Bilder in der Bibliothek – Hieroglyphen, Embleme, Bilderrätsel

Von "Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin"

Hypnerotomachia Poliphili (1499) von Francesco ColonnaKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

„Das schönste Buch aller Zeiten“ – so bezeichnete Umberto Eco das im Dezember 1499 in Venedig erschienene Buch Hypnerotomachia Poliphili. Der Roman mit dem rätselhaften Titel – „Der Traumliebeskampf des Poliphilo" – ist in einer klangvollen Mischung aus lateinischen und italienischen Wörtern geschrieben und mit vielen Holzschnitten illustriert. Das Buch spiegelt die Faszination der Leser der Renaissance für die „heidnischen Mysterien“, eine Inspiration der Hieroglyphen, Embleme und Bilderrätsel.

Hypnerotomachia Poliphili (1499) von Francesco ColonnaKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Poliphilo, der fiktive Erzähler der Hypnerotomachia, wandert in einem Traum durch surreale Landschaften, in denen er die Architekturen, Skulpturen und Gärten der Antike durch die klingenden Qualitäten seiner Sprache wieder zum Leben erweckt. Seite um Seite werden die Überreste der Antike von Poliphilo beschrieben und interpretiert. Neben vielen anderen Skulpturen entdeckt er auch ein Bilderrätsel, das er als eine Inschrift aus ägyptischen Hieroglyphen bewundert. Tatsächlich handelt es sich um eine Bilderfindung des Autors.

Hypnerotomachia Poliphili (1499) von Francesco ColonnaKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Unter dem Holzschnitt der „Hieroglyphen“ wird die Zeichenfolge von Poliphilo in einen lateinischen Text übersetzt: „Von deiner Arbeit opfere dem Gott der Natur freigebig, so wirst du allmählich deinen Geist Gott unterworfen zurückführen. Er wird ein fester Hüter deines Lebens sein und es barmherzig führen und heil erhalten.“ Ein Bild kann für einen Begriff (der „Rinderschädel mit angebundenen Hacken“ für die „Arbeit“) oder für eine Folge von Begriffen stehen („Auge und Geier auf dem Altar“ für „Gott“, „Natur“ und „das Opfern“) – am Schluss bedeutet ein ornamental geschwungenes Band sogar die lateinische Konjunktion „-que“, mit der die zwei letzten Bildwörter elegant verbunden werden.

Symbolicarum quaestionum libri quinque (1555) von Achille BocchiKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Die hieroglyphische Botschaft des Poliphilo wurde in den folgenden Jahrhunderten oft zitiert. In einem Buch des italienischen Humanisten Achille Bocchi, Lehrer an der Universität von Bologna, wird das Bilderrätsel sogar wie eine Reliquie des wahren Glaubens von einem Engel präsentiert. Aus den heidnischen Hieroglyphen wurde unversehens eine katholische Botschaft von Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit im Studium, die der Vater seinem Sohn als moralisches Leitbild vor Augen stellte.

Hieroglyphica (1551) von HorapolloKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Im Jahre 1505, sechs Jahre nach der Hypnerotomachia Poliphili, erschien in Venedig die Erstausgabe der Hieroglyphica, zwei Bücher mit poetischen Erklärungen hieroglyphischer Zeichen von einem spätantiken Autor namens Horapollo, für den das tatsächliche altägyptische Schriftsystem der Hieroglyphen bereits fremd geworden war. Die Mode der Hieroglyphen, Embleme und Bilderrätsel war nicht mehr aufzuhalten. Mit Begeisterung von der kulturellen Elite des 16. Jahrhunderts gelesen, wurden die Hieroglyphica des Horapollo als das lange verloren geglaubte Modell einer „heiligen“ Bildersprache verstanden.

Für die von „heidnischen Mysterien“ faszinierten Leser des 16. Jahrhunderts war die Unterscheidung von Phonogrammen (Lautzeichen) und Ideogrammen (Wortzeichen) des hieroglyphischen Schriftsystems nicht von Bedeutung. Sie folgten ihrer eigenen Logik bei der Entzifferung der Zeichen. So konnten die Gestirne Sonne und Mond oder der um die Götter zum Kreis gebogene Basilisk für die „Ewigkeit“ oder den „Lauf der Zeit“ stehen.

