und Initialen verziert. Die Ausgabe wurde mit einem Druckprivileg Kurfürst Johann Friedrichs I. von Sachsen ausgestattet, dessen Wappen auf der Titelseite von geharnischten Putten auf Bannern präsentiert werden. Das Weimarer Exemplar weist eine reiche Kolorierung und vergoldete und punzierte Schnitte auf.

Inhaltsverzeichnis der Bücher des Alten Testaments

Initiale zum Beginn der Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1.

Ganzseitige Illustration der Schöpfungsgeschichte. In vielen Holzschnitten werden mehrere Phasen einer biblischen Geschichte visualisiert. Die Darstellungen gewinnen so einen erzählerischen Charakter.

Illustration der Sintflut (1. Mose 7)

Darstellung von Gottes Bund mit Noah und Noahs Trunkenheit (1. Mose 9)

Darstellung des Untergangs von Sodom und Gomorrha: Lot wird gerettet, Lots Frau erstarrt zur Salzsäule, weil sie zurückschaut (1. Mose 19)

Abrahams Versuchung: Abraham führt Isaak auf einen Berg, um ihn zu opfern. Ein Engel verhindert die Opferung (1. Mose 22)

Immer wieder gab es revidierte Ausgaben der Bibelübersetzung. Die letzte, die noch vor Luthers Tod erschien, war die Bibel von 1545. Ihr Text wurde annähernd unverändert bis ins 20. Jahrhundert hinein benutzt. Erst dann setzten neuere Bibelrevisionen ein.
Die Bibel war und ist ein Bestseller. Bis zu Luthers Tod dürfte die Gesamtauflage seiner Bibelübersetzungen in Hoch- und Niederdeutsch eine Million Exemplare erreicht haben. Sie wurde zum Vorbild für Bibelübersetzungen auch in andere Sprachen Europas.

Eine Ausstellung des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.
Zum Weiterlesen
Irene Dingel/Henning P. Jürgens (Hg.): Meilensteine der Reformation. Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers, Gütersloh 2014, ISBN: 978-3-579-08170-0.
Luther-Dokumente im UNESCO-Register Memory of the world
Mitwirkende: Geschichte

Eine Ausstellung des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Realisierung: Irene Dingel/Henning P. Jürgens (Inhalt), Hanno Dannenfeldt, buerominimal Berlin (Gestaltung), Robert Kolb, St. Louis, USA (englische Übersetzung)

Luther-Dokumente im Weltdokumentenerbe der UNESCO „Memory of the world“

Quellen:

Luthers Psalter-Vorlesung 1513/15 Psalterdruck mit Marginalien und Glossen, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Signatur: 71.4 Theol. 4°

Luthers Psalter-Vorlesung 1513/15 Scholienheft, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Signatur: Mscr. Dresd. A 138

Luthers Römerbrief-Vorlesung 1515/16; Studentische Mitschrift, Anhaltische Landesbücherei Dessau, Signatur: Georg 1049a

Handexemplar Luthers der Hebräischen Bibelausgabe, Brescia 1494, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Signatur: Inc. 2840

Plakatdruck der 95 Ablassthesen (Nürnberg, Hieronymus Höltzel, vor Ende 1517), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Signatur: gr. 2° Luth. 54

Luthers Schrift „Ein Sermon von Ablass und Gnade“, (Wittenberg, Johann Grunenberg,1518), Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, Signatur: Auth. Luth. 1518 (9)

Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (Wittenberg, Johannes Grunenberg, 1520), Forschungsbibliothek Gotha, Signatur: Theol. 4° 00224/08 (08)

Eigenhändiger Entwurf Martin Luthers für seine Rede am 18. April 1521 vor dem Reichstag in Worms, 17./18. April 1521, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Ernestinisches Gesamtarchiv, Signatur: Reg. E 81

Eigenhändiger Brief Luthers an Karl V., 28. 4. 1521, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Lutherhaus Wittenberg, Signatur: I5/1387

Das Newe Testament Deutzsch, Wittenberg, Melchior Lotter, 1522, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Signatur: Bibel-S. 4° 257

Lied-Einblattdruck „Nun freut euch, lieben Christen gmein“, Augsburg, Philipp Ulhart, 1524, Universitätsbibliothek Heidelberg, Signatur: Cod. Pal. Germ. 793

Luthers Schrift „An die Radherrn aller stedte deutsches lands: das sie Christliche schulen auffrichten vnd hallten sollen“, Wittenberg, Lukas Cranach und Christian Döring, 1524, Stadtbibliothek Worms, Signatur: Mag- LB 181

Luthers Schrift „Deudsche Messe vnd ordnung Gottis diensts“, Wittenberg, Michael Lotter, 1526, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Signatur: 4 Bud. Var. 635 (8).

Biblia das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Mart. Luth., Wittenberg, Hans Lufft, 1534, Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, Signatur: Cl I : 58 (b)

Umsetzung
mit Unterstützung von buerominimal, Büro für Text und Gestaltung Berlin

Quelle: Alle Medien
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