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Die Gründung der Nationalgalerie ist auf ein herausragendes bürgerschaftliches Engagement zurückzuführen. Der Berliner Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener stiftete 1861 seine Sammlung von 262 zeitgenössischen Gemälden nationaler wie auch internationaler Künstler dem preußischen König. Diese Schenkung bildete den Grundstock für die spätere Sammlung der Nationalgalerie.

Bildnis des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener (1856) von Julius Friedrich Anton SchraderAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Joachim Heinrich Wilhelm Wagener 

Mit der Eröffnung des prunkvollen Gebäudes der Nationalgalerie am 22. März 1876 auf der Museumsinsel wird Wageners Wunsch nach einem „geeigneten Lokale“ für seine über 40 Jahre zusammengetragene Privatsammlung entsprochen. Hinter Wageners Wunsch, diese Werke für „Künstler und Kunstfreunde“ zugänglich zu machen, steht die Idee, eine sowohl ästhetische als auch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sammlung anzuregen. Nach über 150 Jahren der Weiterentwicklung der Sammlung führt die heutige Nationalgalerie in ihrem Bestreben, sowohl historische als auch aktuelle Kunst erfahrbar zu machen, diesen Grundgedanken fort.
Nicht nur zur Gründung der Nationalgalerie trug der Sammler und Mäzen Joachim Heinrich Wilhelm Wagener 1861 mit der Schenkung seiner Gemäldesammlung grundlegend bei. In bemerkenswerter Breite förderte er zeitgenössische nationale und internationale Kunstbestrebungen. Einen vergleichbaren Überblick über aktuelle Strömungen der Malerei gewährte in Berlin um die Mitte des 19. Jahrhunderts lediglich die konkurrierende Sammlung des Grafen Athanasius von Raczyński. Wageners Sammlung war jedoch umfangreicher, vielfältiger und bürgerlicher. Während Raczyński mehr die nazarenische Kunst und ideale Figurenkompositionen bevorzugte, wandte sich Wagener, neben dem Genre und der Historie, maßgeblich der Landschaftsmalerei zu.

Wageners Sinn für die Landschaft stand ganz im Zeichen einer Entwicklung, in der diese Gattung eine Aufwertung gegenüber der Historienmalerei erfuhr und sich auf der Grundlage eines neuen modernen Naturverständnisses als führend etablierte. Mit dem seit Ende des 18. Jahrhunderts gestiegenen Interesse an der Natur war eine bislang unbekannte Intensität landschaftlicher Wahrnehmung verbunden. Die Landschaft wurde zum subjektiven Erlebnis- und Reflexionsraum, mitunter zum Ort der Freiheit.

Der einsame Baum (1822) von Caspar David FriedrichAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Wagener bestellte 1822 bei Caspar David Friedrich zwei herausragende, Tag und Nacht versinnbildlichende Schlüsselbilder: „Der einsame Baum“ und „Mondaufgang am Meer“.

Mondaufgang am Meer (1822) von Caspar David FriedrichAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Tages- und Jahreszeitendarstellungen besaßen im geistigen Kosmos der Romantiker einen besonderen Stellenwert. Mit dem Thema des Zeitenwandels wurden Gedanken und Erfahrungen persönlicher wie gesellschaftlicher Entwicklungen und Veränderungen verknüpft.

Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer (1815) von Karl Friedrich SchinkelAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Schinkels 1815 entstandene, dem romantisch-patriotischen Aufbruch verpflichtete Landschaft mit gotischer Kirche am Meer markiert den Beginn der Sammeltätigkeit des Bürgers und Patrioten Wagener. Wie in diesem Werk ist in Schinkels Gemälden häufig die Architektur in den Mittelpunkt gerückt. „Der Reiz der Landschaft wird erhöht, indem man die Spuren des Menschlichen recht entschieden hervortreten lässt“, erklärte der Künstler selbst. Er vertrat die Idee einer Landschaftsmalerei, in der Natur und kultivierende Tätigkeit des Menschen in Einklang stehen.

Felsentor (1818) von Karl Friedrich SchinkelAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Wachsende Sammlung...

Zwischen 1817 und 1820 kamen mit „Felsentor“, „Blick auf italienische Landschaft“ und „Schloss am Strom“ weitere Landschaften Schinkels in Wageners Galerie. Der Sammler schätzte Schinkels Malerei überaus und bestellte – da vermutlich die Originale nicht zum Verkauf standen – bei Wilhelm Ahlborn und Friedrich Bonte insgesamt sieben Kopien, wodurch er bis 1823 schließlich ein beachtliches Konvolut von elf Werken von und nach Schinkel zusammentrug und damit den Grundstock der heute größten Schinkelgemäldesammlung legte.

Schloß am Strom, Karl Friedrich Schinkel, 1820, Aus der Sammlung von: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
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Blick auf eine italienische Landschaft, Karl Friedrich Schinkel, 1817, Aus der Sammlung von: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
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Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang (1848) von August KopischAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Berliner Künstler...

