1885 bis 1941

Hugo Helbing – Auktionen für die Welt

Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Eine Ausstellung anlässlich der Schenkung von annotierten Katalogen an das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI)

Der Bereich „Provenienzforschung / Werte von Kulturgütern“ spielt seit mehreren Jahren eine wichtige Rolle im Forschungsprofil des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (ZI) . Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang Quellen zum Kunstmarkt und Kunsthandel.
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Die großzügige Schenkung der Kunsthandlung Rudigier ist unmittelbarer Anlass dieser Ausstellung: Das ZI erhielt ein umfangreiches Konvolut von annotierten Katalogen des Münchner Auktionshauses Hugo Helbing. Das Konvolut umfasst insgesamt 698 Kataloge aus dem Zeitraum von 1895 bis 1937, von denen 345 vollständig, 144 teilweise oder vereinzelt annotiert sind, und nur 209 keine Einträge oder Vermerke enthalten. Die Ausstellung präsentiert exemplarisch einige der Kataloge und informiert über die vielfältigen Aktivitäten des jüdischen Kunsthändlers Hugo Helbing, der am 23. April 1863 in München geboren wurde und hier am 30. November 1938 an den Folgen eines Verhörs durch die Gestapo starb.

Derzeit sind der Forschung rund 800 Helbing-Kataloge bekannt, von denen aktuell 747 in den wichtigen Portalen „German Sales 1930-1945“ bzw. „German Sales 1901-1929“ der UB Heidelberg online konsultiert werden können. Die nun an das ZI gelangten Kataloge dokumentieren indes nicht nur den erzielten Hammerpreis, sondern auch den Käufer, der den Zuschlag erhielt, und in vielen Fällen auch den Einlieferer. Diese Angaben sind für viele Forschungsfragen von exzeptioneller Bedeutung.
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„Der Mann ist ein Faktor im Kunstleben Münchens und weiß das auch“ – Die Gründung des Auktionshauses Hugo Helbing
Hugo Helbing wurde am 23. September 1863 als Sohn des Münchner Textil- und Antiquitätenhändlers Siegmund Helbing geboren. Am 1. November 1885 eröffnete er im Alter von gerade einmal 22 Jahren eine kleine Kunsthandlung in München. Seit 1887 veranstaltete Hugo Helbing – anfangs gemeinsam mit der Münchner Hofkunsthandlung Albert Riegner – Kunstauktionen in stetig steigender Anzahl.

Das Kunst- und Auktionshaus „Galerie Helbing“ erfuhr um 1900 auch räumlich permanente Ausbauten. Mit dem Umzug in das von Gabriel von Seidl (1848-1913) errichtete Eckhaus Liebigstraße 21 im Jahr 1900 und der Eröffnung eines Erweiterungsbaus an der Wagmüllerstraße 15 zwei Jahre später konnte die 100. Kunstauktion Hugo Helbings im April 1902 erstmals in eigenen „museumsartig eingerichteten Räumen“ stattfinden. Der speziell für Auktionen gestaltete Oberlichtsaal soll „zu den schönsten Ausstellungsräumen in Europa“ gezählt haben.

Eine erste Auktion im Ausland fand bereits 1893 in Basel statt. Mit der Versteigerung des ersten Teils der Sammlung Georg Hirth 1898 rückte Helbing erstmals eine große Porzellankollektion in den Fokus deutscher Auktionshäuser. Anlässlich der Versteigerung der Gemäldesammlung Dr. Martin Schubart am 23. Oktober 1899 verglich man angeblich sogar im Feuilleton der französischen Zeitschrift Le Temps den Kunstmarkt München mit Paris.

Helbing hatte im Frühjahr 1906 mit Theodor Neustätter erstmals einen Teilhaber in die wachsende Firma aufgenommen und die Einzelunternehmung in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt. 1915 kamen Dr. Ernst Spiegel und Hugo Helbings Sohn aus der ersten Ehe mit Sofie Liebermann, Fritz Helbing (1888-1943), als Teilhaber hinzu.

