Laufzeit in der FohlenWelt: 05.09.2019 - 15.03.2020
Vom Talent zur Legende
Günter Netzer wächst auf der Gasthausstraße in Mönchengladbach auf. Zwar gehört diese Straße zum Arbeiterviertel, doch den Netzers geht es in den Nachkriegsjahren vergleichsweise gut. Die Sorge um das tägliche Brot jedenfalls ist hier nicht so präsent wie in der Nachbarschaft.
Der Vater arbeitet als Vertreter für Blumensamen, die Mutter führt im Erdgeschoss des Hauses einen Lebensmittelladen - und sie verwöhnt ihren Sohn, wo es nur geht. So bekommt Günter Netzer als Fünfjähriger einen Lederball geschenkt - seine Eintrittskarte, mitspielen zu dürfen.
Dank des Lederballs muss nun nicht mehr gegen Blechdosen oder ineinander geknäulte Stofffetzen getreten werden. "Der Günter", sagt eine Nachbarin zu seiner Mutter Barbara, "der kann ja mit dem Ball umgehen wie kein anderer. Der wird sicher was."
Günter Netzer in der D-Jugend des 1. FC Mönchengladbach (1954) von Foto: unbekanntVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Die Anfänge
An einem Nachmittag im April 1953 putzt Netzer aufgeregt seine Fußballstiefel: Gleich werden ihn seine Fußball-Kameraden abholen. Gespielt wird nicht wie sonst auf der Straße, sondern beim 1. FC Mönchengladbach, auf dem lehmigen und in die Jahre gekommenen "Mannesmann-Platz".
Einen richtigen Trainer gibt es nicht, eher einen Mannschaftsbegleiter - irgendein Vater eines Mannschaftskameraden. In der D-Jugend ist Günter Netzer der Kleinste, aber das macht nichts. Er fügt sich schnell ein und erzielt bald mehr Tore als alle anderen zusammen.
Spielszene BMG - Wormatia Worms (1965-06-26) von Foto: unbekanntVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Als sich Günter Netzer 1963 unter vielen Angeboten für das von Borussia Mönchengladbach entscheidet, toben die Verantwortlichen des 1. FC Mönchengladbach. Nach einer Saison in der Ersten Mannschaft des Vereins wechselt der beste Spieler zu Borussia.
Aus der Wut wird Jahre später Stolz auf den Mann, der sich zum 90. Geburtstag seines ersten Klubs etwas Besonderes einfallen lässt: Er organisiert im Jahr 1984 ein Spiel seines ersten Vereins auf dem Bökelberg gegen eine Prominenten-Elf.
Gespickt mit Stars wie Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath, Uwe Seeler und Berti Vogts. Es kommen 18.000 Menschen, die Einnahmen nutzt der 1. FC für den Bau des neuen Klubhauses.
Spielszene Günter Netzer (1972-10-14) von Foto: HorstmüllerVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Nach dem Aufstieg in die Bundesliga zieht Günter Netzer die Fäden im Spiel der Fohlen und wird zum Superstar. Günter Netzer spielt 1963 bis 1973 für Borussia.
Borussia Mönchengladbach ist in die Bundesliga aufgestiegen, und ihr Spielmacher heißt Günter Netzer.
Er ist 20 Jahre alt, als er sein erstes Bundesligaspiel macht, am 14. August 1965. Welchen Stellenwert Netzer schon in jungen Jahren bei Trainer Hennes Weisweiler hat, zeigt die Tatsache, dass er beim Bundesligadebüt nicht auf Netzer - trotz heftiger Grippe - verzichtet.
Auch in den nächsten Jahren ist Netzer der Mann, um den sich bei Borussia alles dreht. Spätestens seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1970 ist er der "King" vom Bökelberg. Es kommen noch ein Meistertitel und ein DFB-Pokalsieg in der Zeit bis 1973 dazu.
Kurz vor Saisonende 1972/73 platzt die Bombe. Günter Netzer verlässt Borussia und wechselt zu Real Madrid. Wochenlang gibt es auf den Sportseiten kaum ein anderes Thema mehr. Alles gipfelt im DFB-Pokalfinale am 23. Juni 1973 gegen den 1. FC Köln im Düsseldorfer Rheinstadion.
Netzers letztes Spiel. In dem Weisweiler zunächst auf ihn verzichtet. In dem Netzer sich schließlich selbst einwechselt. Und dann mit dem zweiten Ballkontakt den 2:1-Siegtreffer erzielt. Was für ein Abgang für den "King" vom Bökelberg!
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Pechschwarz ist die Tür, so wie die komplette Fassade an der Waldhausener Straße 55, und zunächst einmal verschlossen. Fenster gibt es keine. Und wer rein will, muss klingeln und sich durch einen Sehschlitz vom Türsteher begutachten lassen.
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Angetrunken sollte man nicht sein, ein Trikot tragen oder ungepflegt aussehen schon gar nicht. Idealerweise ist man Stammgast, sonst irgendwie schön, prominent oder interessant. Wenn man am strengen Türsteher vorbeikommt, ist man drin in einer der aufregendsten Diskotheken.
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Der geschäftstüchtige und bei Borussia nicht eben fürstlich entlohnte Netzer ist auf der Suche nach einer Einnahmequelle. Und mit seiner Diskothek haucht er ganz nebenbei der Mönchengladbacher Altstadt Leben ein. Das lovers' lane wird zum vollen Erfolg.
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Natürlich ist der entscheidende Faktor Netzer selbst. Denn er ist Stammgast in seinem eigenen Laden. Zu den prominenten Gästen gehören VfL-Profis wie Rainer Bonhof oder Jupp Heynckes, und auch Schauspielerin Elke Sommer oder Schlagersänger Udo Jürgens schauen ab und an vorbei.