Neben den Münchnern bildeten vor allem Werke Berliner Landschafter wie Wilhelm Ahlborn, Eduard Biermann, Gustav Boenisch, Karl Hampe, August Kopisch, Wilhelm Krause oder Ferdinand Schirmer einen Schwerpunkt in Wageners Galerie. August Kopischs „Ansicht der Pontinischen Sümpfe“ gehört zu den ungewöhnlich kühnen Kompositionen der Sammlung. In dramatisch gesteigerten Rottönen hat der Künstler eine Aussicht auf die Sumpflandschaft am Tyrrhenischen Meer gegeben, „in welches die Sonnenscheibe so eben versinken will, der purpurrote Scirokkohimmel wird von Überschwemmungswassern gespiegelt“, heißt es in Kopischs eigener, an Wagener gesandter Beschreibung.

Pommersche Küste (1828) von Wilhelm August KrauseAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Weniger dramatisch mutet dagegen Wilhelm Krauses Pommersche Küste an, wenngleich hier Himmel und Meer stürmisches Wetter ankündigen. Krause war der erste Berliner Marinemaler. In Dresden bemühte er sich vergeblich um Unterricht bei Caspar David Friedrich. Unter dem Einfluss seines Vorbildes Friedrich sowie Johan Christian Dahls schuf er zahlreiche Küstenlandschaften.

Ritterburg (1828) von Carl Friedrich LessingAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Düsseldorfer Künstler...

Wageners erste bedeutende Erwerbung eines Düsseldorfer Bildes war 1828 Carl Friedrich Lessings großformatige Landschaft Ritterburg. Inmitten einer von der Abendsonne erleuchteten Berglandschaft ragt ein steiler, von Wassern umgebener Felsen auf, der von einer Burg bekrönt wird. Auf einem Kahn nähert sich ein Ritter, der Burgherr erwartet den Gast auf einem Söller. Als literarische Vorlage diente Lessing der Roman „Abt“ von Sir Walter Scott. Sowohl die Düsseldorfer Künstler als auch Wagener verehrten Scotts Romane.

Schlesische Landschaft (1841) von Carl Friedrich LessingAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Von Lessing erwarb Wagener weitere Landschaften. Neben der „Waldkapelle“ gelangte 1841 die „Schlesische Landschaft“ in seine Sammlung. Die Ansicht einer sumpfigen Wiesenebene mit stehenden Altwassern und Buschwerk beruht vermutlich auf Jugendeindrücken des aus Breslau stammenden Malers. Lessing verzichtete auf erzählerische Motive. Lediglich ein einsamer Wanderer ist unterwegs, fern im Hintergrund sind die Türme einer Stadt erkennbar. „Dies Abendgold, dieses Nachleuchten der Luft über dem westlichen Horizont, ihren zarten Abglanz auf der dunklen Vegetation und den unmerklichen Übergang nach oben hin in die kühlen Töne, in die jene sanfte Glut allmählich ausklingt, habe ich nie in gleicher Vollkommenheit durch einen Maler wiedergegeben gesehen, als in diesem wundervollen Werke Lessings“, äußerte sich enthusiastisch der Berliner Kritiker Ludwig Pietsch über die panoramahafte Stimmungslandschaft.

Schützen im Engpass (1851) von Carl Friedrich LessingAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Lang ersehnt...

Eines der Bilder, welches Wagener deutlich ersehnte und auf das er sehr lange warten musste, war Lessings Gebirgs- und zugleich Historienbild Schützen im Engpass. Bereits 1836 bestellte der Sammler das dem Dreißigjährigen Krieg gewidmete Werk beim Künstler, jedoch erst 15 Jahre später, 1851, sollte es vollendet sein. Wagener bezahlte mit 4.000 Talern die höchste Summe, die er je für ein Gemälde ausgegeben hatte. „Ein Bild von großer Anziehungskraft, dem eine allgemeine Bewunderung gezollt wird“, schrieb Friedrich Eggers im Deutschen Kunstblatt. „Man verdankt die Ausstellung dieses Gemäldes dem Konsul Wagener, [...] dessen freundlich geöffnete Sammlung wohl Niemand unbesucht lässt, der durch Berlin kommt, der mit dem ganzen Strom der Reisenden und mit seinen Mitbürgern den Genuss eines ausgezeichneten Kunstschatzes uneigennützig theilt.“

Lessing stellte einen Gebirgspass dar, der von einer Gruppe Schützen von einem Felsvorsprung aus gegen Soldaten verteidigt wird. „Es ist die konkrete Gestalt des Aufruhrs“, heißt es bei Eggers, „es ist eine Szene, die gewiß niemals gefehlt hat und niemals fehlen wird, wo die Empörung ihr gesetzloses, fluchbeladenes Haupt erhebt.“ Die als Ort der Freiheit, als Topos des nationalen und patriotischen Bewusstseins geltende Bergwelt wird in diesem Werk zum Schauplatz für um Freiheit ringende Rebellen. In dieser ,doppelten‘ Freiheits-Darstellung brachte Lessing einmal mehr seine anti-autoritäre Geisteshaltung zum Ausdruck. Und für Wagener, den „unermüdlichen und liberalen Förderer der Kunst“ sollte Lessings Gebirgslandschaft und Historie vereinendes Werk „die schönste Perle“ seiner Sammlung werden.

Bildnis des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener (1856) von Julius Friedrich Anton SchraderAlte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Mitwirkende: Geschichte

Text: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Konzept / Text: Dr. Birgit Verwiebe
Redaktion / Umsetzung: Malith C. Krishnaratne

© Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

www.smb.museum
Alte Nationalgalerie

Quelle: Alle Medien
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