„ein bedeutsames Anzeichen für den Übergang der Führung des Auktionsmarktes von Köln an München“ – Die Galerie Helbing zwischen 1900 und 1914
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte das Kunstversteigerungswesen in Deutschland eine Blütezeit. Die Zahl der bei Helbing abgehaltenen Auktionen stieg rapide, von zwölf Auktionen im Jahr 1901 auf 32 Auktionen im Jahr 1910. Julius Kahn, der 1913 einen Band über Münchens Großindustrie und Großhandel herausgab, widmete Hugo Helbing sogar ein eigenes Kapitel und vermerkte, dass Helbing seit der Gründung seines Unternehmens bis 1912 allein 330 Auktionen veranstaltet habe.

Hervorgehoben wurde neben der Sammlung Pannwitz 1905, die statt der geschätzten Gesamtsumme von 600.000 Mark einen Umsatz von 1.150.000 Mark erzielte, insbesondere die Versteigerung der Porzellansammlung Georg Hirth, die, wie Kahn betonte, vor allem eine preisbildende Wirkung zeigte: „Ferner ist daran zu erinnern, daß […] von der Versteigerung der Sammlung Dr. G. Hirth an das allgemeine Interesse für die kostbaren Erzeugnisse der süddeutschen Porzellanmanufakturen datiert. Die in dieser Auktion erreichten Preise wurden maßgebend für die Preisbildung auf dem gesamten Markte.“

Zwischen 1900 und 1903 gab Helbing die Zeitschrift Monatsberichte über Kunstwissenschaft und Kunsthandel heraus, die neben Ausstellungskritiken, Debatten um Neuerwerbungen und Aufsätzen zu aktuellen kunsthistorischen Diskursen auch allerlei praktische Informationen für Händler und Sammler enthielt.

Von 1912 bis Juli 1914 erschienen die Mitteilungen der Galerie Helbing, die vor allem Ankündigungen zu den eigenen Auktionen und sachkundige Beschreibungen der zu versteigernden Sammlungen publizierten.

Zu den über 800 Auktionen, die Helbing zwischen 1887 und 1937 veranstaltete, erschienen zudem aufwendig illustrierte wissenschaftliche Kataloge, deren akribische Bearbeitung unter Kritikern immer wieder hohes Lob und Anerkennung fand.
Tatsächlich unterhielt Helbing eine eigene Verlagsabteilung, die eine Reihe von Prachtwerken herausbrachte, darunter auch Sammlungskataloge für die königliche Gemäldegalerie, die Pinakothek, in München. Für seine Verdienste an der Kunstwissenschaft und die Unterstützung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bei Ankäufen erhielt Helbing 1911 den Titel des Kommerzienrates, den Verdienstorden vom Heiligen Michael und 1918 den Titel des Geheimen Kommerzienrates.

Auch im Ausland, insbesondere in Italien und in der Schweiz, konnte Helbing etliche Versteigerungen abhalten. Zwar schien der Erste Weltkrieg „die nach dem Ausland gesponnen Fäden“ zunächst zu kappen, doch auch in der Nachkriegszeit war es Helbing schnell wieder möglich, Auktionen jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches, insbesondere in der Schweiz, zu veranstalten.

„Suggestion der Millionen“ – Die Kunstversteigerungen in München und Berlin in den 1910er und 1920er Jahren
Trotz des Zusammenbruchs des Auslandsgeschäfts brachte der Erste Weltkrieg kaum wirtschaftliche Einbußen auf dem Kunstmarktsektor. Kritiker wie der Journalist Dr. Kurt Mühsam (1882-1931) beobachteten, dass die Versteigerungen während des Krieges eine „nie geahnte Hausse“ brachten, bei der „eine Versteigerung die andere jagte“ und die Ergebnisse „alles bisher Dagewesene in den Schatten“ stellten. 1916 eröffnete Helbing eine Zweigniederlassung in Berlin und gründete eine Auktionsgemeinschaft mit dem Kunstsalon von Paul Cassirer (1871-1926). Gemeinsam mit der Firma Cassirer – nach Cassirers Tod vertreten durch Grete Ring (1887-1952) und Walther Feilchenfeldt (1894-1953) – veranstaltete Helbing bis 1932 über 80 Versteigerungen bedeutender Sammlungen auf einem Preisniveau, das mit Häusern in Paris und London mithalten konnte.

Bereits eine der ersten gemeinschaftlich abgehaltenen Auktionen, die Sammlung Hugo Schmeil, erzielte 1,25 Millionen Mark, was Berlin den Ruf als „Kunstbörse“ einbrachte. 1917 wurde die Sammlung von Dr. Richard Kaufmann ebenfalls von Helbing und Cassirer sogar für 12 Millionen Mark versteigert.

