Höhepunkte des friderizianischen Rokoko: Vierzehn großformatige vergoldete Stuckreliefs mit Darstellungen aus Ovids Metamorphosen in den Neuen Kammern im Park Sanssouci

Die Ovidgalerie in den Neuen Kammern von Sanssouci vermittelt den Charakter höfisch-festlicher Leichtigkeit. Sie wurde im Rahmen der Umgestaltung eines alten friderizianischen Orangenhauses zum Gästeschloss geschaffen und 1774 vollendet. Vierzehn vergoldete Reliefdarstellungen dominieren den Raumeindruck dieser Spiegelgalerie. Sie zählen zu den bedeutendsten Leistungen in der späten Phase des friderizianischen Rokoko. Die auf der literarischen Grundlage der „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid gestalteten Motive bilden den Höhepunkt im Schaffen der aus Bayreuth stammenden Bildhauerbrüder Johann David Räntz (1729-1783) und Johann Lorenz Wilhelm Räntz (1733-1776).

Ovids Liebesgeschichten zwischen Göttern und Menschen waren im 18. Jahrhundert ein beliebtes Sujet in der Kunst. Da Friedrich der Große (1712-1786) verschiedene musikalisch genutzte Räume in seinen Schlössern mit Szenen aus den Metamorphosen gestalten ließ, ist davon auszugehen, dass auch die Ovidgalerie überwiegend als Konzertsaal genutzt worden ist. Kennzeichnend für die Metamorphosen-Motive in den Neuen Kammern ist, dass sie von den üblichen Darstellungen in der Kunst abweichen, indem sie andere Momentaufnahmen innerhalb der jeweiligen Geschichte zeigen.

Apollo unterliegt im Wettstreit um die Treffsicherheit ihrer Pfeile Amor, dem Liebesgott. Von dessen Liebespfeil getroffen, entbrennt Apollo in Liebe zur Nymphe Daphne, die jedoch vor ihm flieht. Apollo lässt nicht nach und holt Daphne schließlich nach wilder Verfolgungsjagd ein. Auf ihr Flehen hin, wird sie von ihrem Vater, dem Flussgott Peneios, in einen Lorbeerbaum verwandelt. Apollos Liebe bleibt unerfüllt. Als Ausdruck seiner Bewunderung und Zuneigung lässt Apollo Daphne in Form des Lorbeerkranzes fortan Ehre und Triumph verkörpern.

Die Darstellung in den Neuen Kammern zeigt den Augenblick der Verwandlung. An Daphnes Händen wachsen erste Lorbeertriebe, die Füße werden zu Wurzeln.

Links im Vordergrund sitzt Peneios, die Hand noch beschwörend gehoben. Apollo, der die Geliebte eingeholt hat, greift nach ihr, doch vergebens.

Apollo überrascht Venus mit ihrem Geliebten Mars und erzählt anderen Göttern davon. Venus rächt sich an Apollo, indem sie ihn sich in Leucothoe verlieben lässt, die Tochter des Königs Orchamus und Schwester der Clytia. Die in Apollo verliebte, eifersüchtige Clytia berichtet ihrem Vater von der Liebschaft. Um die Schande der Schwangerschaft Leucothoes zu verbergen, lässt der strenge Vater Leucothoe lebendig begraben. Als Apollo, abgestoßen von deren Verrat, Clytia erneut zurückweist, setzt sich diese nackt auf einen Felsen, beklagt ihr Unglück, nimmt keine Nahrung mehr zu sich und starrt in die Sonne, bis sie sich nach neun Tagen in eine Blume verwandelt, deren Blüte sich täglich neu nach Apollos Sonnenwagen dreht.

Die Reliefdarstellung in den Neuen Kammern ist ungewöhnlich, denn bei Ovid erscheint Apollo nur vor der Verwandlung Clytias. Hier jedoch ist zu sehen, wie ein nachdenklicher Apollo Clytia in Blumengestalt berührt.

„Apollo und Isse“ ist eine selten dargestellte Episode aus den Metamorphosen. Ovid erwähnt sie auch nur im Zusammenhang mit dem Wettstreit zwischen der Göttin Athena und der Weberin Arachne. Von ihrer eigenen handwerklichen Perfektion überzeugt, fordert Arachne die Göttin zu einem Wettstreit in der Webkunst heraus. Der von ihr gewebte Teppich ist selbst in den Augen Athenas perfekt. Doch da sie sich über die in den Teppich gewebten Darstellungen erotischer Abenteuer von Jupiter, Neptun, Bacchus und Saturn ärgert, verwandelt Athena die übermütige Weberin in eine Spinne.

