DIE WETTERSEITEN DER GESCHICHTE

OBJEKTE ALS ZEUGEN HISTORISCHEN KLIMAWANDELS: Der Klimawandel der Gegenwart und auch der Vergangenheit kann als solcher von Menschen nicht wahrgenommen werden. Was aber Menschen immer bemerkten, waren meteorologische Extremereignisse: Dürren, Hitzewellen, Starkniederschläge, Hochwasser, Kälteeinbrüche und Stürme. Diese Extreme haben in aller Regel aber nur indirekte Spuren im materiellen Erbe der Menschheit hinterlassen. Die Ausstellung des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) präsentiert diese Überlieferung in Zusammenarbeit mit der CRIAS-Arbeitsgruppe im Forschungsverbund PAGES für eine breite Öffentlichkeit. Mancher Gegenstand mag ein überraschender Zeuge für die Erinnerung an Wetterkatastrophen sein; es soll aber auch gezeigt werden, wie geschickt historische Gesellschaften darin waren, sich an Klimaveränderungen anzupassen.

Klima und menschliche Geschichte von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Schon immer war die Menschheit mit extremem Wetter und sich verändernden klimatischen Bedingungen konfrontiert. Natürlicher Klimawandel vollzog sich, selbst während beschleunigter Phasen, zu langsam für die menschliche Wahrnehmung. Daher ist es kein Wunder, dass die Vorstellung von sich änderndem Klima eine relativ neue ist, die wesentlich auf kontinuierliche, weltweite Messungen mit Instrumenten zurückgeführt werden kann.

Mappa Mundi: Ambrosius Theodosius Macrobius: Commentarius in Ciceronis Somnium Scipionis (frühes 11. Jh., Champagne) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

MAPPA MUNDI

Im vormodernen Europa bedeuteten Klima – oder, präziser formuliert, climata – fünf unterscheidbare klimatische Zonen, wie sie u.a. von Hippokrates (460-377 v.u.Z.) oder Parmenides (515-450 v.u.Z.) definiert worden waren: Die geographische Breite bestimmte, ob diese Zonen kühl, gemäßigt oder heiß waren, was wiederum, in der zeitgebundenen Vorstellung, Auswirkungen hatte auf kollektive Mentalitäten und ganze Zivilisationen.

Diese Vorstellungen liegen einer Denkschule zugrunde, die als “Klimadeterminismus” bekannt ist, ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert erlebte und die bis heute nachwirkt.

Martin Bauch

Mikronesischer Wettertalisman, genannt Windmacher "Iios" (vor 1900) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

WINDMACHER IlOS

Obwohl das Klima für Menschen lange abstrakt und unsichtbar geblieben ist, war doch seit prähistorischer Zeit seine alltägliche, lokale und kurzfristige Ausprägung – “Wetter” – von größter Bedeutung für den Menschen.

Wetter beinflusst menschliches Wohlbefinden und die Schaffung des Lebensunterhalts, weil Landwirtschaft von der Witterung abhängt und Fortbewegung durch Wetter erleichtert oder behindert werden kann. Diese Kultfigur aus Holz und dem Schwanzstachel eines Stechrochens wurde von Seeleuten der Korallenatolle von Woleai in Mikronesien genutzt. Sie führten diesen magischen Talisman mit sich, um stürmisches Meer zu beruhigen und so ihre sichere Rückkehr zu ermöglichen.

Nach mündlicher Überlieferung bedrohten die mikronesischen Kapitäne mit dem Talisman die Wolken aufziehender Stürme und baten die Schutzgeister Nunve und Peoolop um Hilfe während der Reise. Sich um Schutz vor und Verbesserung von Wetter zu bemühen, ist für alle Gesellschaften nachzuweisen, ein gemeinsames Erbe der Menschheit.

Martin Bauch

Eiskernbohrkopf aus dem Europäischen Projekt für Eiskernbohrungen in der Antarktis (EPICA) (100000 v.u.Z) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information

EISKERNBOHRKOPF

Was wir heutzutage über Klimaänderungen der Vergangenheit wissen, beruht wesentlich auf sogenannten “Proxydaten”, also Informationen aus allen möglichen Archiven der Natur, die indirekte Informationen über klimatische Trends enthalten. Altes Eis enthält beispielsweise Informationen über die Zusammensetzung der Atmosphäre, als der Schnee zur Erde fiel, aus dem dieses Eis entstand. Die Idee, Eis als Klimaarchiv zu nutzen, entstand in den 1950er und 1960er Jahren.

