daHEIM – Einsichten in flüchtige Leben

Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin

Mit Kunst seine eigene Geschichte erzählen – eine Ausstellung von Menschen, die nach Deutschland und Europa fliehen mussten

Einleitung
Sie kamen aus Albanien, Afghanistan, Bosnien, Irak, Kosovo, Pakistan und Syrien und hatten vor allem eines gemeinsam: dass sie aus ihren Ländern fliehen mussten – aus welchen Gründen auch immer. Von Anfang März 2016 bis zur Eröffnung der Präsentation gut fünf Monate später, am 21. Juli, gestalteten sie in einem werkstattartigen Prozess die hier gezeigten Räume. Die meisten von ihnen wohnten zu dieser Zeit in einem Heim in Berlin-Spandau. Andere hatten die Unterkunft verlassen, lebten in einer eigenen Wohnung oder wurden in ihre „herkunftssicheren“ Länder abgeschoben. Sie alle sind KUNSTASYL und bildeten gemeinsam die Initiative von Künstler_innen, Kreativen und Asylsuchenden.

Auf den Wänden schrieben sie ihre Erinnerungen an die verlassene Heimat, an die strapaziöse Flucht, an das gefährliche Meer, an ertrinkende Menschen. Teile von ausgemusterten Bettgestellen aus Notunterkünften komponierten sie derart, dass die Werke an Zelte, Boote oder das verlorene daHEIM erinnern. Durch ihre persönliche Geschichte werden sie zu Stellvertreter_innen für Unzählige und formulieren so die kollektiven Empfindungen von Generationen heimatlos Gewordener: Es sind Einsichten in flüchtige Leben.

Ähnlich erging es Menschen, die im 19. und 20. Jahrhundert in, nach und aus Europa fliehen mussten. Biografien aus jenen Zeiten zeigen, dass es Zuwander_innen durch Flucht immer gegeben hat – dass Menschen weggehen, fliehen, ankommen, bleiben, ihr Leben bewältigen. Und Träume haben.

Bereket Kibrom
Am 25. Mai 2016 stand Bereket Kibrom im Garten des Museums, um sein erstes Dach aus Weiden und Stroh in Deutschland zu bauen – fast genauso, wie er es zehn Jahre lang in Ghergef, einer Stadt in Eritrea, getan hatte. Mit dem Dachbau von monatlich vier bis fünf „Agedos“ ernährte er Mutter, Vater und fünf Geschwister. Just an diesem Tag hatte ihm eine Beamtin der Ausländerbehörde in Berlin freundlich lächelnd und mit festem Händedruck den „Blauen Pass Deutschland“ (Reiseausweis für Menschen, deren Asylanspruch von Deutschland anerkannt wird) ausgehändigt. Der 28-Jährige war vor der Diktatur in Eritrea geflohen, die ihn zu lebenslangem Militärdienst verpflichten wollte.

Der glücklichste Tag in seinem Leben war, als er seinen Fuß auf italienischen Boden setzte. Die schwärzesten Tage erfuhr er nach einem gescheiterten Fluchtversuch 2012 in einem ägyptischen Gefängnis an der Grenze zu Israel. Dazwischen lagen zwölf Jahre, in denen er in einer Zeltstadt lebte. „Eritrea hat uns gut aufgenommen“, sagt Bereket in Erinnerung an den Krieg, der 1998 in Äthiopien ausbrach. Seine Familie, die sich vom Getreidebau ernährte, wurde damals aus ihrem Leben im Dorf Bademe vertrieben.

Wenige Tage, nachdem er sich selbst seine Schulzeit für beendet erklärt hatte, fiel ihm ein Mann auf, der Dächer baute. Die dafür notwendige Kunstfertigkeit faszinierte ihn. Der Handwerker nahm ihn in die Lehre und nach zwei Monaten legte Bereket sein Gesellenstück ab. In Ghergef, eine Tagesreise mit dem Auto von dem Camp entfernt und in einer fruchtbaren Gegend gelegen, errichtete Bereket seiner Familie ein erstes Dach über dem Kopf – ein strohgedecktes „Agedo“, in dem die Eltern bis heute leben.

