Abstraktion vor der Abstraktion – Türkisch Papier

Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Buntpapier (Steinmarmor), Unbekannt, 18. Jahrhundert, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Ein Buntpapier ist ein Papier, dessen Oberfläche gefärbt, getränkt, gestrichen, bedruckt oder geprägt wird. Es gibt viele Formen solcher Papierbearbeitung. Aber die Kunst des Marmorierens für das „Türkisch Papier“ galt als die „Königin unter den Verfahren des Buntpapiers“, wie es Peter Jessen, erster Direktor der Bibliothek des Berliner Kunstgewerbe-Museums (heute Kunstbibliothek), formulierte.

Buntpapier (Schneckenmarmor), Unbekannt, 18. Jahrhundert, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Der englische Reisende George Sandys erwähnte als erster in dem 1615 gedruckten Bericht seiner Reise in die Türkei die bunt marmorierten Papiere: „Das merkwürdige Wolkenmuster ihres Papiers, das dieses dicht bedeckt und sehr farbig marmorartig gemustert ist, wird mit Hilfe eines Tricks durch Eintunken in Wasser gefertigt.“

Buntpapier (Wellenmarmor), Unbekannt, 18. Jahrhundert, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Der „Trick“ des Tunkpapiers erfordert viel Übung: Die mit Ochsengalle versetzten Farben werden auf die Oberfläche eines Gemischs aus Wasser und Gummitragant durch Spritzen mit einem Pinsel aufgebracht. Mit Stäbchen oder Kämmen werden die Farben in ein buntes Gemisch phantastischer Muster verteilt, gezogen und gezeichnet. Dieser schwimmende Farbenteppich wird mit einem Papierbogen abgehoben und getrocknet.

Kalligrafische Schriftproben auf Buntpapier, Hafiz Osman, Um 1720, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Die aus dem orientalischen Raum stammende Technik des Marmorierens wurde Ende des 16. Jahrhunderts in Europa bekannt, daher wurden diese Papiere auch „Türkisch Papier“ oder „Türkisch Marmor“ genannt. Die kunstvoll gefärbten Papiere verwendete man in der Türkei zum Beispiel als Albumblätter, auf die kalligrafische Schriftproben geklebt wurden.

Buntpapier (Kammmarmor), Unbekannt, 18. Jahrhundert, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Der jesuitische Universalgelehrte Athanasius Kircher widmete dem „Türkisch Papier“ 1644 eine sehr genaue Beschreibung in seiner Ars magna lucis et umbrae (Die große Kunst von Licht und Schatten) – der „Trick“ der Herstellung der Tunkpapiere auf einer Wasseroberfläche war damit endgültig enthüllt. Athanasius Kircher war fasziniert von dem Glanz und der Schönheit dieser Bilder („picturae splendor et pulchritudo“), deren verschiedene Möglichkeiten der Bearbeitung zu zahllosen Erfindungen von neuen Mustern führen werde.

Buntpapier (Kammmarmor), Unbekannt, 18. Jahrhundert, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

1651 erwähnte auch der deutsche Poet Georg Philipp Harsdörffer die Technik, ein „Türkisch Papyr zu machen“. Nach einer Beschreibung der Materialien und der Technik betonte er erstmals die improvisierte Kunstfertigkeit des Malens auf dem Wasser: „Es fordert diese Art zimblich Fleiß und eine hurtige Hand, daß man gleich aus dem Hirn vielerley Sachen geschwind auf dem Wasser formieren könne.“

Encyclopédie, Denis Diderot und D’Alembert, 1770, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Im 18. Jahrhundert wurde das Buntpapier in Manufakturen produziert. Die arbeitsteilig organisierte Produktion wurde in der französischen Encyclopédie, in der das gesamte Wissen der Zeit gesammelt und öffentlich gemacht wurde, ausführlich beschrieben. Der Buntpapiermacher ist ein Arbeiter, der das Papier weniger bemale, als mit verschiedenen Farben beflecke („qui fait peindre le papier, ou plutôt le tacher de differentes couleurs“). Die regelmäßige Verteilung der Farben ergebe die abstrakten Muster, die an Marmor- und Achatstein, an Wellen und Kämme erinnern. Zu den beliebtesten Farben gehören Indigoblau, Rot aus Brasilholz oder Florentiner Lack und Ockergelb.