Um die ältesten Eisschichten zu erreichen, die tief in Gletschern und arktischen Eispanzern verborgen liegen, entwickelte man Bohrtechniken, die tausende Meter tief in polare Eisschilde vordringen konnten. So kamen Eisbohrkerne zum Vorschein, die mehr als 100.000 Jahre in die Geschichte des Klimas zurückblicken lassen. Sie sind Zeugen für klimatische Anomalien, große Vulkanausbrüche und die Atombombentests des 20. Jahrhunderts. Der große Zeitraum, den sie abdecken, erlaubt der Wissenschaft aber auch, lange klimatische Zyklen und kurzfristige Klimaveränderungen in der Erdgeschichte zu rekonstruieren. Die Erforschung der Eisbohrkerne öffnete für die Klimaforschung ein Fenster in eine Vergangenheit, die weit jenseits der menschlichen Erinnerung beginnt.

Dania Achermann

Katastrophenerinnerung von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Die längste Zeit ihrer Geschichte haben Menschen das Klima nicht als veränderbar betrachtet. Nicht zuletzt fehlten ihnen dafür die Instrumente. Was aber sehr genau wahrgenommen wurde, waren Naturkatastrophen, von denen einige – wie wir heute wissen – durch natürliche Klimaveränderungen beeinflusst wurden. Andere Katastrophen, wie etwa große Vulkaneruptionen, hatten selbst das Potential, über kurze Zeiträume das Klima deutlich zu verändern. Andere meteorologische Desaster, wie Hochwasser oder Dürren, traten während Phasen rapider Klimaveränderungen viel häufiger oder stärker auf als zuvor. Und selbst während ganz menschengemachter Unglücke wie Krieg, brachten historische Gesellschaften immer noch die Kraft auf, Wetterphänomene zu beobachten und aufzuzeichnen.

Die Eruption und das Wild (30–35,000 v.u.Z) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

DIE ERUPTION UND DAS WILD

1994 wurden in der Höhle von Chauvet-Pont d’Arc (Ardèche, Frankreich), die als einer der frühesten belegten Aufenthaltsorte des Homo sapiens in Europa gilt, auch einige der frühesten Kunstwerke des prähistorischen Menschen entdeckt.

Darunter findet sich die älteste bekannte Darstellung eines Vulkanausbruchs, teilweise überdeckt von späteren Darstellungen riesenhaften Wildes.

Die Eruption und das Wild (30–35,000 v.u.Z) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Neuere Forschungen legen nahe, dass diese Ritzzeichnungen Ausbrüche im Bas-Vivarais Vulkanfeld im französischen Zentralmassiv darstellen, wie sie von altsteinzeitlichen Menschen beobachtet wurden.

Einige Vulkanausbrüche, wie die Kampanische Ignimbrit-Eruption (36.000 v.u.Z.) oder der Laacher See-Ausbruch (11.000 v.u.Z.) sollen bedeutsame demographische wie kulturgeschichtliche Auswirkungen gehabt haben.

Felix Riede

Das Zeugnis einer irischen Eiche als Beleg für die große klimatische Anomalie von 536-550 n. Chr. (385-644) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

DAS GEDÄCHTNIS DER EICHE

Dieser Querschnitt durch eine irische Eiche zeigt die Jahresringe des Baums zwischen 385 und 644. Das sogenannte Frühholz, das in jedem Frühjahr entstand, ist hier als ungefähr parallel verlaufende Reihen weißer Punkte erkennbar. Die Holzprobe macht die Erfahrungen dieses Baumes während der berühmten Klimaanomalie des 6. Jahrhunderts sichtbar, die zwischen 536 und 550 herrschte. Nach 536 sind die Ringe für einige Jahre kaum mehr zu unterscheiden, was sehr schlechte Bedingungen für das Baumwachstum andeutet.

Die klimatische Störung wird heute auf eine Kette großer Vulkaneruptionen in den Jahren 536, 540 und 547 zurückgeführt, die der höheren Atmosphäre so viel Schwefeldioxid zuführten, dass eine dramatische globale Abkühlung über ein Jahrzehnt die Folge war.

Dieses Szenario findet seine Bestätigung in schriftlichen Berichten über eine verdunkelte, farblose Sonne, extreme Witterung, Hungersnöte und Epidemien von Europa bis nach China.

Francis Ludlow

Reliquienkreuz aus St. Albani, Göttingen (Mitte 14. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information

RELIQUIENKREUZ AUS ST. ALBANI, GÖTTINGEN

Das Hochwasser vom Juli 1342, das wahrscheinlich die schlimmste Flut des letzten Jahrtausend in Mitteleuropa war, betraf riesige Gebiete zwischen Rhône und Ungarn, von den Alpen bis zu den deutschen Mittelgebirgen. Sintflutartige Regenfälle waren die Folge eines sogenannten Genua-Tiefs, das über dem Mittelmeer enorme Feuchtigkeit aufgesogen hatte, um dann Richtung Norden nach Mitteleuropa zu ziehen.

