Von "Stiftung Bauhaus Dessau"
Stiftung Bauhaus Dessau
Unter Hannes Meyer erlebte das Bauhaus eine ganz besondere Blüte. Doch der Direktor, der 1928 die Nachfolge von Walter Gropius antrat, eckte an und wurde kritisiert. Warum eigentlich?
Thomas Flake und Hannes Meyer (bei der Begehung des Baugeländes für die Bundesschule des ADGB in Bernau) (1928) von Erich ConsemüllerStiftung Bauhaus Dessau
„Ein schwieriger, ja zerrissener Mensch, der oft Wandlungen durchmachte.“ (Hubert Hoffmann, Student)
„Er sprudelte immer vor Ideen, über die er mit irgendjemandem sprechen musste.“ (Gunta Stölzl, Jungmeisterin)
„Hannes eine Enttäuschung (...) ein Kleinkrämer, ein Bauer und besonders: der Sache nicht gewachsen.“ (Oskar Schlemmer, Meister)
Wer war Hannes Meyer?
Wie Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe war er Direktor des Bauhauses, doch bis heute steht Hannes Meyer in deren Schatten. Lange wurde seiner Person nicht einmal Beachtung geschenkt. Erst 1965, elf Jahre nach seinem Tod, erschien die erste größere Werkmonografie und es sollte bis zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 1989 dauern, bis eine umfassende Ausstellung, die unter anderem in Berlin und Dessau gezeigt wurde, Meyers Leben würdigte. Die späte Rezeption, sie hat ihre Gründe.
Bauhaus Dessau Bauabteilung 1929. Hannes Meyer. Wettbewerbsentwurf Gewerkschaftshaus in Jerusalem. Schnitte und Ansichten (1929, o. J.) von UnbekanntStiftung Bauhaus Dessau
Hannes Meyer entstammte einer Architektenfamilie und wurde 1889 in Basel geboren. Da sein Vater früh starb, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in einem Waisenhaus. Nach der Schule ließ er sich zum Maurer sowie zum Bauzeichner ausbilden und besuchte Baukurse an der Gewerbeschule.
Bevor er im Alter von 30 Jahren sein eigenes Architekturbüro in Basel gründete, hatte er unter anderem in Berlin beim KaDeWe-Architekten Emil Schaudt gearbeitet, im englischen Bath Wohnungsbau studiert und im Büro Metzendorf die Krupp-Siedlung in Essen geplant. In den 1920er-Jahren war er einer der bekanntesten Architekten des Funktionalismus.
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Früh sympathisierte er mit sozialistischen Ideen: Schon vor dem ersten Weltkrieg engagierte sich Meyer in Bodenreform- und Genossenschaftsbewegungen, die einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus suchten. 1919 schloss er sich dem Verband Schweizerischer Konsumvereine (VSK) an und baute deren erste Gemeinschaftssiedlung: Freidorf bei Basel. Bis 1926 wohnte Meyer selbst in dieser Siedlung.
Meyer am Bauhaus
1927 wurde Hannes Meyer von Walter Gropius an das Bauhaus berufen, um die neu eingerichtete Bauabteilung zu leiten. Bis zu diesem Moment hatte Meyer keinerlei Erfahrung in der Lehre, sich aber schon früh mit der Pädagogik Pestalozzis beschäftigt. Dessen Modell kleiner, aktiv lernender Gruppen oder ‚Zellen’ griff Meyer auf und setzte in seinem Unterricht auf Teamarbeit und Selbstorganisation.
Vier ineinander verschlungene Personen (Bauhäusler auf der Terrasse der Bauhaus-Mensa, oben Hermann "Sven" Gautel, unten Hin Bredendieck) (ca. 1929) von Erich KrauseStiftung Bauhaus Dessau
In sogenannten vertikalen Brigaden sollten die jüngeren von den älteren Schülern lernen, die Neulinge von denen, die schon Erfahrungen im Bauen hatten. Da Meyer seine Schüler lieber mit realen statt fiktiven Projekten konfrontierte, beteiligte er sie an sämtlichen Bauaufträgen, mit denen er von der Stadt oder privaten Auftraggebern betraut wurde.