Die Liaison zwischen Apollo und Isse ist eine der zahlreichen Darstellungen auf dem Teppich der Arachne. Das Relief in den Neuen Kammern zeigt Apollo in Hirtengestalt, wie er der Nymphe Isse zugewandt steht und ihr auf dem Aulos, einem antiken Blasinstrument, vorspielt. Die Lyra, Attribut Apollos, lehnt für Isse unsichtbar am Baum.

Adonis Schönheit ist so betörend, dass sich nicht nur Proserpina, die Göttin der Unterwelt und einige Nymphen, sondern sogar die Liebesgöttin Venus in Adonis verlieben. Venus warnt den jungen Jäger Adonis vor den gefährlichen Tieren, doch trotz dieser Warnung jagt Adonis einen wilden Eber, der ihn tödlich verletzt. In großer Trauer um ihren Geliebten lässt Venus aus Adonis’ Blut das Adonisröschen wachsen. Fortan verbringt Adonis einen Teil des Jahres im Reich der Unterwelt, den anderen, kürzeren Teil im Reich der Lebenden.

Hier zeigt die Darstellung die vollzogene Metamorphose. Die trauernde Venus berührt zärtlich Adonis in Blumengestalt, zwischen beiden liegen Jagdhorn und Speer des Getöteten.

Die schon seit homerischen Zeiten bekannte Geschichte um Bacchus und Ariadne findet sich auch bei Ovid wieder. Gegen sein Eheversprechen hilft Ariadne dem Helden Theseus den Minotaurus zu töten. Auf der Rückreise nach Athen lässt Theseus Ariadne aber schlafend am Strand der Insel Naxos zurück. Bacchus findet die Schlafende, verliebt sich und heiratet sie. Ihr Diadem schleudert er in den Himmel, wo es zum Sternbild der Nördlichen Krone wurde. Nach Ariadnes Tod holt Bacchus sie in den Olymp.

Die Darstellung in den Neuen Kammern zeigt Bacchus und Ariadne, einander liebkosend.

Die Metamorphose ist hier die „Verstirnung“, also die Verwandlung in ein Sternbild, und wird durch den Sternkreis am Himmel verdeutlicht.

Der Jüngling Hyacinthus ist der Geliebte Apollos und so schön, dass auch der Westwind Zephyrs sich in ihn verliebt. Eifersüchtig auf Apollo lenkt dieser bei einem sportlichen Wettkampf den Diskus des Apollo derart, dass Hyacinthus tödlich am Kopf getroffen wird. Aus dem Blut seines Geliebten lässt Apollo eine Hyazinthe sprießen.

Die Reliefdarstellung zeigt Apollo, wie er liebevoll die Blüte der Blume berührt. Apollos Diskus liegt am Boden. Amor schwebt oberhalb der Szene davon.

Pomona, Göttin des Obst- und Gartenbaus, möchte von Männern nichts wissen und verbietet daher jedem Mann den Zutritt zu ihrem Garten. Vertumnus, Gott der wandelnden Jahreszeiten, in Liebe zu Pomona entbrannt, verwandelt sich in unterschiedliche Gestalten, um Pomona nah zu sein und „zu genießen die Lust der betrachteten Schönheit.“ Er versucht als Schnitter, Kriegsmann, Fischer oder Winzer die Aufmerksamkeit der Göttin zu erlangen – alles vergebens. Erst als Vertumnus in Gestalt einer alten Frau die tragische Geschichte einer aus Hartherzigkeit gescheiterten Liebe erzählt und Pomona seine eigene Gestalt offenbart, gewinnt er Pomonas Zuneigung.

Auch hier weicht die gezeigte Szene von der üblichen Darstellung in der Kunst ab. Vertumnus hat seine jugendliche Gestalt zurück und bestürmt Pomona, die seine Liebkosungen erwidert.

Die am Boden liegende Maske zeugt noch von seiner Rolle als Geschichten erzählende Alte.

Perseus, Sohn des Zeus und der Danae, hat gerade seine ersten Abenteuer bestanden, das Haupt der Medusa abgeschlagen und den Titanen Atlas zum Atlasgebirge versteinert. Auf dem Rückweg entdeckt er eine an einen Felsen gekettete junge Frau, Andromeda, die dem Meeresungeheuer Ketos geopfert werden soll, weil ihre Mutter durch Prahlerei den Meeresgrotte Poseidon erzürnt hat. Perseus rettet Andromeda mit Hilfe des Medusenhauptes und erhält sie zur Frau.