In der Folge traten Donau, Rhein, Main und Elbe sowie ihre Nebenflüsse über die Ufer und verwüsteten das Umland. Massive Erosion fruchtbaren Bodens, zerstörte Ernten, Teuerung und vernichtete Infrastruktur waren die Folge. Das Ereignis erstreckte sich über mehrere Wochen um den Magdalenentag (22. Juli) und wird daher als die Magdalenenflut erinnert.

Das einzige der zahllosen Opfer, das wir mit Namen kennen, ist der Goldschmied Hermann aus Göttingen. Sein Sohn, ein wohlhabender Bürger, stiftete in den 1350er Jahren dieses bis heute erhaltene Reliquienkreuz zur Erinnung an seinen ertrunkenen Vater.

Martin Bauch

1540er Steinwein (1540) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

EIN JAHRTAUSENDWEIN UND DIE DÜRRE

In der Weingeschichte werden außerordentliche Jahrgänge dadurch geehrt, indem einige Flaschen davon für künftige Generationen zurückgelegt werden. So geschah es etwa 2003, um an den außerordentlich heißen und trockenen Sommer zu erinnern. In sehr selten Fällen können solche Weine in Flaschen oder Fässern über Jahrhunderte aufbewahrt werden.

Der älteste noch trinkbare Wein der Welt ist der 1540er Steinwein, der seinen Namen auf die Lage “Würzburger Stein” oberhalb der Stadt zurückführt.

Dieser außerordentliche Wein erinnert an den “Jahrtausendjahrgang” 1540, als die ausgeprägteste Dürre und Hitze ganz Mitteleuropa heimsuchte und es wohl noch heißer war als 2003.

1540er Steinwein (1540) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Diese außerordentlichen Bedingungen führten zu einer spektakulär süßen und kirschartig schmeckenden Weinlese in vielen Anbaugebieten. In Würzburg wurde ein Teil dieses Weins in einem prächtigen Faß aufbewahrt und regelmäßig mit neuem Wein angereichert, um Oxidierung zu unterbinden.

Am Ende des 17. Jahrhunderts wurde der verbleibende Wein in Flaschen abgefüllt, um schließlich in den Keller des bayerischen “Märchenkönigs” Ludwigs II. zu gelangen. Als 1961 von den zwei verbleibenden Flaschen eine zur Verkostung geöffnet wurde, beschrieb der Weinspezialist Hugh Johnson den Steinwein als likörartig im Geschmack wie Madeira.

Thomas Labbé

Flutmarken in Würzburg (14.-19. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

DIE HOCHWASSERMARKEN DES MAIN

Die Stadt Würzburg wird vom Main durchflossen. Im Lauf des letzten Jahrtausends litt die Stadt immer wieder unter Hochwassern, von denen einige am Bogendurchgang zum Alten Rathaus unweit der Alten Mainbrücke vermerkt wurden. Der sogenannte Rote Bau wurde 1659 vollendet, so dass einige der Hochwassermarken offenbar historischen Aufzeichnungen entnommen wurden.

Flutmarken in Würzburg (14.-19. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Am höchsten ist die Marke der bereits erwähnten Magdalenenflut angebracht, die im Juli 1342 auftrat und große Teile Mitteleuropas verheerte.

Flutmarken in Würzburg (14.-19. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Die folgende Hochwassermarke verweist auf den Pegelstand des Mains während des Eisstaus vom 29. Februar 1784.

Die dritte Marke erinnert an ein Hochwasser vom 27. Januar 1682. Ganz unten am Torbogen wird auf die Flut vom 30. März 1845 verwiesen. Andere bemerkenswerte Hochwasser wie die vom Februar 1451 und 1546 fehlen hingegen.

Katrin Kleemann

Niederschlagsbericht auf "Ng Wah" Zigarettenschachtel (1941) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

EIN WETTERBERICHT AUF EINER ZIGARETTENSCHACHTEL

Im Dezember 1941 eroberte die japanische Armee die britische Kolonie Hong Kong. Das Hong Kong Observatory besaß strategische Bedeutung und wurde während des Zweiten Weltkriegs militärisch besetzt.

Viele der dortigen Mitarbeiter wurden in Lagern in der Stadt gefangen gehalten. Dabei versuchten die Häftlinge, ihr normales Leben, so gut es ging, beizubehalten.