Encyclopédie Detail Fig. 1-8, Denis Diderot und D’Alembert, 1770, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Fig. 1 Das mit Tragant gemischte Wasser wird durch ein Sieb in das Wasserbecken gefiltert
Fig. 2 Zubereitung der Farben durch Zerstoßen
Fig. 3 Spritzen und Werfen der Farben auf das Wasser
Fig. 4 Anfertigung der Farbmuster mit Hilfe von Kämmen
Fig. 5 Abheben der Farben mit einem Papierbogen
Fig. 6-7 Abtropfen der Papierbögen in Kästen und Wannen
Fig. 8 Aufhängen der feuchten Papierbögen auf einer Leine

Musterverzeichnis, Georg Christoph Stoy, Um 1730, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Das Verzeichnis von Buntpapieren mit Originalproben des Buntpapierverlegers Johann Christoph Stoy aus Augsburg ist eine absolute Rarität. Mit Informationen zu den Preisen und Liefergrößen kann der Käufer sich auch von der Qualität der verschiedenen Techniken des Färbens überzeugen.

Musterverzeichnis Detail Türckisches Papier, Georg Christoph Stoy, Um 1730, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Im Angebotsverzeichnis von Georg Christoph Stoy finden sich drei Varianten des „Türckischen Papiers“, die charakteristische Unterschiede der Musterung aufweisen.

Galatée Roman Pastoral, Jean-Pierre Claris de Florian, 1793, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Buntpapiere wurden seit dem 17. Jahrhundert als Vorsatzpapiere verwendet. Das Vorsatzpapier verbindet den Buchblock vorne und hinten mit dem Buchdeckel. Es sind die ersten und die letzten Blätter des Buches, die dem Leser beim Öffnen und Schließen des Buches vor Augen stehen. Das Tunkpapier, das in das französische Buch von Jean-Pierre Claris de Florian eingebunden wurde, ist von einer explosiven Farbigkeit, die sich zu einem brodelnden Farbenstrom verbindet.

Fables Choisies, Jean de La Fontaine, 1755, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Das Exemplar der berühmten Ausgabe der Fabeln von Jean de La Fontaine mit vielen Kupferstichen nach Zeichnungen von Jean-Baptiste Oudry, das heute in der Sammlung der Kunstbibliothek ist, stammt aus der Bibliothek des Lord Provost von Edinburgh, George Drummond.

Fables Choisies, Jean de La Fontaine, Um 1755, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Sein heraldisches Bücherzeichen ist auf das Vorsatzpapier geklebt, das durch seine bunte Farbigkeit und das an Marmorstein erinnernde Muster im denkbar größten Kontrast zur schlichten Gestaltung des Bücherzeichens steht.

The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, Laurence Sterne, 1788, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In dem Roman von Laurence Sterne schildert der fiktive Erzähler Tristram Shandy die komische Geschichte seiner Geburt und seiner exzentrischen Familie. Anstelle der gewohnten chronologischen Szenenfolge werden ständig abschweifende Assoziationen verfolgt, ein Verfahren der „digression“, das literarische Innovationen des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt. Die fortwährende Abschweifung des Erzählers findet ihr Sinnbild in einem Tunkpapier, „motly emblem of my work“, das Sterne nicht als Vorsatzpapier, sondern mitten in seinen Roman einbinden ließ.

The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, Laurence Sterne, 1788, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Mit viel Aufwand wurden die Tunkpapiere auf der Fläche der Textkolumne eingefärbt und in das gedruckte Buch als Seiten 111-112 eingeheftet – schon bald nach der Erstausgabe von 1761 gingen die Verleger jedoch dazu über, ein ausgeschnittenes Tunkpapier als Blatt auf die entsprechenden Buchseiten einzukleben.