Hieroglyphica (1551) von HorapolloKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Im 16. Jahrhundert war man von der Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen noch weit entfernt. Mit Berufung auf den antiken Geschichtsschreiber Diodorus Siculus hielt man daran fest, dass jeder humanistisch Gebildete fähig sei, die Hieroglyphen zu entziffern. Das öffnete die Tür zu fantastischen Bilderfindungen, in der das ikonische Zeichen in ein räumliches und szenisches Bild integriert wurde.

Bei Horapollo wird der Mensch, der (zu große) Freude an Tanz und Musik hat, durch die Turteltaube, die man mit Flötenspiel fange, bezeichnet – im Bild wird das Zeichen zu einer surrealen Szene, in der die große Taube im Baum gebannt dem Quartett der Musiker mit Flöte, Harfe und Viola da Gamba lauscht.

Heydenweldt (1554) von Johannes HeroldKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In seiner Bearbeitung der Geschichtsbücher von Diodoros Siculus hat der Schweizer Publizist Johannes Herold auch eine Übersetzung der ägyptischen Bildschrift von Horapollo eingefügt. Die Holzschnitte sind in den Text eingefügt und entfalten selbst in diesem kleinen Bildraum eine einprägsame Wirkung, vergleichbar den Bildern in Fibeln oder ABC-Büchern, mit denen die Schüler das Lesen lernten.

Libro nel qual s'insegna à scrivere (1548) von Giovanni Battista PalatinoKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Die Mode der ägyptischen Hieroglyphen inspirierte die Autoren des 16. Jahrhunderts auch zu Bilderrätseln, in denen die einzelnen Wörter durch Bilder dargestellt sind, eine frühe Form der Chiffrierung. In seinem Lehrbuch des kunstvollen Schreibens präsentiert der römische Schreibmeister Giovanni Battista Palatino ein „Sonetto Figurato“, ein Figurengedicht. Der Schlüssel zur Dechiffrierung der kryptischen Reihe von Buchstaben und Bildzeichen liegt in dem Klang der abgebildeten Dinge: aus den „uova“ (Eier) wird in der phonetischen Zusammensetzung mit dem Buchstaben „D“ das Fragewort „Dove“ (wo).

Emblematum Libellus (1534) von Andrea AlciatiKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Das Weiterleben der Hieroglyphen verdankt sich vor allem der emblematischen Literatur. In einem Augsburger Verlag war 1531 ein Buch mit dem Titel Emblematum liber (Buch der Embleme) veröffentlicht worden, einer Sammlung von Gedichten, illustriert mit Holzschnitten. Der Autor, der Mailänder Jurist Andrea Alciato, war mit diesem Druck jedoch nicht zufrieden. 1534 erschien in Paris ein neuer Druck des Emblembuches, bei dem die Texte und Bilder typographisch so gesetzt wurden, dass auf einer Buchseite jeweils ein lateinisches Motto, ein Holzschnitt und ein lateinisches Epigramm stehen.

Emblematum Libellus (1534) von Andrea AlciatiKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Das hieroglyphische Lese-Modell bestimmt die Darstellung und die Interpretation der Bilder, etwa das Zeichen der „Laute“ im Emblem „Foedera“ (Bündnisse). Die harmonisch gestimmten Saiten der Laute bedeuten das machtvolle politische Bündnis der italienischen Fürsten. Bei Horapollo stand das Bild allerdings für den Menschen, der die fragwürdige Fähigkeit besitzt, „sich bei anderen angenehm zu machen“.

Hypnerotomachia Poliphili (1499) von Francesco ColonnaKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Auch die Hieroglyphen, die Poliphilo in seinem Traum gesehen hat, kehrten in den emblematischen Bilderrätseln wieder. Populär war das von antiken Münzen bekannte Bild des Delphins, der sich um den Anker windet, und so die schnelle Wendigkeit mit dem feststehenden Halt verbindet. Poliphilo hatte es als Verzierung einer Brücke entdeckt, eingemeißelt in einer Schriftzeile mit dem Bild des Kreises, und es als „Semper festina tarde“ (Eile mit Weile) gelesen.