Niederschlagsbericht auf "Ng Wah" Zigarettenschachtel (1941) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

Für Meteorologen bedeutete dies auch, die täglichen Wetteraufzeichnungen fortzusetzen, mit welchen Mitteln auch immer. Die Rückseiten von Zigarettenschachteln boten die dringend gesuchte Schreibfläche für die Registrierung etwa von Regen.

Diese Pappschachtel zeigt eindrücklich, wie selbst Kriege die kontinuierliche Aufzeichnung des Wetters nicht verhindern konnten.

Fiona Williamson

Prävention und Anpassung von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Katastrophen und extreme Wetterereignisse sind nicht nur einschneidende und später erinnerungswürdige Ereignisse, sie erfordern meist auch eine sofortige Reaktion, um Schaden zu verhindern oder abzumildern. Und aus ihnen lässt sich lernen, wie Gesellschaften und Individuen künftig weniger anfällig für damit verbundene Schäden sein können. Nicht alle Präventionsmaßnahmen und Anpassungen, die unsere Vorfahren unternahmen, genügen modernen Ansprüchen an Rationalität. Aber pragmatische Reaktionen und magische oder religiöse Schutzstrategien schlossen sich auch nicht gegenseitig aus. Manche der hier vorgestellten technologischen Innovationen scheinen auf den ersten Blick kaum eine Verbindung zu Wetter und Extremereignissen aufzuweisen, und doch hat die Forschung einen zumindest partiellen Einfluss meteorologischer Extreme auf ihre Entstehung ausgemacht.

Dänische Pfeilspitzen (ca. 13,000 Jahre alt) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

WISSENSVERLUST IN DER ASCHEWOLKE

Vor rund 13.000 Jahren brach der Laacher See Vulkan in der Eifel in katastrophaler Weise aus. Die Eruption führte nicht nur zur Aufstauung des Rheins und zur Verwüstung der Umgebung, sie bedeckte auch große Teile Europas mit feinen Aschepartikeln. Diese Asche war hart und toxisch und reizte darüber hinaus die Atemwege; vermutlich war sie die Ursache, dass soziale Netzwerke und saisonale Bewegungsmuster der damaligen Jäger und Sammler unterbrochen wurden. Manche Gruppen wichen dem Ascheregen nach Südskandinavien aus, wo sie in der Folgezeit isoliert lebten und die Herstellung von elaborierten Pfeilen verlernten.

Dieser Wissensverlust spiegelt sich in den eher großen Stielspitzen, die als Funde die Zeit nach der Eruption dominierten. Sie werden als kulturelle Marker der sogenannten Bromme-Kultur gesehen. Das hier zu sehende Objekt ist der erste Fund eines solchen Projektils im Jahr 1915. Es kann als Zeichen kulturellen Wandels nach der Katastrophe betrachtet werden.

Felix Riede

Hagelkreuz von Kottenheim (1582) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

ERNTESCHUTZ DURCH DEN LEIB DES HERRN

Spätestens im 14. Jahrhundert waren Prozessionen mit der geweihten Hostie unter freiem Himmel üblich geworden. Nicht nur an Fronleichnam wurden diese neuen Rituale durchgeführt, auch an anderen Feiertagen und zum Schutz vor Epidemien und Unwetter führte man Umgänge durch. Das gewandelte Brot, nach katholischem Verständnis der Leib des Herrn, wurde über die Feldflur getragen und vorübergehend in den Nischen von Wegkreuzen platziert. Parallel zu diesen Prozessionen wurden die Glocken geläutet.

Das Hagelkreuz von Kottenheim in der Eifel weist genau eine solche Nische auf; sein Name weist auf die Funktion als Wetterkreuz hin, das Hagel abwehren sollte. Urkunden aus Kottenheim erwähnen ein “Haell Crutz” oder “Haelcrutz” bereits 1534/35. Diese Kreuze können an auf anderen Feldern gestanden haben als das hier gezeigte, das 1582 entstand, weil Umgänge in der Regel vier verschiedene Punkte einer das Dorf umgebenden Feldflur aufsuchten.

Stefan Wenzel

Schillerglocke (1486) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

DAS WETTERLÄUTEN DER SCHILLERGLOCKE

Vor der Erfindung des Blitzableiters in der Mitte des 18. Jahrhunderts war das Läuten bestimmter Kirchenglocken eine allgemein anerkannte Gegenmaßnahme im Angesicht drohender Gewitter und Stürme. Neben anderen Ursprüngen war darin sogar eine vorchristliche Überzeugung enthalten: das Läuten der Glocken sollte den germanischen Donnergott Thor fernhalten.

Dieses ‘Wetterläuten’ wurde vor allem in katholischen Regionen Deutschlands praktiziert und mindestens bis ins 18. Jahrhundert beibehalten, als neue Gesetze die Praxis einschränkten, weil häufig die Türmer beim Läuten der Glocken vom Blitz erschlagen wurden.

