Faszination Antikes Glas

Krateriskos (Mitte 14. Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Ist das wirklich Glas?

Ja, es ist Glas!

Nicht durchsichtig, sondern opak, also undurchsichtig, wozu chemische Prozesse führten.

Das Gefäß ist nicht bemalt, auch wenn es so aussehen mag: Es wurden bunte Glasfäden aufgelegt, die man nach dem Wiedererhitzen des Glases zu einem Wellenmuster verzog. Insgesamt ein sehr aufwendiger Herstellungsprozess, weshalb Glas über weit mehr als ein Jahrtausend ein Luxusprodukt war.

Schwarze ObsidianbrockenLandesmuseum Württemberg

Seit wann gibt es eigentlich Glas?

Glas gab es schon lange, bevor der Mensch es herstellte. So entstand das Gesteinsglas Obsidian beispielsweise beim ersten Vulkanausbruch nach Abkühlung der Lava.

Bereits die Menschen der Jungsteinzeit nutzten diese Glasart, um Speerspitzen oder Amulette herzustellen. Aber seit wann wird Glas eigentlich vom Menschen hergestellt? Woher kommt es? Und wer erfand den Werkstoff?

Glaszylinder (2. Hälfte 16. /14 Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Dem Zufall geschuldet?

Die frühesten "künstlichen" Glasobjekte datieren in das 3. Jahrtausend v. Chr. und stammen aus Mesopotamien. Allerdings handelt es sich um vereinzelte Funde, meist Perlen. Das dafür verwendete Glas entstand wohl als unbeabsichtigtes Nebenprodukt bei der Metallverarbeitung. Ein blauer Glasbrocken aus Eridu ist wohl in diesem Kontext erzeugt worden.

Scheibenförmiger Anhänger (2. Hälfte 15./14 Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Der Beginn der Glasherstellung

Eine bewusste Glasproduktion ist erst ab der zweiten Hälfte des 16. Jhs. v. Chr. im nördlichen Syrien und in Mesopotamien nachweisbar. Handwerker haben nun entdeckt, dass durch Schmelzen von Quarzsand und Soda-Asche ein gut zu verarbeitender Werkstoff gezielt hergestellt werden konnte, der sich durch Zugabe von Metalloxiden auch färben ließ. So wurde etwa Kupfer für Blau- und Grüntöne verwendet.

Gerippte, rechteckige Perlen (2. Hälfte 16./15 Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Frühe Glasprodukte

Bei der Mehrzahl der frühen Glasprodukte handelt es sich um scheibenförmige Anhänger, die als Wanddekoration dienten sowie als Perlen und Einlagen. Sie wiesen meist eine blaue oder türkise Farbgebung auf und imitierten dadurch Schmucksteine wie Türkis oder Lapislazuli.

Interessanterweise bedeutet der Begriff für Glas im Akkadischen, der Verkehrssprache des Vorderen Orients, wörtlich übersetzt „Lapislazuli aus dem Ofen“ – im Gegensatz zu „Lapislazuli aus dem Gebirge“, mit dem der echte Schmuckstein bezeichnet wurde.

Granatapfelgefäß (spätes 14./frühes 13. Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Verbreitung & Formen

Vom Vorderen Orient aus gelangte die Kenntnis der Glasverarbeitung nach Ägypten, wo im 15. Jh. v. Chr. schließlich eine erste Hochblüte der Glasmacherkunst erreicht wurde. Diese spiegelt sich vor allem in der Produktion von qualitativ hochstehenden Hohlgefäßen wider.

Gefäße wurden zum Aufbewahren von Parfums, Salben und Schminke verwendet, wie etwa dieses Granatapfelgefäß.

Granatapfel (2019)Landesmuseum Württemberg

Der Granatapfel galt in allen antiken Kulturen als Fruchtbarkeitssymbol. Daher ist es gut vorstellbar, dass diese kleinen Gefäße mit duftenden Ingredienzien Frauen zum Geschenk gemacht wurden.

Kerngeformte Gläser (6.–2. Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Glasgefäße waren in dieser Zeit ein Luxusgut, was an der aufwendigen Technik lag: sie wurden um einen Kern geformt, der aus Ton, Dung und Sand bestand und die Form des späteren Gefäßinneren hatte. Der Kern wurde mit Glas ummantelt und nach dessen Erkalten schließlich entfernt.

