Von "Landesmuseum Württemberg"
& Universität Freiburg
Der Mythos vom „alten“ Volkslied
Volkslied – der Begriff scheint uralt und ist doch eine recht neue Erfindung: Über Jahrhunderte hinweg wurden Lieder immer wieder umgedichtet, neu gesungen, vergessen und später wiederentdeckt.
Doch erst in der Romantik (ca. 1800) beginnen Dichter*innen, populäre Lieder gezielt zu sammeln und ihnen den Namen „Volkslied“ zu geben.
Eine zentrale Rolle dabei spielen Achim von Arnim (1781–1831) und Clemens Brentano (1778–1842). In ihrer berühmten Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1805–1808) vereinten und bearbeiteten sie 723 Lieder. Volkslieder sind also ein Produkt der Moderne.
Die „Erfindung“ des Volkslieds
Erfunden hatte das Volkslied Johann Gottfried Herder (1744–1803) – wichtig dafür war seine zweibändige Veröffentlichung „Volkslieder“ von 1778/79. Erfindung meint hier: Auswahl, Übersetzung und Neuordnung von Liedern – und damit die entscheidende Bestimmung des Begriffs.
Herder sammelte und übersetzte, gemeinsam mit seiner Frau Caroline, europäische Lieder und „Volkspoesie“. In den Dichtungen drückte sich für ihn der Geist eines Volks aus.
Durch die Verschriftlichung wurden die Lieder nicht nur bewahrt, sondern in dieser Form überhaupt erst hervorgebracht und als bedeutungsvolles Erbe angesehen.
Liedpostkarte "Ein Männlein steht im Walde", frühes 20. Jh. (ca. 1928) von SchenkelOriginalquelle: ZPKM Archiv, Universität Freiburg
„Im Volkston“
Volkslieder haben oft eingängige Melodien. Dies machten sich auch Künstler:innen zu Nutze. Der Begriff „Volkston“ steht im 19. Jahrhundert für die künstlerische Verwandlung von „volkstümlicher“ Melodik, Rhythmik und Form. Komponisten wie Schubert, Beethoven oder Brahms übernahmen populäre Melodien oder Stile in ihre Kompositionen. Im 20. Jahrhundert wurden manche Schlager „im Volkston“, d. h. bewusst einfach, gestaltet um vertraut zu wirken.
Liedpostkarte, "Heidenröslein", ca. 1920er-Jahre, Lp3147 (ca. 1920s) von AnonOriginalquelle: ZPKM Archiv, Universität Freiburg
Liebe, Heimat, Natur – wovon erzählen Volkslieder?
Volkslieder behandeln Themen des menschlichen Lebens. Unter den häufig vorkommenden „schönen“ Motiven finden sich etwa Liebe, Heimat oder Naturschilderungen. Liebeslieder handeln häufig von der Sehnsucht und dem Werben um eine geliebte Person, während Heimatlieder vertraute Orte, an denen Menschen sich geborgen fühlen, besingen. Naturmotive wie Blumen, Gärten und Jahreszeiten symbolisieren menschliche Gefühle.
Das Volkslied „Heidenröslein“, 1827 komponiert von Heinrich Werner nach dem Gedicht von Johann W. von Goethe, 1789, verkörpert dies exemplarisch: Die Heide(n)rose ist ein Sinnbild für Schönheit und Liebe und bringt zugleich das Werben um eine junge Frau zum Ausdruck – aber auch ihren Widerstand, der in diesem Bild deutlich wird.
Umdichtungen und Protest
Das Lied „In Mueders Stüble“ war im alemannischen Sprachraum (v. a. Baden, Elsass, Deutschschweiz) seit dem 19. Jahrhundert bekannt und weit verbreitet.
Es eignete sich in den 1970er-Jahren als Länder übergreifendes Protestlied der entstehenden Umweltbewegung im „Dreyeckland“ und wurde – umgedichtet – bei den Protesten gegen das Kernkraftwerk Wyhl gesungen.
Armut, Wandern, Widerstand – weitere Motive von Volkslied
Viele Lieder greifen auch schwierige menschliche Erfahrungen auf, etwa Auswanderung, Protest, Krieg oder Tod, Armut und soziale Not.
Im Volkslied „In Mutters Stübele“ aus dem 19. Jahrhundert singt das lyrische Ich von Not, Armut, Hunger und Kälte und bittet um Almosen. Diese Liedthemen spiegeln Sorgen und Hoffnungen der Menschen wider – Themen, die auch heute noch aktuell sind.
Germany August 1914 (1914) von Friedrich August von KaulbachOriginalquelle: Wikimedia Commons
Das „Volk“ im Volkslied
„Volk“ ist kein neutral-beschreibender Begriff, sondern kann auch Ausdruck einer nationalistisch-völkischen Ideologie sein. Diese geht von einer kulturellen und ethnischen Homogenität innerhalb eines Nationalstaats aus und verschleiert soziale Unterschiede: „Volk“ wird essentialisiert, d. h. als „natürliche Einheit“ durch gemeinsame Abstammung, Sprache und Kultur definiert.