Beispielhaft sei hier die Schillerglocke von Schaffhausen gezeigt, deren typische Inschrift Friedrich Schiller in seinem berühmten Gedicht zitiert: Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango. (“Ich rufe die Lebenden. Ich beweine die Toten. Ich breche die Blitze.”)

Katrin Kleemann

Olifant (c. 11. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

MIT DEM HORN KARLS DES GROßEN GEGEN DEN STURM

Nach einer im Mittelalter verbreiteten Ansicht konnte Lärm gegen die Elemente schützen. Der österreichische Mönch Mattthias Farinator erklärte, dass jeder Laut von der Erdoberfläche physikalisch Luftströmungen beeinflussen konnte. Daher empfahl er, möglichst viel Lärm zu machen, wenn ein Sturm aufzuziehen drohte. Folglich betonten etliche mittelalterliche Texte die Schutzwirkung, die das Blasen von Jagdhörnern gegen Gewitter haben sollte. Eines der berühmtesten Hörner war der sogenannte Olifant Karls des Großen, ein Teil des Aachener Domschatzes.

Aachhorn (c. 1500) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

Alle sieben Jahre trafen tausende Pilger in der Stadt ein, zogen hinter den Reliquien her und bliesen in kleine Hornrepliken aus Ton. Diese sogenannten “Aachhörner” brachten sie mit nach Hause und schrieben ihnen eine prophylaktische Wirkung gegen Stürme und Gewitter zu. Das gezeigte Tonhorn stammt pikanterweise aus dem Elternhaus Martin Luthers in Mansfeld.

Thomas Labbé

Hendrick Avercamp: Winderlandschaft (1608) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

DIE KLEINE EISZEIT IM BILD?

Der niederländische Maler Hendrick Avercamp ist berühmt für seine Winterszenen. Gerade zwischen 1608 und 1625 malte er eine Reihe von Winterlandschaften, die Schlittschuhläufer und buntes Treiben auf dem Eis zeigten. Das Wetter ist in allen seinen Gemälden ähnlich: Sehr kalt, von Hochdruckgebieten geprägt und mit Hochnebel. Ein Vergleich mit dem ungefähr zeitgleichen Wettertagebuch des Friesen David Fabricius zeigt, dass Avercamp bewusst diese Wetterlage wählte.

Nur 16% der Wintertage im Dezember bis Februar waren frostig und niederschlagsfrei. Das Bild des Winters, das Avercamp verbreitete, blendete also Niederschläge und milde Tage bewusst aus.

Trotzdem oder gerade deswegen sind seine Gemälde als Bildzeugen der “Kleinen Eiszeit” verstanden worden. Der Winter 1608 war in der Tat hart, und wie bereits Bruegel d. Ä. im Jahr 1565 malte Avercamp diese Winterszenen genau im Anschluss an eine solch harsche kalte Jahreszeit.

Später malten niederländische Künstler wie Jan van Goyen, Aert van der Neer und Jacob van Ruisdael auch schöne Winterlandschaften, die ganz verschiedenes Wetter zeigten.

Alexis Metzger

Hemmer'scher Fünfspitz (ca. 1781) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

"POTZBLITZ!" DER HEMMER’SCHE FÜNFSPITZ

Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es keinen verlässlichen Schutz gegen Blitzschläge. Doch 1752 erfand Benjamin Franklin, der amerikanische Naturwissenschaftler, Diplomat und spätere Staatsmann, den ersten Blitzableiter. Ein solcher “Franklin rod” wurde 1770 erstmals auf der Hamburger Kirche St. Jacobi installiert.
Doch auch in Deutschland arbeitete in den 1770er und 1780er Jahren der Physiker und Meteorologe Johann Jakob Hemmer an einem Blitzableiter mit fünf Spitzen.

Von diesem sogenannten Hemmer'schen Fünfspitz sollten, einmal auf dem Dach von Gebäuden angebracht, im Fall des Blitzschlags getroffene Spitzen abfallen und so die Nützlichkeit der Installation demonstrieren. Gegen anfängliche Skepsis und Widerstände konnten sich die neuen Blitzableiter auf Kirchendächern aber schnell durchsetzen, zeigte sich doch bald, wie sie Menschenleben und Eigentum vor Vernichtung durch Blitzschlag und Brände schützen konnten.

Katrin Kleemann

Guckkastenbild: Die Mainflut von 1784 in Würzburg (ca. 1785) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

DIE KATASTROPHE IM GUCKKASTEN

In vielen Teilen Europas war der Winter 1783/84 ausgesprochen kalt und schneereich, vermutlich verursacht durch die Eruption des isländischen Vulkans Laki zwischen Juni 1783 und Februar 1784. Etliche deutsche Flüsse froren in diesem Winter zu, bis um den 23. Februar ein Vorstoß warmer Luft zu einer großen Eis- und Schneeschmelze führte.