Auch in Architektur und Planung setzte Meyer auf Gemeinschaftsarbeit. Sein Credo: „Ich projektiere nie allein“. Der Architekt sollte nicht länger als allmächtiger Baukünstler fungieren, sondern war – wie jeder andere Gestalter, Intellektuelle und Arbeiter – nicht mehr und nicht weniger ein dienendes Mitglied der Gesellschaft. „der ‚architekt’ ist tot“, verkündete Meyer auf einem Vortrag – es lebe das kreative Team.
technischer erläuterungsbericht bundesschule in bernau (mark) für den allgemeinen deutschen gewerkschafts-bund (Blatt 3 der Wettbewerbseingabe) (April 1928) von Hannes Meyer, Hans Wittwer (Entwurf) und Bauhaus Dessau, BauabteilungStiftung Bauhaus Dessau
Neu war auch Meyers Herangehensweise an Bauprojekte. Die Architektur sollte sich aus den konkreten Bedingungen des Ortes entwickeln – und diese mussten zuvor eingehend analysiert werden. Meyer führte empirische Studien am Bauhaus ein – damals ein Novum in der Architekturausbildung, heute Standard.
o. T. (Schornsteine) von Reinhold RossigStiftung Bauhaus Dessau
„Beispielsweise analysieren die Studenten die Wohnverhältnisse in Arbeiterhäusern am Rand von Industriegebieten: die Richtung, aus der Wind, Rauch und Ruß kommen, die Sichtverhältnisse oder die Einwirkung von Straßenstaub und Verkehrslärm,“ beobachtete der Gastdozent Karel Teige seinerzeit am Bauhaus.
Meyer als Direktor
Ein Jahr nach seiner Berufung ans Bauhaus machte Walter Gropius ihn zu seinem Nachfolger im Amt des Direktors. Es war kein einfaches Erbe, das Meyer antrat: Die Einnahmen aus den Bauhaus-Werkstätten, in denen die Schüler nicht nur ausgebildet, sondern auch Produkte für die Industrie hergestellt wurden, waren weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Und der Bau der Sozialsiedlung in Dessau-Törten, geplant als Musterbeispiel für soziales wie kostengünstiges Bauen, erwies sich als deutlich teurer als herkömmliche Bauten.
"junge menschen kommt ans bauhaus !" (Seite aus einer Bauhaus-Werbebroschüre) (1929) von Meyer, Hannes (Entwurf); Bauhaus Dessau, Druckerei (Herstellung) und Bauhaus Dessau, Druckerei (Herstellung)Stiftung Bauhaus Dessau
Es brauchte in vielerlei Hinsicht eine Neuausrichtung – und Meyer erwies sich als der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er strukturierte die Werkstätten neu, forcierte Kontakte mit der Industrie – und er tat noch mehr ...
Mehr fürs Volk
Das Bauhaus sei von seiner Idee abgekommen, „für das Volk” zu gestalten – stellte Meyer fest. Die Designs unter Gropius waren nichts für die breite Masse, sondern für eine zahlungskräftige Mittel- und Oberschicht. „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, forderte Meyer jetzt. Die „Volkswohnung“ wurde zum Statement für die Neuausrichtung des Bauhauses unter seiner Leitung.
Laubenganghaus in Dessau-Törten, Peterholzstraße 40, Innenansicht Musterwohnung, 2012 (2012) von Hannes Meyer (Architektur) und Bauhaus Dessau, BauabteilungStiftung Bauhaus Dessau
In den Laubenganghäusern, mit denen er die von Gropius 1926 begonnene Siedlung in Dessau-Törten 1928 erweiterte, zeigte er, wie volksnahes Design aussehen sollte.
o. T. (Wanderausstellung des Bauhauses in Zürich. Produkte aus der Weberei, der Tischlerei, der Werkstatt für Typografie, der plastischen Werkstatt und der Metallwerkstatt) (1930) von Ernst LinckStiftung Bauhaus Dessau
Die Möbel und Produkte der Volkswohnung sollten „nicht schmuck“, sondern bedingungslos nützlich, haltbar und bezahlbar für jedermann sein.
Stahlrohr – so typisch für das Bauhaus wie teuer für den einfachen Arbeiter – kam unter Meyer kaum noch oder nur sehr sparsam zum Einsatz. Vielmehr wurde auf Holz gesetzt. Zudem sollten die Möbel leicht, flexibel und zerlegbar sein.