Auch in den 1920er Jahren hielt dieser Erfolg an und Helbing und Cassirer hatten mit der Versteigerung der Sammlung Joseph Spiridon aus Paris ihr größtes Kunstmarktereignis zu verzeichnen. Die 79 Bilder dieser Sammlung, größtenteils altitalienische Meister, die auf 6 Millionen Reichsmark geschätzt worden waren, erzielten wohl unter reger Beteiligung der großen amerikanischen Sammler, etwa Pierpont Morgan (1837-1913) und Joseph E. Widener (1871-1943), ein Gesamtergebnis von rund 10 Millionen Reichsmark – allein Domenico Ghirlandaios Bildnis eines jungen Mädchens erzielte 750.000 RM.

„Der Kunsthandel […] hat eine Aufblähung erlitten, die noch nicht vollständig wieder zurückgedämmt ist“ – Reformierung des Auktionswesens und antisemitische Hetze um 1930
Kritiker beäugten die Abwanderung unersetzlicher Meisterwerke zu Riesenpreisen ins Ausland mit Skepsis. Die prekäre wirtschaftliche Situation nach dem Ersten Weltkrieg habe zu einem „allgemeinen Ausverkauf deutschen Kulturgutes“ geführt und längst ginge es bei Versteigerungen nicht mehr um Sammlerwerte, sondern um Spekulation, wie es anlässlich einer Auktion bei Helbing im Februar 1923 in der Münchner Zeitung hieß: „Aber wie hat sich das Publikum gewandelt! [...] Die Staatsgalerien und die städtischen Sammlungen haben kein Geld mehr für Ankäufe, oder nicht so viel, daß sie mit dem Schweizer Händler konkurrieren könnten. [...] Jetzt beherrschen die Händler den Saal, und auch der Ton ist danach.“

Bedauerlicherweise fiel die Reformierung des Kunstauktionswesens in eine Zeit, als die Kritik am Kunstmarkt längst durchsetzt war von antisemitischer Hetze: „Durch die […] fortgesetzte Spekulationsmethode vorzüglich jüdischer Gross- und Internationalfirmen sind heute eine grosse Zahl unzuverlässiger und unwürdiger Elemente in den Kunsthandel verstreut“, schrieb der Redakteur H. W. May am 8. Mai 1933 an das Bayerische Ministerium des Innern.

Für derlei antisemitische Parolen bot gerade der Münchner Kunsthandel ein hervorragendes Ziel. Zwar ist die exakte Anzahl der jüdischen Kunsthandlungen in München bis heute unklar, allerdings zeigt die Karte deutlich, dass ein großer Teil der Münchner Kunsthandlungen um 1930 von jüdischen Familien geführt wurde, darunter ein paar der bedeutsamsten Galerien, Auktionshäuser und Kunst- und Antiquitätenhandlungen.

Rot markiert: die Galerie Helbing an der Liebigstraße 21, Ecke Wagmüllerstraße 15

Der Großteil der jüdischen Kunst- und Antiquitätenhandlungen hatte sich um den Maximiliansplatz und in der Brienner Straße angesiedelt.

„Umgruppierung oder Auflösung binnen vier Wochen“ – die „Entjudung“ des Münchner Kunsthandels
Im Juli 1933 wurde die „Gleichschaltung“ des Verbands des deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels e.V. vorgenommen. Der jüdische Vorstand wurde entlassen und der Münchner Kunsthändler Adolf Weinmüller (1886-1958), seit 1931 Mitglied der NSDAP, zum Vorsitzenden ernannt. Weinmüller hatte im Folgenden massiven Einfluss auf die „Neuregelung“ des deutschen Kunsthandels. In seiner Position als 1. Vorsitzender des Verbands zeichnete er mitverantwortlich für das am 16. Oktober 1934 verabschiedete Gesetz über das Versteigerergewerbe. Demnach mussten Auktionatoren zum Erhalt einer Versteigererlizenz ihre „Zuverlässigkeit“ belegen, die gleichbedeutend mit einer Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer war, welche jüdischen Händlern per se verwehrt blieb.