In Würzburg brach das Eis des gefrorenen Main am 27. Februar und starker Regen und Eisstau führte zwischen dem 28. Februar und dem 1. März zu Hochwasser.

Dieser zeitgenössische Kupferstich, ein Guckkastenbild, zeigt, wie Einwohner versuchen, die alte Mainbrücke vor Treibgut zu schützen: Mit Haken versehene Stöcke dienten dazu, Trümmerteile aus dem Main zu fischen.

Im Hintergrund feuern die Kanonen der Festung Marienberg, um das Eis des Flusses zu zerkleinern, bevor es die Brücke und andere Infrastrukturen am Fluss beschädigen kann.

Katrin Kleemann

Weihnachtsschmuck (ca. 21. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

GLASKUGELN STATT ÄPFEL

Die Dürre von 1857–1858 muss in Ostfrankreich als die schlimmste Trockenheit des 19. Jahrhunderts gelten. Im Elsaß waren die Niederschläge an fünf Messstationen 30–40% unter den Durchschnittswerten. Am 28. Februar schrieb das ‘Journal de Belfort’: “Seit 160 Jahren haben wir den Rhein nicht mit so niedrigem Wasser gesehen.”

Weihnachtsschmuck (ca. 19. Jh) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

War die Getreideernte 1857 noch günstig ausgefallen, hatten die Wetterbedingungen 1858 doch “einen schädlichen Einfluss auf Menge und Qualität der [Agrar-]Produkte”, wie im Kanton Ribeauvillé verzeichnet wurde.

Die Ernten fielen sehr schlecht aus; der Wassermangel führte zu Spannungen und Konflikten zwischen Verbrauchern, Bauern und Industriellen. Eine eher überraschende Konsequenz war der Gebrauch von gläsernem Christbaumschmuck in Frankreich.

Weihnachtsschmuck (ca. 19. Jh) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

In Deutschland war dieser schon üblich, aber in Frankreich war Obst wie Äpfel typische Dekoration des Weihnachtsbaumes. Durch die Dürre im Elsaß waren Äpfel aber rar. In Meisenthal (Mosel) erkannte ein Glasbläser die Chance und produzierte die neuen Produkte, die so ihren Durchbruch auch bei den französischen Christbäumen erlebten.

Alexis Metzger

Coolies mit Regenmänteln in Hong Kong (1909) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

PALMBLÄTTER IM REGEN

Die kulturelle Konstruktion der Tropen als schwül, exotisch und träge ist, nach David Arnold, “in gleichem Maß erfunden wie aus Begegnung entstanden.” Dies demonstriert auch eine Fotografie, bei dem die niedergeschlagenen Gestalten der Rikscha-Kulis sich absetzen von der Baustelle im Hintergrund und den großen Pfützen im Vordergrund.

Coolie mit Regenmantel, aus einem Fotoalbum mit Bildern aus Japan (19. - 20. Jh.) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Menschen eilen über die Straße und drängen sich in Hauseingänge, während die Rikschaläufer warten und auf Kundschaft wegen des Regens hoffen. Die Regenüberwürfe der Kulis sind erfindungsreich, machen sie sich doch lokale, dieser Klimazone entstammende Materialien zu Nutze – Palmblätter –, die doch unangebracht wirken in dem ansonsten modern-urbanen Setting.

Fiona Williamson

Wetter und Hungersnot von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Auch noch heute können die Folgen des Klimawandels für die Lebensmittelproduktion menschliche Gesellschaften in Bedrängnis bringen. Doch wenn in der Vormoderne Ernten durch Wetterungunst zerstört wurden, konnte dieser Umweltstress die Betroffenen an den Rand des Ruins bringen: Hungersnot, Epidemien und soziale Unruhen waren mögliche Folgen. Daher kann es nicht überraschen, dass wetterbedingte Missernten und daraus resultierende Hungersnöte häufig – und v.a. in einem religiösen Kontext – über Jahrhunderte im Gedächtnis blieben. Doch manchmal war der klimainduzierte Nahrungsmangel nicht nur lebensbedrohlich, sondern er inspirierte die unter ihm leidenden Gesellschaften zu einer Vielzahl von hilfreichen, manchmal auch kuriosen technologischen Lösungen.