Sein Vater weint, wenn er mit seinem Ältesten telefoniert. Wann die Familie sich wiedersehen kann, bleibt ungewiss.

(Text: barbara caveng)

Ina Sado
„Ich wollte immer an die Uni, studieren und erfolgreich sein in meinem Leben, obwohl ich eine Menge Schwierigkeiten hatte. Ich ging ans College und kümmerte mich nicht um die Gefahr, in der ich mich befand, den Bombenlärm, die langen angstvollen Nächte auf dem Campus. Ich konzentrierte mich immer auf mein Studium und war glücklich. Aber eines Tages war all das plötzlich zerstört und ich hatte alles, was ich besaß, verloren. Ich floh von Zuhause. 'Zuhause', wenn ich dieses Wort sage oder höre, tut mir mein Herz weh. Ich werde nie wieder dieselbe Person sein, die ich einmal war.“

Ina, 23, musste Familie und Freunde und alles, was sie besaß, im Irak zurücklassen. Nur einen Ring konnte sie nach Deutschland retten. In der Ausstellung ist ein Zyklus von Zeichnungen von ihr zu sehen.

Ina Sado wurde am 10.6.1993 in der Stadt Shingal, Irak, geboren. Dort lebte sie zusammen mit sieben Geschwistern, Vater und Mutter bis zum 3. August 2014. Nach elf Monaten und acht Tagen in Berlin bekam sie den „Blauen Pass Deutschland“. Das Reisedokument bezeugt, dass Deutschland ihr Asyl gewährt, um sie vor Verfolgung im Herkunftsland zu schützen.
Ina zog im Juni 2016 nach Köln, wo sie mit ihrem Verlobten leben und ihr Biologiestudium fortführen wollte.

Anna Seghers
wurde am 19.11.1900 in Mainz geboren. Während ihres Studiums lernte sie den ungarischen Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler Laszlo Radvanyi kennen, den sie 1925 heiratete. 1926 und 1928 wurden ihre beiden Kinder geboren. 1928 erhielt Anna Seghers für ihre literarischen Arbeiten den Kleist-Preis. Sie trat der Kommunistischen Partei Deutschlands und dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller bei. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 musste sie über die Schweiz nach Frankreich fliehen. Bis 1940 lebten sie und ihre Familie in Paris. Mit der Besetzung von Nordfrankreich durch die Deutschen floh sie mit ihren Kindern in den unbesetzten Süden Frankreichs. Bereits im Frühjahr 1940 war ihr Mann dort interniert worden. 1941 erhielt sie die Visa für ihre Flucht nach Mexiko.

Die literarische Arbeit und das Engagement unter den ExilantInnen waren Anna Seghers' Lebenselixier. 1942 erschien „Das siebte Kreuz“, einer der wichtigsten Romane über Deutschland während des Nationalsozialismus. 1947 kehrte sie nach Berlin zurück und lebte im Ostteil der Stadt. Von 1952 bis 1978 war sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. Sie starb 1983.

Serdar Yousif
„Ich wurde 1966 in dem Dorf Korki Mkhayett in Syrien geboren. Tatsächlich ist das genaue Datum meiner Geburt nicht bekannt. Meine Eltern sagten mir, dass es im Sommer gewesen sei – im Gegensatz zu meinem offiziellen Geburtsdatum, dem 5.1.1966. Während meiner Zeit im Dorf spielte ich mit meinen Cousins und Freunden in der Steppe. Wir Kinder nahmen am gemeinschaftlichen Leben teil, halfen der Familie im Haushalt wie auch bei der Weizen-, Gersten- und Linsenernte. Für das Schleifen des Korns verwendeten wir einfache Maschinen, die von Pferden gezogen wurden. Wir brachten das Heu ein, tränkten die Tiere, holten Wasser aus den Teichen, bewachten die Felder und mussten all die harten und schwierigen Arbeiten übernehmen, die auf dem Lande anfallen."