Schließlich wurden im Rahmen einer im Sommer 1935 durch die Reichskammer der Bildenden Künste veranlassten „Neuregelung“ des Münchener Kunsthandels über vierzig jüdische Kunst- und Antiquitätenhändler sowie Antiquariate per Einschreiben zur „Umgruppierung oder Auflösung“ des Betriebes innerhalb einer Frist von nur vier Wochen aufgefordert.
Umsatzstärkere Unternehmen erhielten in Hinblick auf ihr Geschäftsvermögen teilweise Fristverlängerungen, wurden jedoch mit dem zunehmenden Druck der Verfolgung ebenfalls entweder sukzessive aufgelöst – wie die Kunst-und Antiquitätenhandlung von Siegfried und Walter Lämmle – oder „arisiert“, etwa an von den Behörden bestellte Treuhänder verkauft.

Einige Händler überschrieben ihr Geschäft im Zuge der Emigration an „arische“ Mitarbeiter – so führte z. B. Friedrich Heinrich Zinckgraf die Galerie Heinemann weiter und Käthe Thäter, langjährige Mitarbeiterin von Hugo Helbings Neffen, Fritz Nathan (1895-1972), übernahm die Ludwigs-Galerie, nachdem die Familie Nathan 1936 in die Schweiz emigriert war.

Etliche der betroffenen Händler, so auch Hugo Helbing, sandten ausführliche Protestschreiben an die zuständigen Behörden. Wenngleich sich die eigentliche „Abwicklung“ des Auktionshauses Helbing noch bis 1941 hinziehen sollte, war das Geschäft de facto bereits 1934 mit der neuen Versteigerergesetzgebung lahmgelegt und finanziell ruiniert.

Lediglich unter der Leitung des „arischen“ Prokuristen Adolf Alt konnten zwischen 1935 und 1937 ein paar wenige Auktionen bei Helbing abgehalten werden. Fritz Helbing stieg zum 31. Dezember 1935 als Teilhaber aus dem Unternehmen aus. Am 7. April 1936 verstarb Theodor Neustätter und am 1. Dezember 1936 schied Ernst Spiegel, der letzte Gesellschafter aus dem Unternehmen aus und emigrierte in die USA. Die Abfindung der Teilhaber belastete das Unternehmen, dennoch versuchte Helbing, das Auktionshaus aufrecht zu erhalten. Um den Ankauf von Kunstgegenständen zu finanzieren, hatte er Hypotheken eintragen lassen und Kunstgegenstände an Banken sicherheitsübereignet.

Helbing versuchte zudem wiederholt sein Unternehmen an seinen Prokuristen Adolf Alt zu überschreiben. Am 23. November 1938 lehnte die Regierung von Oberbayern dieses Ansinnen ab. Hugo Helbing selbst erhielt diesen Bescheid nicht mehr, denn er wurde in der „Reichspogromnacht“ verhaftet, niedergeschlagen und erlag schließlich im Alter von 75 Jahren am 30. November 1938 seinen schweren Verletzungen.

Am 2. Dezember 1938, zwei Tage nach Helbings Tod, bestellte das Reichspropagandaamt, Gau München-Oberbayern, einen „Abwickler“ für die Galerie Helbing. Der „Referent der Reichskammer der bildenden Künste“, Max Heiß (1891–1962), hatte sich neben Helbings Witwe, Ludwina Helbing (1884-1962), und dem Prokuristen Adolf Alt als „kommissarischer Leiter der Nachlasspflichten“ bereits zur Testamentseröffnung am 12. Dezember 1938 eingefunden.

Das überaus komplexe „Arisierungsverfahren“ scheiterte jedoch daran, dass Max Heiß keine Versteigererlizenz erhielt und mündete schließlich 1941 in den Verkauf der Galerie Helbing an den Kunsthändler Jakob Scheidwimmer – ebenfalls ohne Versteigererlizenz.

Wiedergutmachung?
Der Rechtsanwalt und Nachlassverwalter Hugo Helbings, Dr. Hans Raff, hatte nach dem Krieg gemeinsam mit der Witwe Ludwina Helbing und deren Nichte bzw. Ziehtochter Helbings, Alwina Hölzermann (1908-1977), mehrere Verfahren zur Entschädigung und Restitution bei der Wiedergutmachungsbehörde München eingeleitet. Die Verhandlungen führten jedoch zu keinem befriedigenden Ergebnis, da grundlegende Fragen zu den An- und Verkäufen der Galerie zum Zeitpunkt der „Treuhänderschaft“ durch Heiß mangels aussagekräftiger Unterlagen ungeklärt blieben.