Die Technik wies den Glasmachern allerdings hinsichtlich Form und Größe der Gefäße Grenzen auf. Sie wurde dennoch bis in das späte 1. Jahrtausend v. Chr. angewandt.
Man imitierte nun häufig griechische Keramikformen im Miniaturformat. In den kleinen farbenfrohen Gefäßen wurden Öle und duftende Essenzen aufbewahrt.

Hellenistische halbkugelige Schale auf Fuß (2. Hälfte 2./zweite Hälfte 1. Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Auf zu neuen Formen!

Eine vermutlich große Experimentierfreudigkeit führte ab dem  4. Jh. v. Chr. zu neuen Techniken, die größere und auch andere Formen erlaubten, wie z. B. diese Glasschale aus dem 2. Jh. v. Chr. mit einem Durchmesser von 25 cm.

Achämenidischer Lotuskelchbecher (1. Hälfte 4. Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Das Gefäßspektrum umfasst weitgehend Gefäße, die bei Tisch benutzt worden sind oder als Grabbeigaben dienten.
Gelegentlich wurden Metallgefäße imitiert, wie etwa im Falle des sog. Achämenidischen Lotuskelchbechers (4. Jh. v. Chr.), der aus dem Gebiet des heutigen Iran stammt.

Achämenidische BronzeschaleLandesmuseum Württemberg

Diese Gefäßform war weitverbreitet, zahlreiche bronzene Exemplare sind bekannt.

Procession of Syrians from the Apadana at Persepolis (1933)Institute for the Study of Ancient Cultures Museum

Sie ist sogar in Persepolis, der Residenz der persischen Großkönige, auf Reliefs zu finden: Gesandte aus allen Gebieten des großen Perserreiches bringen Gaben herbei.

Hellenistische Mosaikglasschale (spätes 2. Jh. n. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Bunte Vielfalt

Großer Beliebtheit erfreuten sich Mosaikglasschalen, die in ihrem Design sehr modern wirken…

Fragmente von Mosaikglassgefäßen (2.–1. Jh. v. Chr.)Landesmuseum Württemberg

…. und eine wahre Farbenpracht aufwiesen, wie diese Fragmente eindrucksvoll belegen.

Mosaikglas-Einlage mit der Maske eines BordellwirtsLandesmuseum Württemberg

Glas als Dekor

Nicht nur Gefäße wurden hergestellt, sondern auch kleine Plättchen zum Verzieren von Möbeln und Kästchen: wahre Kunstwerke in Kleinformat!

Beliebt waren vor allem die Theatermasken, etwa von Charakteren aus der griechischen Neuen Komödie, wie etwa dem Pornoboskos – dem Bordellwirt.

Auf ein Mosaikglasplättchen wurde immer nur eine Gesichtshälfte gesetzt, das mit einem anderen Plättchen mit spiegelverkehrtem Gesicht das vollständige Motiv ergab.

Römische Vierkantkrüge (1.–3. Jh. n. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Vom Luxusgut zum Massenprodukt

Um 50 v. Chr. war es endlich so weit, die Glasmacherpfeife wurde erfunden  – eine technologische Revolution, denn damit war nun die schnelle Produktion von unterschiedlichen Formen und Größen möglich – Glasgefäße wurden überwiegend zum Massenprodukt!

Römische geblasene Glasgefäße (1.–3. Jh. n. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Becher und Töpfe (1.–4. Jh. n. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Vogelfläschchen (1.–2. Jh. n. Chr.)Landesmuseum Württemberg

Die Glasmacher wiesen einen ideenreichen Formenreichtum auf, wie etwa im Falle der zierlichen Fläschchen in Gestalt sitzender Vögel, die zur Aufbewahrung von Parfums und Puder dienten.

Fragiler Luxus

Obwohl Glasgefäße nun überwiegend in großen Mengen hergestellt werden konnten, gab es in der Herstellung aufwendigere Gefäße, wie etwa diese bernsteinfarbene Rippenschale, die eine aus Achat gearbeitete Schale imitiert. Denn auch Steingefäße waren bei der Oberschicht sehr beliebt, aber nur für wenige erschwinglich. Ihre Imitate aus Glas waren zwar günstiger, aber dennoch kostbar!

Römische Rippenschale aus MosaikglasLandesmuseum Württemberg

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Lust auf mehr?

  Dann besucht unsere Schausammlung – Glas aus vier Jahrtausenden.

Mitwirkende: Geschichte

Konzept/Text: Dr. Nina Willburger
Redaktion/Umsetzung: Anna Gnyp
Englische Übersetzung: Sharon Adams
Photos und Film: Hendrik Zwietasch, Jonathan Leliveldt

Quelle: Alle Medien
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