„Ich arbeitete zudem als Schäfer und passte auf die Esel auf. Ab 1971 besuchte ich die Grundschule im Dorf. Später ging ich in die ‘Schule der Ölfelder von Rmeilan‘. Besonders im Winter war es hart, den drei bis vier Kilometer langen Weg zu Fuß zu gehen. Nach dem Abitur schrieb ich mich an der Universität für Landwirtschaft in Damaskus ein. Erst zehn Jahre später konnte ich mein Studium abschließen, da ich die ganze Zeit über arbeiten musste, um mein Leben zu finanzieren. Im Anschluss wurde ich in die ‘Syrische Gesellschaft für den Handel und Verkauf von Getreide‘ berufen. Dort ging ich meinem Beruf nach, bis mich der Bürgerkrieg in Syrien 2011 zum Verlassen des Landes zwang.”

Magdalena Schweiger
wurde am 6.4.1915 als elftes Kind von Ignat und Kenefefa German, Nachfahren von deutschen Siedlern, in einem Dorf auf der Halbinsel Krim geboren. Im Januar 1938 heiratete sie den Kraftfahrer Nikolaj Schweiger. In ihrer kurzen Ehe bekamen sie drei Kinder, einen Sohn 1938 und zwei Töchter 1940 und 1943. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie im September 1941 als „deutsche Volkszugehörige“ enteignet und aus ihrer Heimat in ein Arbeitslager im Norden Kasachstans deportiert. Der Ehemann wurde für die Industriearbeit mobilisiert und im Januar 1942 nach Korkin gebracht, wo er 1945 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte.

In Kasachstan unterstanden Magdalena und ihre Kinder bis 1955 der Kommandantur ohne Recht auf Bewegungsfreiheit. Erst 1990 wurden sie als Opfer von „ungesetzlicher Ausweisung“ und politischen Vergeltungsmaßnahmen anerkannt und rehabilitiert. Am 31.3.1993 verließ Magdalena gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter als sogenannte Spätaussiedlerin Kasachstan in Richtung Deutschland, wo sie am 11.10.2003 im Alter von 88 Jahren verstarb.

Dachil Sado
„Im März 1992 und damit genau ein Jahr nach Ende des Ersten Golfkrieges kam ich in der Stadt Shingal, Irak, zur Welt. Meine Kindheit war wie die vieler anderer Kinder, während ich davon träumte, Wissenschaftler und Erfinder zu werden. Im Alter von zehn waren Albert Einstein und Leonardo da Vinci meine Idole. 2004 nach dem Abzug der irakischen und kurdischen Truppen attackierten Truppen des ‘Islamischen Staates‘ die Region der Jesiden, unter anderem Shingal, wo meine Familie und ich immer noch lebten. Sie begingen einen Völkermord an uns. Die Jesiden sind ein friedliches und hoffnungsvolles Volk – wir haben 73 Genozide überstanden, aber dieses Massaker zerstörte jede Hoffnung, in diesem Land weiterleben zu können. 'Die Hoffnung ist Träumen mit offenen Augen' (Aristoteles).”

„Ich wollte nicht mehr in einem Land leben – weder im irakischen noch im kurdischen Teil –, welches mir nicht die einfachsten Menschenrechte zugestand. Deswegen hab ich mich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Hier kann ich ganz normal als Mensch unter anderen Menschen leben. Zurzeit versuche ich herauszufinden, wo meine innere Heimat ist und was Nationalität und Grenzen für mich bedeuten.”

Dachil wollte Bauingenieur werden. Doch während seines ersten Jahres in Deutschland schlug er eine ganz neue Richtung ein. Dachil ist einer der Kuratoren der Ausstellung.