Die Jahre nach Borussia: Günter Netzers Zeit in Madrid
Der Wechsel nach Madrid war nicht so einfach wie zunächst gedacht. Mit der Verpflichtung des Spielmachers aus Deutschland verknüpften die Real-Bosse die Hoffnung, ihrer etwas in die Jahre gekommenen Mannschaft einen neuen Spielstil verpassen zu können.
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Trainer Munoz forderte von seinen Spielern, sich auf Netzers Fußball einzustellen und diese waren dazu auch bereit. Doch mit Netzer allein, das erkannte man bei Real Madrid im Verlauf der Saison 1973/74, würde ein erfolgreicher Umbruch kaum gelingen.
Munoz musste gehen, zudem wurde die Mannschaft verjüngt. Ein zweiter deutscher Spieler wurde geholt: Paul Breitner. Die Maßnahmen griffen. Und Günter Netzer wurde zum Gestalter des Spiels der "Königlichen". 1976 lief sein Vertrag aus und dieser wurde auch nicht verlängert.
Die Jahre nach Borussia: Günter Netzers Zeit in Zürich
Seine letzte Station als Spieler war der Schweizer Club Grasshopper Zürich. Netzer gefiel das ruhige Flair der Stadt, ihre traumhafte Lage am See zu Füßen der Berge. Es fiel ihm auf, dass er sich - anders als in Madrid - frei bewegen konnte, dass man ihn in Ruhe ließ.
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Auch der damalige Trainer Helmuth Johannsen überzeugte Netzer vom Wechsel in die Schweiz. Mit Netzer im Mittelfeld landeten die Grasshoppers auf dem sechsten Platz, man hatte sich mehr erhofft. Netzer spürte, dass es mit dem Fußball als Profi für ihn allmählich zu Ende ging.
Im Sommer 1977 teilte er Johannsen und den Grasshoppers mit, dass für ihn Schluss sein müsse. Nach 14 Jahren im Profifußball, nach weit mehr als 400 Pflichtspielen und mehr als 130 Toren, war die großartige Karriere von Günter Netzer zu Ende.
Vom Spielmacher zum Manager
Ob als Manager des Hamburger SV, als Fußball-Rechte-Vermarkter in der Schweiz oder als TV-Kommentator: Günter Netzer hat Erfolg.
Moderatoren-Duo Gerhard Delling und Günter Netzer (2006-01-27) von Foto: Dieter WiechmannVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Netzers Fußballwissen ist gefragt, ab und zu trudeln Interviewanfragen aus Deutschland ein. Zu regelmäßigen Auftritten im Fernsehen verhilft ihm jedoch der Schweizer Rundfunk, der Netzer als Experten für die Spiele der Schweizer Nationalmannschaft unter Vertrag nimmt.
Bei der Europameisterschaft in England trifft Netzer auf den ARD-Mann Gerhard Delling, den er noch aus Hamburger Zeiten kennt. Für die WM in Frankreich ist die Schweiz nicht qualifiziert, die ARD-Programmchefs nehmen Netzer unter Vertrag.
Ausstellungsansicht "Günter Netzer. Aus der Tiefe des Raumes" (2019-09-05) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Es ist der Beginn einer kongenialen, zwölfjährigen Zusammenarbeit des Sportjournalisten mit dem Fußballspezialisten. Die beiden sind so unterschiedlich und ziehen sich gegenseitig so herrlich auf, dass das Zuschauen über zwölf Jahre nicht langweilig, sondern zum Kult wird.
Netzer und Delling füllen als Duo Feuilleton-Seiten und Kolumnenspalten, werden zu Fußballkultur. Fans, die ihn nie im Stadion haben spielen sehen, ist Netzer vor allem als TV-Experte ein Begriff. Im Jahr 2000 erhalten sie für ihre Auftritte den Grimme-Preis.
Portrait Günter Netzer (2019-08-18) von Foto: BorussiaVereinsmuseum von Borussia VfL 1900 Mönchengladbach
Ende 1977 liegen Günter Netzer zwei Angebote als Clubmanager auf dem Tisch. Netzer holt sich Rat bei seinem ehemaligen Wegbegleiter Helmut Grashoff. Dieser rät ihm zum Job als Clubmanager vom HSV. Am 1. Januar 1978 tritt Netzer seinen Dienst an.
Netzer trifft auf schwierige Verhältnisse und eine misstrauische Hamburger Medienlandschaft, die ihm den Job des Managers nicht zutraut. Doch seine Erfolge sprechen für sich: 1979, 1982 und 1983 Deutscher Meister und 1983 Sieger des Europapokals der Landesmeister.
Nach seiner Zeit in Hamburg, ab 1986, arbeitet er zunächst als Repräsentant der Firma von Cesar W. Lüthi in der Schweiz. Netzer hatte den Schweizer Werbefachmann und Visionär für Vermarktbarkeit des Sports bereits zu HSV-Zeiten kennengelernt und stieg nun in seiner Firma ein.
Ende der Neunzigerjahre verkauft Lüthi seine Firma samt Netzer an das deutsche Medienunternehmen Kirch. Als das nach der Jahrtausendwende Insolvenz anmeldet, gründet die alte CWL-Führungsriege 2003 eine eigene Firma: Infront.
Er kümmert sich um die Vermarktung von TV-Übertragungsrechte und Bandenwerbung und steigt zum Managing Director auf.
Heute hat das Sportmarketing-Unternehmen mit Hauptsitz in Zug in der Schweiz, über 900 Mitarbeiter in weltweit 35 Filialen. Ihr Executive Director heißt bis Juli 2017 Günter Netzer.
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