Buntpapier der Wiener Werkstätte, Josef Hoffmann, 1903/1907, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Die Befreiung aus seiner Stellung als Vorsatzpapier, die Laurence Sternes ironische Verschiebung des Tunkpapiers in die Mitte seines Buches mit sich brachte, wies den Weg zu dem künstlerischen Buntpapier, das nicht dekorativen Zwecken dient, sondern wie ein abstraktes Bild angesehen wird – lange vor der „Abstraktion“ des 20. Jahrhunderts.

Buntpapier der Wiener Werkstätte, Carl Beitel, 1903/1907, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Inspiriert von der englischen Arts and Crafts-Bewegung hatten Josef Hoffmann und Koloman Moser 1904, kurz nach ihrer Gründung der Wiener Werkstätten, den Buchbinder Carl Beitel engagiert. Entsprechend ihrem Credo – „gutes Material und technisch vollkommene Durchführung“ – sollte auch das Buntpapier seine Erneuerung durch Kunst im Handwerk erfahren.

Buntpapier der Wiener Werkstätte, Josef Hoffmann, 1903/1907, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In den Tunkpapieren der Wiener Werkstätten mischen sich kleine figürliche Darstellungen in das abstrakte Farbenmuster. Zum typischen Spektrum der „Türkischen Papiere“ zählten Flecken, Adern, Wellen, Kämme oder Schnecken. Die Wiener Sezessionisten spielten mit den Assoziationen dieser Muster und ließen unvorhergesehene Figuren, vor allem Vögel und Fische, auf dem Wasser entstehen.

Buntpapier der Wiener Werkstätte, Koloman Moser, 1903/1907, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In seiner 1790 erschienenen Kritik der Urteilskraft hatte der Philosoph Immanuel Kant die „freie Schönheit“ definiert als eine Art von Schönheit, die keinem Zweck entspreche, sondern an und für sich gefalle. Er hatte dabei die bunte Formenvielfalt von Blumen oder Muscheln im Sinn – die Buntpapiere der Wiener Werkstätten scheinen hundert Jahre später dieser Idee einer freien Schönheit zu folgen, auf dem Weg in eine Kunst der Abstraktion.

Buntpapier der Wiener Werkstätte, Koloman Moser, 1903/1907, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In Johann Heinrich Zedlers Universal-Lexicon von 1745 waren die Muster des „Türkisch Papier“ als Bilder „wie Rosen, oder wie Wellen und Wolcken durch einander geschoben“ beschrieben worden. Der Zauber bestehe in der Vermischung der Farben, in denen man kleine Welten zu entdecken vermag – oder eben nur ein gelbes Blatt.

Der Blaue Reiter, Wassily Kandinsky und Franz Marc, 1912, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Der russische Maler Wassily Kandinsky gilt heute als der wichtigste Wegbereiter der abstrakten Kunst. Der von ihm und Franz Marc im Jahr 1912 herausgegebene Almanach Der Blaue Reiter ist das Manifest und das Programm der neuen Kunst.

Der Blaue Reiter, Wassily Kandinsky, 1912, Aus der Sammlung von: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Der Almanach präsentiert in Franz Marcs Worten „die neueste malerische Bewegung in Frankreich, Deutschland und Russland und zeigt ihre feinen Verbindungsfäden mit der Gotik und den Primitiven, mit Afrika und dem großen Orient, mit der so ausdrucksstarken ursprünglichen Volkskunst und Kinderkunst, besonders mit der modernen musikalischen Bewegung in Europa und den neuen Bühnenideen unserer Zeit“ – das Buntpapier und seine fantastischen abstrakten Bildmuster waren in Vergessenheit geraten.

Mitwirkende: Geschichte

Text: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Konzept und Text: Michael Lailach
Umsetzung: Justine Tutmann
© Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz / Foto: Dietmar Katz
www.smb.museum
Kunstbibliothek

Quelle: Alle Medien
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