Jasim Gull
Solche Größe wie auf Jasims Landkarte erreichte die Schweiz noch nie. Fast ebenbürtig an Fläche schließt sie sich an Deutschland an. Jasim hat seinen Traum kartografiert. Er verfügt über so viel länderspezifisches Wissen zu den unterschiedlichsten helvetischen Themengebieten, dass er im Smalltalk souverän über die Gründungsjahre der Eidgenossenschaft oder das komplexe Mülltrennungssystem parlieren kann. Trotz des Lächelns des Richters ob der Begeisterung des heute 31-jährigen Mannes aus Afghanistan über das öffentliche Verkehrswesen der Schweiz musste Jasim nach anderthalb Jahren das Land verlassen.

Als Kind von sieben Jahren hatte er erfahren, was es bedeutet, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden: Unehelich geboren, konnte ihn seine Mutter vor den Gesetzen einer archaischen Gesellschaft nicht schützen. Er floh über die Grenze zum Onkel nach Pakistan. Er hörte vom Leben seiner Brüder in Paris, in der Schweiz und betrachtete die Fotos, die sie schickten. Filme bebilderten seine Vorstellung von Europa.

„Zu dieser Zeit ungefähr dachte ich mir, dass die besseren Länder für mich, mein Leben und meine Zukunft in Europa liegen. Als ich die Schule beendete, bekam ich Probleme, und ich fing an, nach einem Land zu suchen, in dem keine Muslime lebten. Nach einem Jahr fand ich es. In Liechtenstein gab es keine Muslime und ich befand, dass es das bessere Land für meine Zukunft sei.“ So ging Jasim von Afghanistan bis Liechtenstein. Und als sie ihm dort sagten, „wir sind zu klein, wir haben keinen Platz für dich, du musst zurück“, ging er weiter in die Schweiz und seine Hoffnung machte das kleine Land groß, auf dass er dort eine Bleibe finden könnte.

Fünf Jahre sind rastlos vergangen und haben ihn müde gemacht. Sein Schicksal koppelt Jasim jetzt an das große Deutschland. Falls Deutschland ihm keinen Schutz gewähre, sagt er, dann wisse er nicht mehr, wohin er sich wenden solle.
Auf der Fensterbank in seinem Raum im Heim liegt die Biografie von Nelson Mandela. Es ist „Der lange Weg zur Freiheit“.

(Text: barbara caveng)

GRENZE
Installation aus Bettgestellen mit Kleidungsstücken aus Lampedusa und Idomeni

barbara caveng ist eine der Kurator_innen der Ausstellung und die Initiatorin von KUNSTASYL.

Mitwirkende: Geschichte

Ausstellung daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben, vom 22.07.2016 bis 02.07.2017 im Museum Europäischer Kulturen. Kooperationsprojekt zwischen dem Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin, barbara caveng und KUNSTASYL

Projektverantwortung: Elisabeth Tietmeyer
Künstlerische Leitung: barbara caveng/ Aymen Montasser/ Dachil Sado

Texte: Museum Europäischer Kulturen/ KUNSTASYL/ barbara caveng

Redaktion: Alina Helwig/ Lisa Janke/ barbara caveng/ Elisabeth Tietmeyer

Umsetzung: Lisa Janke

Fotos: Ute Franz-Scarciglia

© Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz

www.smb.museum
Museum Europäischer Kulturen

Weiterführende Literatur: Publikation „Einsichten in flüchtige Leben“
https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/catalog/book/164

Quelle: Alle Medien
Der vorgestellte Beitrag wurde möglicherweise von einem unabhängigen Dritten erstellt und spiegelt nicht zwangsläufig die Ansichten der unten angegebenen Institutionen wider, die die Inhalte bereitgestellt haben.
Mit Google übersetzen
Startseite
Erkunden
In der Nähe
Profil