Werbeplakat für Bauhaus-Tapeten (1932, o. J.) von Hubert HoffmannStiftung Bauhaus Dessau
Die Bauhaustapete, mit ihrem zurückhaltenden Design eigens für kleine Wohnungen konzipiert, wurde sogar zum Bestseller des Bauhauses.
Mehr Wissen
Meyer – „ungeheuer belesen, in den neuesten Wissenschaften zu Hause“ (Hubert Hoffmann) – sorgte als Direktor dafür, dass die Studierenden mehr als zuvor mit den verschiedensten Wissenschaften und Lehrern in Kontakt kommen. Philosophie, Psychologie, Soziologie, aber auch Betriebs- und Wirtschaftswissenschaften werden unterrichtet. Meyer holte mehr Gastlehrer ans Bauhaus als die anderen Bauhausdirektoren.
Bauhaus Dessau Vorkurs 1926/27. Oskar Schlemmer. Studie zu dem Thema "Der Mensch" (ca. 1927) von Konrad PüschelStiftung Bauhaus Dessau
Auf Wunsch Meyers konzipierte Oskar Schlemmer den Kurs „Der Mensch“, der für alle Studierenden des dritten Semesters obligatorisch wurde. Neben figürlichem Zeichnen werden dort auch Psychologie, Philosophie und Geistesgeschichte gelehrt.
Laubenganghaus (1929-30), Architekt: Hannes Meyer und Bauabteilung des Bauhauses Dessau, 2012 (2012) von Architektur: Hannes Meyer und Bauabteilung des Bauhauses Dessau / Foto: Yvonne Tenschert, Bauhaus Dessau, Bauabteilung und Yvonne Tenschert (Foto)Stiftung Bauhaus Dessau
Wie die Theorie in die Praxis gelangt, zeigte Meyer derweil in seinen Bauprojekten, in denen psychologische Aspekte in den Vordergrund rücken. So versucht er zum Beispiel mit den Laubenganghäusern, „die nachteile des herkömmlichen miethauses zu beheben“:
o. T. (Siedlung Dessau-Törten, Laubenganghaus, Architekt Hannes Meyer und die Bauhaus-Bauabteilung, Bewohner auf einem Laubengang) (1930) von UnbekanntStiftung Bauhaus Dessau
In dem Laubengang, von dem alle Wohnungen aus zugänglich sind, können sich die Bewohner „in aller öffentlichkeit wie auf einem bürgersteig“ treffen.
technischer erläuterungsbericht bundesschule in bernau (mark) für den allgemeinen deutschen gewerkschafts-bund (Blatt 3 der Wettbewerbseingabe) (April 1928) von Hannes Meyer, Hans Wittwer (Entwurf) und Bauhaus Dessau, BauabteilungStiftung Bauhaus Dessau
Bahnbrechend ist auch der Entwurf für den Neubau der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds ADGB in Bernau bei Berlin, mit dem Meyer und sein Partner Hans Wittwer 1928 den Wettbewerb gewinnen.
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Hier wurden die Wohnpavillons durch einen großzügigen Glaskorridor verbunden, um anonyme Flure wie in Hotels zu vermeiden. Dadurch entstand ein Licht durchfluteter Raum, der Blicke in die Natur gewährte und zum Verweilen einlud.
Fatale Politisierung
Schaffte es Walter Gropius während seiner Amtszeit, die Politik weitestgehend vom Bauhaus fern zu halten, kam es unter Meyer zu einer Politisierung und Radikalisierung der Bauhaus-Studenten, das Bauhaus spaltete sich in eine kommunistische und eine gemäßigte Fraktion.
KARL MARX. DAS KAPITAL (1957) von Reinhold RossigStiftung Bauhaus Dessau
Meyer selbst hatte um seine politische Einstellung nie ein Geheimnis gemacht und sich zunehmend von der genossenschaftlichen Kooperative zum Marxismus radikalisiert. Sein Verhängnis: Es gelang ihm nicht, die Arbeit des Bauhauses nach innen auf seine sozialistischen Ziele auszurichten und gleichzeitig das Haus nach außen neutral zu vertreten und durch die politisch schwierigen Zeiten zu manövrieren.
