Engel schweben auf die Erde, Schafe drehen die Köpfe, heilige Könige ziehen auf Kamelen zum Christuskind – der mechanische Weihnachtsberg, begonnen 1885 von Max Vogel, bringt Bewegung in die Weihnachtsgeschichte. Doch ist er weit mehr als eine animierte Krippe in XXL: Er ist Teil einer besonderen Tradition des Erzgebirges und Ergebnis jahrelanger leidenschaftlicher Tüftelei.

Eine weihnachtliche Tradition
Weihnachtsberge sind Teil des häuslichen Weihnachtsbrauches im Erzgebirge und erreichten den Höhepunkt ihrer Verbreitung zwischen den 1870er- und 1930er-Jahren. Sie heißen so, weil die gebastelten Krippenlandschaften Bergen ähneln und zu den Weihnachtsfeiertagen in den Stuben der Dörfer aufgebaut wurden. Besondere Bewunderung erregten mechanische Weihnachtsberge mit beweglichen Figuren. Denn es gehörte neben der Schnitz- und Bastelkunst viel technisches Verständnis dazu, eine Mechanik so zu ersinnen, dass die Figuren auf dem Berg ‚lebendig‘ wurden und sich zum richtigen Zeitpunkt in Bewegung setzten.

Mechanische Weihnachtsberge sind eine Besonderheit des Erzgebirges, das über viele Jahrhunderte vom Erzbergbau geprägt wurde. Auch die mechanischen Weihnachtsberge haben eine ihrer Wurzeln im Bergbau, genauer: in den Bergwerksmodellen des 18. Jahrhunderts. Die andere Wurzel liegt in der Nachstellung und im Nachspielen der biblischen Ereignisse um die Geburt Jesu Christi, die zum Beispiel als Weihnachtskrippen oder Krippenspiele bekannt sind.

Das Erzgebirge bildet den natürlichen Grenzraum des evangelischen Sachsen mit dem benachbarten katholischen Böhmen, das bis 1919 zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte. Über diese ‚grüne Grenze‘ kam es immer wieder zu Anregungen und zum Austausch, zumal auf beiden Seiten des Gebirges deutschsprachige Bevölkerung lebte.

In Böhmen sind figürliche Weihnachtskrippen seit dem 18. Jahrhundert belegt. 1782 untersagte Kaiser Joseph II. die Aufstellung von Krippen in allen Kirchen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Das war vermutlich ein wichtiger Auslöser für den privaten Krippenbau, der sich im 19. Jahrhundert zu einem weit verbreiteten Brauch entwickelte. Erst 1804 wurde das Verbot wieder aufgehoben.

Die Krippen fanden auch im sächsischen Teil des Erzgebirges immer mehr Anhänger, obwohl dort in den evangelischen Kirchen das Aufstellen von Weihnachtskrippen nicht erwünscht war. Von den schnitzfreudigen Bergleuten des sächsischen Erzgebirges wurde die Krippentradition aus Böhmen gern übernommen.

Krippenfiguren treffen auf Bergwerksmodelle
Als der Bergbau im Erzgebirge zurückging, verbreitete sich unter den Bergleuten die Anfertigung von Bergwerksmodellen, die modellhaft die Vorgänge beim Erzabbau und der Erzaufbereitung darstellten. Bei den ersten sächsischen Weihnachtsbergen griff man nicht nur auf die dabei erworbenen Fertigkeiten zurück: Der Erzbergbau wurde auch zum Motiv. Doch mit dem Erlöschen des Erzbergbaus verschwand auch dessen Darstellung von den Weihnachtsbergen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Weihnachtsberge – zunehmend von Handwerkern anstatt von Bergleuten – im ‚orientalischen‘ Stil gestaltet. Sie widmeten sich nun ganz der biblischen Geschichte.

Oft wurde nach der Eheschließung mit dem Bau des ‚Familienberges‘ begonnen. Ausgehend von der Geburtsdarstellung mit dem Jesuskind in der Krippe ergänzten die Bastler ihren Berg von Jahr zu Jahr um neue Szenen. Zur Freude der ganzen Familie wurde der Berg alljährlich zu Weihnachten aufgebaut.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden Häuser und Zubehör bereits in Serie hergestellt. So konnte sich auch der ungeübte Bastler seine eigenen Weihnachtsbergszenen zusammenzustellen. Einige Schnitzer und Bastler schlossen sich schließlich zu Weihnachtsbergvereinen zusammen. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden dadurch zahlreiche große Vereinsberge mit immer raffinierterer Mechanik.

Die Mechanik wurde immer raffinierter: Gewichts- oder Sandantrieben folgten Uhrwerke und teilweise Dampfmaschinen, die schließlich von Elektromotoren abgelöst wurden. Kerzen und Rapsölleuchter wurden durch elektrische Beleuchtung ersetzt, was für stimmungsvolle Effekte sorgte. Durch Illusionsmalerei wurden die realen Figuren und Gebäude des Vordergrundes geschickt in der Hintergrundlandschaft fortgeführt.