Schmidtstedter Gedenkstein (1316) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

ERINNERUNG AN DEN GROßEN HUNGER

Ungefähr zwischen 1315 und 1321 starben in großen Teilen Europas viele Menschen an einer Hungersnot und an Seuchen, die durch Unterernährung begünstigt wurden. Die sogenannte “Große Hungersnot” gilt als schwerste, durch langanhaltendes kalt-feuchtes Wetter induzierte Hungerperiode der europäischen Geschichte im letzten Jahrtausend.

In Erinnerung an die 7.985 Todesopfer in Erfurt (Thüringen) wurde dieser Gedenkstein in der Nähe des Massengrabes auf dem Dorffriedhof von Schmidtstedt angebracht. Jahrhundertelang, von 1341 bis 1923, war diese wüst gefallene Siedlung am heutigen Stadtrand von Erfurt Ziel einer Gedenkprozession für die Toten der Hungersnöte. Der Schmidtstedter Gedenkstein zeigt, wie die Opfer einer klimatisch induzierten Hungerkatastrophe fast 600 Jahre im Gedächtnis der Nachwelt präsent bleiben konnten.

Annabell Engel

[Transkription der Inschrift]
Anno d(omi)ni M ccc xvi iar sint / hir begraben hundert scho / ckg XXXIII schogk unde V me / nschen dy do vorstorben sint / den thuren iarn den got gnade. [1 Schock = 5 Dutzend = 60]

Miguel de Santiago: Prozession während der Dürre (1699-1706) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

DIE MADONNA VON GUÁPULO

Das Bild Unserer Lieben Frau von Guápulo wird in der gleichnamigen Kirche aus dem 16. Jahrhundert in Guápulo (Quito, Ecuador) verehrt. Die Madonnenfigur wurde in Bittprozessionen mitgeführt, die für besseres Wetter sorgen sollten. Solche Umgänge waren in der katholischen Kirche üblich, um die göttliche Gnade in Notlagen zu erflehen. Wetterbezogen waren zwei Typen von Bittgängen: pro pluvia-Prozessionen, mit der Bitte um Regen in der Dürre; und pro serenitate-Prozessionen, um dem Dauerregen ein Ende zu machen. Das Heiligtum der Madonna von Guápulo liegt 6,5 km außerhalb Quitos.

[Übersetzung der Beschriftung auf dem Gemälde]
Im Jahr 1621 litt die Stadt Quito unter einer schweren Dürre. Der Erdboden war von Rissen durchzogen und alles Vieh starb. Auch das Volk starb beinahe, doch sie kamen überein, einen Umgang mit unserer Lieben Frau nach Santa Bárbara zu unternehmen, und als sie an der Kathedrale ankamen, erlöste sie der Regen aus ihrem Ungemach.

Unsere Liebe Frau von Guapulo (zw. 1870-1874) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Während der Umgänge wurde das Bild der Gottesmutter von ihrer Kirche bis zur Kathedrale im Stadtzentrum von Quito getragen.

Jede dieser Umgänge wurde aufgezeichnet, was der heutigen Forschung eine Rekonstruktion der Perioden mit starken Dürren und zu viel Regen in Quito seit 1600 ermöglicht. Nach der schwersten Dürre- und Hungerperiode der letzten 400 Jahre, von 1692-1701, entstand das hier gezeigte Ölgemälde der Prozession.

Fernando Domínguez-Castro

Karl Drais' Laufrad (1817) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about the collection

DIE LAUFMASCHINE UND DER VULKAN

Im Jahr 1817 stellte der deutsche Erfinder Karl von Drais diesen Vorläufer des Fahrrads vor. Er bewarb seine “Laufmaschine” als Alternative zu Pferden, was darauf hindeutet, dass eine Knappheit von Pferdefutter seit 1816 die Attraktivität der Drais’schen Maschine erhöht hatte. Eine vierrädrige Version des auch ‘Draisine’ genannten Gefährts hatte der Erfinder seit 1813 angepriesen.

Teuerung und Mangel an Lebensmitteln nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815 und das berüchtige “Jahr ohne Sommer” 1816 könnten also diese Erfindung beeinflusst haben, oder sie beschleunigten einen bereits laufenden Entwicklungsprozess.

Mit Sicherheit wissen wir, dass die Erfindung des Freiherrn von Drais’ als Kuriosität galt und nicht als Fahrzeug der Zukunft – schon die englische Bezeichnung “dandy horse” deutet darauf hin. Der glücklose Erfinder starb 1851 als verspotteter Alkoholiker, der noch immer eine seiner “Laufmaschinen” besaß, die nur sehr kurz populär geworden waren.