Das Relief zeigt Perseus und Andromeda unmittelbar nach deren Befreiung.


Das Medusenhaupt trägt Perseus von Andromeda abgewandt. Durch den Blick des Medusenhauptes beginnt sich das Blut des getöteten Ungeheuers in Korallen zu verwandeln.

Die wegen ihrer Schönheit von Freiern bedrängte Theophane wurde von Neptun auf eine Insel entführt und in Gestalt eines Widders verführt, worauf sie Chrysomallos gebiert, den Widder, dessen Goldenes Vlies zu stehlen die Argonauten einst auf Fahrt gehen sollten.

Die östlichste Szene an der Fensterwand zeigt Theophane, den Widder liebkosend.

Oberhalb trägt Amor den Dreizack, Attribut Neptuns.

Auch Göttervater Jupiter verliebt sich gern und oft in Sterbliche. Um sich selbst dabei nicht offenbaren zu müssen, nimmt er immer wieder eine andere Gestalt an. Er nähert sich Antiope in Gestalt eines Satyrs. Aus dieser Liaison werden die Zwillinge Zethos und Amphion hervorgehen, die später über Theben herrschen werden und die seit Euripides als Verkörperung des praktischen und theoretischen Lebens gelten.


Entgegen der verbreiteteren Darstellung, die zeigt, wie sich Jupiter der Schlafenden nähert, zeigt das Relief in den Neuen Kammern den in einen Satyr verwandelten Gott im Liebesspiel mit Antiope.

„Leda und der Schwan“ ist wohl eines der am häufigsten in der Kunst dargestellten Liebesabenteuer antiker Götter. Um Leda, Gemahlin des spartanischen Königs Tyndareos, zu verführen, nimmt Jupiter die Gestalt eines Schwans an. Aus dieser Verbindung geht unter anderem Helena hervor, deren Entführung später Auslöser für den Trojanischen Krieg sein wird.

Das Relief in den Neue Kammern zeigt Leda mit dem Schwan auf ihrem Schoß und folgt dadurch einer in der Kunst verbreiteten Darstellung.

Die keusche Nymphe Kallisto, eine der Gefährtinnen der Jagdgöttin Artemis, erweckt durch ihre Schönheit die Begierde Jupiters. In Gestalt der Artemis gelingt es Jupiter, Kallisto zu verführen. Artemis reagiert zornig auf die Schwangerschaft Kallistos und verstößt sie. Auch Jupiters Gemahlin Juno ist eifersüchtig und verwandelt Kallisto in eine Bärin, die später beinahe durch die Hand ihres eigenen Sohnes Arkas getötet wird. Um dies zu verhindern, versetzt Jupiter Kallisto und Arkas unter die Sterne, wodurch die Sternbilder Großer Bär und Kleiner Bär entstehen.

Die Darstellung in der Ovidgalerie zeigt den verwandelten Jupiter in zärtlicher Berührung mit Kallisto. Am Baum hängen Köcher und Bogen, Attribute Artemis’.

Erigone ist die Tochter des Weinbauern Ikarios, der im Auftrag des Weingottes den Weinbau in Attika verbreitet. Bacchus verführt sie mit süßen Trauben.

Entgegen der üblichen Darstellung dieses Motivs, bei der ein Satyr den in eine Weinraube verwandelten Weingott Erigone darreicht, hält hier Amor eine schwere Traube und den Thyrsosstab als Attribut Bacchus’.

Akrisios, König in Argos, wurde von einem Orakel prophezeit, er werde durch die Hand seines Enkels sterben. Deshalb sperrt er seine Tochter Danae in ein Verlies, doch Jupiter, der Danae begehrt, kann das nicht aufhalten. Verwandelt in einen Goldregen verschafft er sich Zugang und vereinigt sich mit ihr. Aus dieser Verbindung geht Perseus hervor, der seinen Großvater später unbeabsichtigt mit einem Diskus töten wird.


Die Reliefdarstellung zeigt die ruhende Danae, der sich Jupiter nähert.

Links von Jupiter ist der Adler zu sehen, neben dem Blitzbündel sein bedeutendstes Attribut.

Die Wolke am oberen Bildrand symbolisiert den Goldregen.

Eine Amme sammelt Goldmünzen in ihrem Kleid und von der rechten unteren Ecke aus betrachtet Amor sein Werk.

SPSG
Credits: Story

Impressum

Kurator:
Daniel Goral, SPSG

Bildnachweis
© SPSG, Foto: Wolfgang Pfauder

Credits: All media
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