Ins Extrem gesteigert führten völkische Ideologien besonders im 20. Jahrhundert immer wieder zu Gewaltexzessen gegen Minderheiten und Andersdenkende.
Instrumentalisierungen von rechts
Musik kann als politisches Mittel benutzt werden. Auch Volkslieder wurden z. B. im Nationalsozialismus missbraucht.
Heutige rechte Rockmusik und Liedermacher instrumentalisieren Volkslieder und ihre Aura. Beispielsweise finden sich Studentenlieder aus dem 19. Jahrhundert in NS-Liederbüchern des 20. Jahrhunderts und werden heute im 21. Jahrhundert von rechtsextremen Musikgruppen gesungen.
Laienchor singt "Wer hat dich du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben..." An „Liedertafeln“ trafen sich die Mitglieder in regelmäßigen Abständen, teils wöchentlich, um gemeinsam zu musizieren und im festen Kreis zu essen und trinken – zu „tafeln“. (1888) von Christian Wilhelm AllersLandesmuseum Württemberg
Singen als kulturelle Praxis
Gesungen wurde schon immer. Im 19. Jahrhundert „trendete“ in Europa der Chorgesang. Die „Zeltersche Liedertafel“, 1808 in Berlin gegründet, war der erste, als Verein organisierte Männerchor. Er wurde zum Referenzpunkt für die gesamte (Männer-)Chortradition in Deutschland.
Gesangsvereine dienten zu jener Zeit maßgeblich der Förderung von Gemeinschaft wie auch dem Patriotismus und entwickelten sich zu sozialen Räumen mit politischer Bedeutung.
In den 1860er-Jahren entstanden vermehrt Arbeitergesangsvereine, seit der Jahrhundertwende um 1900 auch gemischte und Frauenchöre.
Männerchor Röbel beim Adventssingen, Norddeutschland, 2024 (01.12.2017) von Frank LiebigOriginalquelle: Wikimedia Commons
Gelebte Tradition: Chöre als Kulturerbe
Historisch hat das gemeinsame Singen eine lange Geschichte, ob in Kirche, Verein oder bei Festen. Chöre vermitteln kulturelles Wissen und Werte. Sie bewahren und entwickeln ein vielfältiges Repertoire, von traditionellen Werken wie dem „Steigerlied“, der Hymne der Bergleute, bis zu modernen Stücken.
In Deutschland ist das Singen in Chören seit 2013 UNESCO-Immaterielles Kulturerbe. Es erfüllt wichtige Kriterien: Es ist eine lebendige Tradition, die Gemeinschaft stiftet, über Generationen weitergegeben wird und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. So schlagen sie eine lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
An vielen Orten in Deutschland treffen sich Menschen zum Singen von Volksliedern und Popsongs. Hier in Südbaden, Fastnacht 2025. (November 2023) von Gabriele HennickeLandesmuseum Württemberg
Volksliedersingen – heute noch populär
Auch heute gibt es noch „Liedertafeln“ – allerdings in verändertem Gewand, ohne Vereinspflichten oder Angst vor falschen Tönen.
Volksliedfreund*innen treffen sich an offenen Singtreffen oder „Volksliedersingen“, oft im Gasthaus und begleitet von der Gitarre oder vom Akkordeon. Sie singen Volkslieder aus dem 19. Jahrhundert, bekannte Schlager aus dem 20. Jahrhundert und freche Umdichtungen (Kontrafakturen) von heute – so, wie es bei populären Liedern schon immer der Fall war.
Liedpostkarte "O du fröhliche", ca. 1910 (ca. 1910) von Anon.Originalquelle: ZPKM Archiv, Universität Freiburg
Weihnachtslieder
Manche Volkslieder werden nur zu bestimmten Zeiten gesungen, etwa Weihnachtslieder. Viele Weihnachtslieder haben einen christlichen Entstehungshintergrund.
Singen im Alltag
Im Alltag findet Singen an vielen Orten statt. Zu vielen Gelegenheiten singen Menschen gemeinsam, wie etwa bei Feiern, Festen und Zusammenkünften – oder im Fußballstadion.
Hier feuern Fans mit Gesängen ihre Teams an und singen bei internationalen Wettbewerben ihre Nationalhymne mit. Dadurch entstehen temporäre Gemeinschaften, die ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schaffen.
Auszug aus dem Stimmbuch für den II. Tenor des Gesangvereins Sulzburg (Baden) (1862) von F. Leisinger, MGV SulzburgOriginalquelle: ZPKM Archiv, Universität Freiburg
Gesungen – geschrieben – gesendet
Volkslieder wurden nicht nur mündlich, sondern zunehmend auch schriftlich verbreitet. Ab dem 19. Jahrhundert entstanden Liedersammlungen für Gesangsvereine, studentische Verbindungen oder Jugendbewegungen. Durch das gemeinsame Singen sollte die Gemeinschaft gestärkt werden.