Fristlos gekündigt
Am 1.8.1930 wurde Meyer von der Stadt Dessau wegen „kommunistischer Machenschaften“ fristlos entlassen und Ludwig Mies van der Rohe als sein Nachfolger eingesetzt. Die Entlassung von Hannes Meyer wurde zwangsläufig ein ausgewachsener Skandal.
Thomas Flake und Hannes Meyer (bei der Begehung des Baugeländes für die Bundesschule des ADGB in Bernau) (1928) von Erich ConsemüllerStiftung Bauhaus Dessau
"So wurde ich von hinten abgekillt. Ausgerechnet während der Bauhausferien und fern von den mir nahestehenden Bauhäuslern. Die Bauhaus-Kamarilla jubelt. Die Dessauer Lokalpresse fällt in ein moralisches Delirium. Vom Eiffelturm stößt der Bauhauskondor Gropius herab und pickt in meine direktoriale Leiche, und an der Adria streckt sich W. Kandinsky beruhigt in den Sand: Es ist vollbracht."
Hannes Meyer in der Architektur-Hochschule Moskau WASI (vlnr: Hannes Meyer, Leiter des Allrussischen Zentralinstituts für technischen und industriellen Nachwuchs; Mordvinoff, Betriebsrat der Staatlichen Hochschule für Architektur; Bela Scheffler; Salamatin) (1931) von Hermann BunzelStiftung Bauhaus Dessau
Meyer ging zunächst in die Sowjetunion, wo er unter anderem an der Hochschule für Architektur lehrte, und später nach Mexiko. Er brach mit dem Marxismus westeuropäischer Intellektueller und wurde überzeugter Stalinist. Diese Wende markiert den Bruch mit früheren Freunden, darunter viele Bauhäusler. 1949 kehrte er endgültig in die Schweiz zurück, wo er 1954 starb.
o. T. (Studierende auf der Terrasse des Bauhausgebäudes in Dessau hinter der Mensa - v.l.n.r.: Moses Bahelfer, Hilde Reiss, unbekannt, Jean Weinfeld, Selman Selmanagic, unbekannt) (1931) von UnbekanntStiftung Bauhaus Dessau
Der wiederentdeckte Direktor
Nicht wenige Bauhäusler und Historiker sehen in der Ära Meyer die Blütezeit des Bauhaus. Unter Meyer waren die Werkstätten erfolgreicher, die Studierenden motivierter, die Produkte sozialer. Meyer hatte für mehr Chancengleichheit gesorgt, in dem er den Eignungstest abschaffte, die Verdienstmöglichkeiten für die Studierenden verbesserte ...
... und Frauen in sämtlichen Werkstätten sowie im Architekturstudium zuließ.
o. T (Porträt Hannes Meyer) (o. J.) von UnbekanntStiftung Bauhaus Dessau
Doch sein politisches Bekenntnis zum Marxismus und dem stalinistischen Russland beeinflusste die Rezeption seines Schaffens und trug zur Marginalisierung seiner Person neben den beiden anderen Bauhaus-Direktoren bei.
Erst seit einigen Jahren wird das Wirken von Hannes Meyer gewürdigt und erforscht. Das Bild von ihm wird differenzierter, der Mensch Hannes Meyer greifbar. So wie in den Worten von Friedrich Engemann, erst Studierender (von 1927 bis 1929), dann Lehrender (1929 bis 1933) am Bauhaus, der sich an Meyer wie folgt erinnert:
Strandbild (Selbst mit Lena Meyer-Bergner) (1931) von Hannes MeyerStiftung Bauhaus Dessau
„Vielleicht lag der große Einfluss Hannes Meyers auf uns alle – ohne Rücksicht darauf, ob wir ihm in diesem oder jenem Punkte zustimmten oder nicht – gerade darin, dass er uns Einblick gab in sein eigenes inneres Suchen, dass er uns teilnehmen ließ am Für und Wider, das sich in ihm selbst vollzog. Für uns war Hannes Meyer in der ganz ungewöhnten Art, wie er lehrte und sich mit uns auseinandersetzte, ein großes und starkes Erlebnis im Menschlichen.“
Text / Konzept / Umsetzung: Cornelia Jeske
Redaktion: Astrid Alexander, Cornelia Jeske
© Stiftung Bauhaus Dessau
www.bauhaus-dessau.de
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