Münze des Imperators Titus, Vorderseite (Rückseite)Bode-Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Der um einen Anker gewundene Delphin ist auf römischen Münzen mit dem Portrait des Kaisers Titus dargestellt. Das Bild vom Anker und Delfin war auch das Markenzeichen des venezianischen Druckers Aldo Manuzio, der 1494 seine Druckerei gegründet hatte und schon bald für die philologisch vorbildliche Edition antiker Texte berühmt wurde.

Le Imprese Heroiche et Morali (1559) von Gabriele SimeoniKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Das Bild vom Anker und Delphin beschreibt der italienische Autor Gabriele Simeoni als Imprese des römischen Kaisers Titus – auf der Seite gegenüber zeigt er eine Variante mit Krebs und Schmetterling für den römischen Kaiser Augustus. In Ableitung von dem italienischen Wort „impresa“ (Unternehmung) bezeichnet der Begriff „Imprese“ die Verbindung eines Bildes mit einem persönlichen Wahlspruch, der Devise.

Emblematum Libellus (1534) von Andrea AlciatiKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In dem Emblembuch von Andrea Alciati taucht der Delphin mit dem Anker erneut auf. Jetzt ist er ein politisches Mahnzeichen, das den Fürsten daran erinnern soll, in unruhigen Zeiten seine Untergebenen zu schützen und seiner Herrschaft einen festen Halt zu geben, wie der Anker dem Schiff in stürmischer See.

Hypnerotomachia Poliphili (1499) von Francesco ColonnaKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Auf seiner Traumwanderung sieht Poliphilo auch die Hieroglyphe einer halb sitzenden, halb davon eilenden Frau, in vollkommener Balance an einer Hand zwei Flügel haltend, in der anderen Hand eine Schildkröte, das eine Bein fest auf dem Boden stehend, das andere luftig erhoben. Er erklärt das Bild mit dem Wahlspruch: „Die Geschwindigkeit mäßige durch das Sitzen, die Trägheit durch das Aufstehen.“

Emblematum Libellus (1540) von Andrea AlciatiKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Diese Bildidee der balancierten Gegensätze wurde wie ein musikalisches Motiv variiert und kontrapunktisch durchgeführt. In dem Emblembuch von Andrea Alciato erscheint ein stehender, nackter Knabe: Das eine Bein statisch gestreckt, das andere dynamisch angewinkelt, die linke Hand mit den Flügeln emporgezogen, die andere Hand mit einem angebundenen Stein hoffnungslos beschwert: „Armut verhindert den Fortschritt der besten Fähigkeiten.“

Le Theatre Des Bons Engins (1540) von Guillaume de La PerrièreKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In dem französischen Emblembuch von Guillaume de La Perrière findet sich eine Parodie des Bildmusters. Der geflügelte Wanderstab auf der Schildkröte soll den Pilger warnen, sich nicht haltlos in der Welt herumzutreiben, als gebe es kein größeres Ziel, „als Meer und Land zu durcheilen. Aber nicht immer ist solches Herumtreiben von rechter Art. Den geflügelten Stab muss man im Zaume halten und am Ende sich wie eine Schildkröte fortbewegen.“

Emblemata (1599) von Johannes SambucusKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In ein überkomplexes Verweissystem integrierte der ungarische Universalgelehrte Johannes Sambucus das kaum noch zu erkennende Sinnbild. Die Natur, dargestellt als Artemis von Ephesos, hält die gegensätzlichen Aspekte von Physik und Metaphysik in ihren Händen, die „abgefallenen Blüten“ und den „auffliegenden Falken“. Dazu kommen der auf dem Boden stehende „Tempel der Vesta" mit einem Globus und der über Wolken schwebende „Tempel der göttlichen Vorsehung“ mit einem Astrolabium. Das bedeute, dass die Metaphysik der Physik vorzuziehen sei – aber was der Vogel und der Mond über der Schulter der Natur bedeuten, bleibt rätselhaft.