Obwohl offensichtlich einige der Kunstwerke aus dem Privatbesitz Helbings rechtzeitig hatten in Sicherheit gebracht werden können, waren neben dem bedeutenden Warenlager auch große Teile der Privatsammlung Helbings, insbesondere ein größeres Konvolut an Spitzweg-Zeichnungen, unter den durch Heiß annektierten Beständen. Das Warenlager, sowie etliche der Kommissionswaren – darunter ein umfangreicher Bestand an Kunstwerken aus „nicht-arischem“ Eigentum, der zum Zeitpunkt der Übernahme des Geschäftes durch Max Heiß in der Liebigstraße lagerte – gelten bis heute als verschollen.

Scheidwimmer, der die Waren 1941 von Max Heiß übernommen hatte, machte in den Wiedergutmachungsverfahren zu den von ihm übernommenen Kunstobjekten nur überaus knappe Angaben. Auch die von ihm zur Verfügung gestellten Listen, enthielten lediglich vage gehaltene Beschreibungen, was eine Identifizierung dieser Objekte bis heute erschwert, ja sogar unmöglich werden lässt. Ludwina Helbing und die Erbengemeinschaft erhielten schließlich eine Kapitalentschädigung, die den Verlust der Galerie Helbing allerdings kaum aufwiegen konnte.

EXKURS: Hugo Helbings Frankfurter Zweigfiliale unter der Leitung Arthur Kauffmanns

Neben der Filiale in Berlin hatte Hugo Helbing im Jahr 1919 in Frankfurt am Main eine weitere Zweigstelle seines erfolgreichen Auktionshauses gegründet. Standort der Niederlassung waren einige angemietete Räumlichkeiten im Erdgeschoss der 1883 von Generalkonsul Charles Oppenheimer (1836 -1900) erbauten Villa in der Bockenheimer Landstraße 8, die 1917 von Max von Goldschmidt-Rothschild (1843-1940) erworben worden war. Als Prokurist stellte Helbing den Kunsthistoriker Dr. Arthur Kauffmann (1887-1983) ein, der bald darauf Direktor des Hauses und 1923 gleichberechtigter Partner wurde. Mit dem erzwungenen Rückzug aus seinem Münchner Geschäft, gab Helbing im Oktober 1935 gleichermaßen seine Filiale in Frankfurt auf und Kauffmann wurde Alleininhaber.

Im Frühjahr 1935 mussten die Frankfurter Kunsthändler bei der Stadtverwaltung einen Antrag auf Erneuerung der Versteigerererlaubnis einreichen. Als Kauffmann diese aufgrund seiner jüdischen Abstammung untersagt blieb, beschwerte sich das Verkehrsamt Frankfurt a.M. am 6. Mai 1935 beim Oberbürgermeister: „Die Kunstversteigerungen in Frankfurt a.M. – insbesondere die des Hauses Helbing – besitzen Weltruf. Sie haben alljährlich die Kunsthändler aus allen Teilen der Welt nach Frankfurt a.M. geführt und zur Belebung des Wirtschaftslebens der Stadt beigetragen.“ Tatsächlich konnte Kauffmann bis 1937 noch sieben Auktionen abhalten. 1938 emigrierte er mit seiner Familie nach London und kehrte auch nach dem Krieg nicht mehr zurück.
Die Frankfurter Filiale des Auktionshauses Helbing wurde nach Kauffmanns Emigration nicht „arisiert“, wohl aber wurden die Räumlichkeiten „verwertet“: Seit Februar 1935 war die NS-Kulturgemeinde auf der Suche nach einem Ausstellungsgebäude „um dem Frankfurter Kunstleben und der mit ihm verbundenen Künstlerschaft gerecht zu werden“. Nachdem Max von Goldschmidt-Rothschild die bebaute Liegenschaft Bockenheimer Landstraße 8 im Juni 1937 unter massivem Druck an die Stadt Frankfurt verkauft hatte, konnte ein kostspieliger Umbau vorgenommen werden. Im Mai 1939 berichteten die Medien von der feierlichen Eröffnung, im Sommer 1939 wurde die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ in den Räumlichkeiten gezeigt.