Liederbücher für die Jugend
Darauf zielten auch die Liederbücher der Jugendorganisationen im Dritten Reich und in der DDR ab.
In der Nachkriegszeit wurden Volkslieder ebenso in Schulbüchern oder in die bekannte Liedersammlung „Die Mundorgel“ aufgenommen. Vor allem in Gesangsvereinen, über Tonträger und Fernsehen blieb das Volkslied bis in die 2000er-Jahre hinein präsent.
Collage von Schallplattencovern, 1980er-/90er-Jahre (1981-1992) von Emma Dobner-DobenauOriginalquelle: ZPKM Archiv, Universität Freiburg
Die Primetime der Volksmusik
In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde der volkstümliche Schlager populär und es entstanden TV-Sendungen wie „Musikantenstadl“, „Hallo Heino“, „Heimatmelodie“ oder „Die goldene Hitparade der Volksmusik“. Die Programme sollten Heiterkeit und Entspannung vermitteln und identitätsstiftend sein.
Die 1990er-Jahre waren die „Primetime“ der volkstümlichen Abendsendungen – in der ARD versechsfachte sich die Zahl der Sendungen im Vergleich zu den 1980er-Jahren. Journalist:innen sprachen von einer „Volksmusikschwemme“. Heute ist die Volksmusik eine beliebte Nische.
Altes Liedgut – gefunden und erfunden, gesammelt & gesungen
Volkslieder werden heute nach wie vor gesungen. Sie sind zugleich eine wichtige Quelle für die historische Forschung. Der Volksliedbegriff wird aufgrund seines ideologischen Gehalts und der Bezugnahme auf ein „Volk“ von vielen als problematisch angesehen und nicht mehr als zeitgemäß empfunden.
In wissenschaftlichen Kontexten ist daher eher von „Liedern aus mündlicher Überlieferung“ oder „populären Liedern“ die Rede. Ist es Zeit, sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch vom Begriff „Volkslied“ zu verabschieden?
Zettelkatalog des Württembergischen Volksliedarchivs (2018) von Landesstelle für AlltagskulturOriginalquelle: Landesmuseum Württemberg, Landesstelle für Alltagskultur, Archiv
Volksliedforschung: Überlieferung und Identität
Volkslieder in Büchern und im Fernsehen haben eine lange Vorgeschichte. Sie wurden seit dem späten 19. Jahrhundert erforscht.
Die zunehmende Industrialisierung im 19. Jahrhundert ging einher mit großen gesellschaftlichen Umbrüchen. Durch die Modernisierung wandelte sich die Lebenswelt, und der Verlust alten Liedguts sollte aufgehalten werden. Forscher:innen begannen, Volkslieder schriftlich festzuhalten, in Sammlungen zusammenzufassen und als Liederbücher herauszubringen. Durch die Dokumentation sollte das als „ursprünglich“ gedachte „kulturelle Erbe“ erhalten werden und der „nationalen Identitätsbildung“ dienen.
John Meier (1864–1953)
Der Germanist John Meier wurde 1864 geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Er studierte Germanistik, interessierte sich besonders für Dichtung und Sprache, und er erforschte Volkslieder. Bevor Meier 1912 nach Freiburg kam, lehrte er an der Universität Basel und war 1906 Mitgründer des Schweizerischen Volksliedarchivs. Nach seinem Tod erbte das Land Baden-Württemberg das Archiv.
Ein zentrales Volksliedunternehmen
Für John Meier war das Zusammentragen von Volksliedern aus Archiven des gesamten deutschsprachigen Raums „eine Art geistiger Heimatschutz“.
Mit staatlicher Unterstützung entstand mit dem Deutschen Volksliedarchiv ein zentrales Archiv, das auch regionale Liederhefte mitherausgab, die großes Interesse fanden und im 20. Jh. zehntausendfach in den Umlauf gelangten.
Das Deutsche Volksliedarchiv wird gegründet
1914 gründete John Meier das Deutsche Volksliedarchiv (DVA). Er und die Volkskunde seiner Zeit empfanden es als nationale Pflicht, das Kulturerbe des deutschsprachigen Volkslieds zu bewahren, zu pflegen und zu vermitteln.
Sein Wohnhaus in Freiburg wurde zur Forschungsstätte, in der das Wissen über Volkslieder viele Jahrzehnte lang zusammengetragen wurde. 2014 wurde das DVA ins Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) überführt.
Landesstelle für Alltagskultur, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart &
Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM), Universität Freiburg
Texte: Alban Belart, Laeticia Bouger, Isabel Bühler, Tabea Burst, Linus Dessecker, Emma Dobner-Dobenau, Elif Erkilinc, Leahmay Irlas, Maximilian Kirner, Tara Knüttel, Thomas Kölble, Til Michels, Carlotta Riedesel, Dilara Sayilica, Hanna Schicht
Konzept und Projektleitung: Johannes Müske, Sabine Zinn-Thomas
Redaktion und Umsetzung: Noreen Klingspor
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