Emblematum Tyrocinia (1581) von Mathias HoltzwartKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

In dem Emblembuch von Mathias Holtzwart erhalten die vereinten Gegensätze eine neue Pointe: „Was hilft es dem Menschen, dass er die ganze Welt gewinne, wenn Gott selbst ihm die ewige Ruhe verweigert?“ In der Darstellung des Schweizer Künstlers Tobias Stimmer wird diese schlichte Mahnung zu einem phantastischen Bild der Verzweiflung: Statt eines Steins (für die Armut) hängt ein großer Geldsack an den Füßen des Menschen und hindert ihn daran, mit seinen beflügelten Händen aufwärts zu streben.

Emblematum Centuria (1613) von Gabriel RollenhagenKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Am Ende erweist sich mit dem Magdeburger Prediger und Pädagogen Gabriel Rollenhagen die andere Lesart als aktueller: Durch Armut, schwer wie ein Stein, werde man niedergehalten, durch Begabung wie mit Flügeln in die Höhe gehoben. Es ist nicht zuletzt die künstlerische Qualität der Kupferstiche von Crispijn van de Passe, die den bleibenden Erfolg dieses Emblembuches sicherte, selbst dann, als die Mode der Hieroglyphen und Embleme im Zeitalter von Aufklärung und Klassizismus ein Ende hatte.

Uschebti des Psammetich von UnbekanntNeues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen sollte bei aller Begeisterung für die „heidnischen Mysterien“ nicht gelingen. Erst mit den archäologischen Grabungen im 19. Jahrhundert fanden sich immer mehr Objekte mit Inschriften, wie die „Uschebti“, Statuetten, die dem Toten mit ins Grab gegeben wurden. Die Hieroglyphen sind die Zeichen des ägyptischen Schriftsystems, das von etwa 3200 v. Chr. bis zum vierten Jahrhundert n. Chr. benutzt wurde. Zunächst wurden nur einzelne Bildzeichen für die Übermittlung kurzer Informationen genutzt. Aber schon zu Beginn des 3. Jahrtausends entwickelte sich ein sehr komplexes Schriftsystem mit ca. 700 verschiedenen Hieroglyphen der Kategorien Lautzeichen (Phonogramme), Wortzeichen (Ideogramme) und Deutzeichen (Determinative). In ptolemäischer Zeit erweiterte sich die Zeichenanzahl durch vielfältige Kombinationen einzelner Hieroglyphen und neue Lesevarianten auf über 7000.

Description De L'Égypte (1822) von Edme François JomardKunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Die Entschlüsselung des Rätsels der Hieroglyphen verdankt sich einem Zufall. Der so genannte Stein von Rosette wurde während des Feldzugs des französischen Generals Napoleon Bonaparte in Ägypten 1798-1801 bei Rašīd (Rosette) im Nildelta von einem französischen Offizier gefunden. Die „Commission des sciences et des arts“ (Kommission der Wissenschaften und der Künste), die im Auftrag des Generals den Feldzug begleitete, erkannte die Bedeutung des Fundes. Auf der steinernen Stele ist ein Dekret aus dem Jahr 196 v. Chr. in drei Schriftsystemen (Hieroglyphisch, Demotisch, Altgriechisch) eingemeißelt. Obwohl die Stele nach der Niederlage der Franzosen den Briten überlassen werden musste, konnte die hieroglyphische Inschrift von einem französischen Sprachwissenschaftler, Jean-François Champollion, durch den Vergleich der Schriftsysteme erstmals übersetzt werden. Die monumentale Publikation Description de l’Égypte (Beschreibung Ägyptens) dokumentiert diesen entscheidenden Moment.

Mitwirkende: Geschichte

Text: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Konzept und Text: Michael Lailach
Umsetzung: Justine Tutmann
© Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz / Foto: Dietmar Katz
www.smb.museum
Kunstbibliothek

Quelle: Alle Medien
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