Ausblick: Zum Quellenwert annotierter Auktionskataloge
Auktionskataloge sind eine unterschätzte Quellengattung. Ihr besonderer Quellenwert wird jedoch dann sofort einsichtig, wenn man an Objekte in Privatbesitz denkt. Wechseln diese direkt oder durch Vermittlung eines Kunsthändlers den Besitzer, und gelangen erneut in Privatbesitz, so hinterlässt diese Transaktion in der Regel keine Spuren, die recherchiert werden könnten. Bei öffentlichen Versteigerungen und Auktionen hingegen werden Werke aus Privatbesitz dokumentiert – einige von ihnen erstmals. Diese Übereinstimmung der drei Koordinaten – was, wo, wann – ist häufig ein erstes Indiz im Laufe der Recherchen.

Doch die Listung in einem Katalog und die Identifizierung mit einer Lot-Nr. besagt noch nichts über den Verlauf der Auktion (wie z.B. Hammerpreis), über den Einlieferer und den Käufer. Lässt man die Zeitzeugenschaft oder die selektiven Berichte in der Fachpresse außer Acht, so liefern allein die annotierten Kataloge jene Informationen, die für klassische kunsthistorische Forschungsfragen (Werkverzeichnisse, Zuschreibungen, etc.) wie für die Provenienzforschung von maßgeblicher Bedeutung sind.

Ähnlich wie das Fotoarchiv der Münchner Kunsthandlung Julius Böhler (Link), welches das ZI 2015 mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erwerben konnte, sollen die annotierten Helbing-Kataloge – schon aus konservatorischen Gründen – mittelfristig digitalisiert und der Forschung in geeigneter Weise zur Verfügung gestellt werden. Die geplante Nutzbarmachung der Informationen aus den Helbing-Katalogen erfordert indes nicht nur die Suche nach – und den Abgleich mit – anderen annotierten Exemplaren weltweit sowie eine konstruktive Abstimmung mit der UB Heidelberg. Angesichts des immensen Arbeitsaufwands, der Bindung personeller und technischer Ressourcen sowie der Programmierung eines forschungsorientierten Interface ist weitere finanzielle Unterstützung des Projekts unabdingbar.

Zentralinstitut für Kunstgeschichte
Mitwirkende: Geschichte

Kuratorinnen: Meike Hopp, Melida Steinke
Foto- und Filmaufnahmen: Florian Schröter, Susanne Spieler
Plakatdesign: Adrian Siedentopf
Tonaufnahme: Christian Fuhrmeister
Übersetzung: Dajana Rujbr-Fischer

Unser besonderer Dank geht an: Gertrud Rudigier, Johannes Nathan, Ulrich Pfisterer, den Verein der Freunde des Zentralinstituts für Kunstgeschichte e.V. CONIVNCTA FLORESCIT, Konrad & Rahel Feilchenfeldt, Thomas Rosemann (Kunsthaus Zürich, Bibliothek), Elisabeth Stürmer (Stadtmuseum München, Bildarchiv), Robert Bierschneider (Staatsarchiv München), Andreas Heusler und Anton Löffelmeier (Stadtarchiv München), Harald Müller und Richard Winkler (Bayerisches Wirtschaftsarchiv der IHK München), Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Rüdiger Hoyer, Mathias Becker, Susanne Spieler, Florian Schröter, Christian Fuhrmeister, Stephan Klingen, Johannes Griebel, Matteo Burioni, Adrian Siedentopf, Vanessa Voigt, Wolfgang Burgmair, Rolf Hofmann, Julie Rothschild, Alwy Becker-Hölzermann und an alle, die uns bei der Realisierung dieser Ausstellung unterstützt haben.

Weiterführende Literatur (u. a.):
Karl Wilhelm: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Kunstauktionswesens in Deutschland vom 18. Jahrhundert bis 1945, Univ. Diss, München 1989
Wolfram Selig: „Arisierung“ in München, die Vernichtung jüdischer Existenz 1937–1939, Berlin 2004
Meike Hopp: Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien, 2012
Meike Hopp: Kunsthandel 1938, in: 1938. Kunst, Künstler, Politik, hrsg. von Eva Atlan, Raphael Gross, Julia Voss, Göttingen 2013, S. 151-175
Meike Hopp und Melida Steinke: „Galerie Helbing“ – Auktionen für die Welt, in: Provenienz & Forschung, hrsg. vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg, Heft 1/2016, S. 54-61

Quelle: Alle Medien
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