Der Erste Weltkrieg brachte den Bau von Weihnachtsbergen fast ganz zum Erliegen. Nach einem kurzen Wiederaufleben der Tradition des Weihnachtsbergs bedeutete der zweite Weltkrieg den endgültigen Abschied von den Weihnachtsbergen in bisheriger Form. In der atheistischen DDR waren Weihnachtsberge fast nur noch in Museen zu besichtigen. Andere verschwanden auf Dachböden und gerieten in Vergessenheit. Heute gibt es nur noch wenige, von Liebhabern gepflegte private Weihnachtsberge.

Der Weihnachtsberg von Max Vogel
Der mechanische Weihnachtsberg im Museum Europäischer Kulturen ist der Einzige dieser Dimension außerhalb des Erzgebirges. Max Vogel (1867-1943), ein Malermeister aus Neuwürschnitz, begann etwa 1885 mit dem Bau des Berges. Beginnend mit der Verkündigung an Maria stellt der Berg in mehr als 20 Szenen das Leben Jesu Christi einschließlich der Passionsgeschichte dar. Im Jahr 1940 wurde der Weihnachtsberg zum letzten Mal in Neuwürschnitz aufgestellt, bevor er im Zuge der Nachkriegszeit in Vergessenheit geriet. Über 40 Jahre später kaufte Karl-Heinz Fischer (geb. 1952) dessen Fragmente, um ihn zu rekonstruieren. Keine leichte Aufgabe: Es gab weder eine Dokumentation, noch Zeitzeugen, die den Berg je aufgebaut gesehen hatten. Nur zwei im Original erhaltene Fotografien aus der Zeit um 1930 ließen den Zusammenhang der Teile erahnen. Später fanden sich noch ein handschriftliches Inhaltsverzeichnis und etwa 25 Kartonbeschriftungen von der Hand Max Vogels.

In den Jahren 1987 bis 1990 wurden die vorhandenen Teile und Figuren zunächst analysiert und katalogisiert. Dann begann die gründliche Restaurierung, fehlende Figuren wurden im Stil der heutigen Zeit nachgeschnitzt. Nach seiner Rekonstruktion enthält der Weihnachtsberg nun insgesamt 328 Figuren, von denen 139 beweglich sind. Der Berg wurde dadurch wesentlich größer und um neue Szenen ergänzt.

Den Unterbau und die Mechanik stellte Karl-Heinz Fischer komplett neu her. Während Max Vogel seine Figuren noch mit Uhrwerken, Gewichten, Handkurbeln und anderen Mechaniken antrieb, baute Fischer einen Elektromotor für die unter dem Weihnachtsberg hindurch laufende zentrale Antriebswelle ein. Fast zehn Jahre tüftelte er an dem neuen Weihnachtsberg. 1996 wurde er für das Museum Europäischer Kulturen angekauft.

Eine Geschichte in Bewegung
Auf dem 12 Meter langen mechanischen Weihnachtsberg entfaltet sich eine Landschaft mit Gebäuden vor einem gemalten Hintergrund. Sie sind eine eindrucksvolle Kulisse für die insgesamt 328 Figuren, die Geschichten der Bibel erzählen. So wie folgende Szenen aus der Geschichte um die Geburt Jesu:

Der Engel Gabriel besucht Maria und verkündet ihr, dass sie den Sohn Gottes gebären wird.

In der Nacht der Geburt von Jesus hüten Hirten in derselben Gegend auf dem Feld ihre Schafherde. Ihnen erscheint ein Engel, vor dem sie sich erst sehr fürchten.

Und auch die Schäfchen heben erstaunt den Kopf.

Doch der Engel sagt: „Fürchtet euch nicht!“ Er erzählt ihnen von der Geburt ihres Heilands und Herren Jesus Christus.

Die Hirten machen sich auf den Weg in die Stadt Bethlehem, um das neugeborene Christuskind zu besuchen.

Es liegt auf Stroh gebettet in einer Krippe zwischen Maria und Josef.

Über dem Stall, in dem die Krippe steht, singt ein Chor aus Engeln: “Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens”.

Doch die Hirten sind nicht die einzigen Besucher.

Von einem leuchtenden Stern über Bethlehem geführt, machen sich drei Könige auf den Weg zur Krippe.

Durch die aufwendige, unsichtbare Mechanik unter dem liebevoll gestalteten Weihnachtsberg fangen die zahlreichen Figuren auf Knopfdruck an, sich zu bewegen. Die biblischen Szenen beginnen zu leben. Sie werden im Video musikalisch untermalt.

Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin
Mitwirkende: Geschichte

Text: Tina Peschel: Weihnachtsberge aus dem sächsischen Erzgebirge, in: Kulturkontakte. Leben in Europa, hrsg. von Elisabeth Tietmeyer und Irene Ziehe für das für das Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin, Koehler & Amelang Verlag 2011.

Konzept / Redaktion / Umsetzung: Alina Helwig, Lisa Janke

Foto/Video: Museum Euopäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin / Ute Franz-Scarciglia, Sven Stienen

Musik: Malith Krishnaratne

© Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz

www.smb.museum
Museum Europäischer Kulturen

Quelle: Alle Medien
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