Martin Bauch

Alte Getreidemaße, Gruyères (1919) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

GEPRÜFTES MAß

Getreide war und ist noch immer ein Grundnahrungsmittel in vielen Teilen Europas. Der Anbau von Korn ist arbeitsintensiv, und die Pflanzen selbst sind monatelang der Witterung ausgesetzt. Daher sind meteorologische Ungunstbedingungen besonders gefährlich und können zu Ernteausfällen führen, die eine Subsistenzkrise bedeuten können. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Obrigkeit seit dem späten Mittelalter so gut wie alle Aspekte der Getreideproduktion, des Handels und der Verarbeitung, aber auch des Kornkonsums zu kontrollieren trachtete.

Die steinernen Kornmaße auf dem Marktplatz von Gruyère (FR, Schweiz) stehen symbolisch für diese Regulierungsbemühungen. Bis ins 19. Jahrhundert wurden spezielle Getreidemaße benutzt – das größte Hohlmaß im Bild war die Coupe (51,8 Liter), danach kamen die halben Coupes oder Mäss (26/26,35 Liter) und schließlich Viertel einer Coupe.

Chantal Camenisch

Alexandre Hogue: Jacks (ca. 1934, 1935) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

"JACKS" – HASENTREIBJAGDEN IN DEN 1930ern

Eine verheerende agrarische Übernutzung, Bodenerosion, Staubstürme und anhaltende Dürre führten u.a. in Texas, Oklahoma und Kansas zur sogenannten Dust Bowl. Gleichzeitig kam es durch die Dezimierung von Kojoten und anderen Raubtieren zu einer massiven Vermehrung von Jackrabbits in den Jahren 1934-1935.

Die letzten Getreidefelder wurden von den Tieren belagert, so dass die Bauern ihre ohnehin mageren Ernten gegen sie verteidigen mussten. Studien aus dem Jahr 1935 untersuchten das explosionsartige Populationwachstum und schlussfolgerten, dass die Ursache, neben der Tötung von Fressfeinden, auch an einer erhöhten Fruchtbarkeit der Jacks trotz der Dürre lag.

Diese Krise zwang die Regierung zum Handeln. Sie ordnete Treibjagden an, bei denen die Tiere in die Enge getrieben und innerhalb eigens dafür errichteter Zäune getötet wurden. Einigen Berichten zufolge wurden dabei Tausende von Tieren zu Tode geprügelt. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Aktionen grausam, für die verarmten Familien der Dust Bowl waren sie eine Frage des Überlebens.

"Hogues Arbeiten suggerieren oft eine 'Ursache-Wirkung'-Beziehung, die die Zusammenhänge in der Natur beleuchtet, von denen auch der Mensch ein Teil ist", so die Kunsthistorikerin Lea Rosson DeLong. Der amerikanische Künstler Alexandre Hogue konfrontiert in seinem Bild den Betrachter schonungslos mit diesem Eingriff des Menschen in die Natur.

Diana Lucia Feitsch

Epliog von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Im Jahr 1901 war der Ok-Gletscher (Okjökull), auf dem gleichnamigen Vulkan auf Island gelegen, noch 39 km² groß. Im Jahr 2014 war er der erste aller isländischen Gletscher, der restlos verschwunden war. Am 18. August 2019 wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung an der Stelle des früheren Okjökull eine Erinnerungsplakette angebracht: ein menschengemachtes Denkmal für ein unbelebtes ‘Opfer’ des menschengemachten Klimawandels.

Gedenktafel für den Okjökull-Gletscher (2019) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Es ist wohl zum ersten Mal, dass eine Katastrophe in Zeitlupe wie die gegenwärtige Klimaerwärmung schon während ihres Ablaufs ein Gegenstand der Erinnerung wird. Eben weil ein sich änderndes Klima über die längsten Teile der menschlichen Geschichte abstrakt und unsichtbar blieb, ist der Vorgang ungewöhnlich: Erstmals verschiebt die Menschheit die Perspektive von sich selbst weg – obwohl Gesellschaften natürlich bereits jetzt unter dem Anpassungsdruck und den Extremereignissen der Klimakatastrophe leiden – und nimmt den Blickwinkel eines Gletschers, also den eines Naturphänomens ein.

Gedenktafel für den Okjökull-Gletscher (2019) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Da die Menschheit anerkannt hat, dass sie selbst als geologische Kraft wirkt und dabei ist, das Antlitz der Erde grundlegend und nachhaltig zu verändern, wäre sie auch gut beraten, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, in dem der anthropozentrische Standpunkt nicht mehr alleinige Gültigkeit beansprucht.

Martin Bauch

Mappa Mundi: Ambrosius Theodosius Macrobius: Commentarius in Ciceronis Somnium Scipionis (frühes 11. Jh., Champagne) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Originalquelle: More information about this object

Autoren

Dania Achermann
Universität Bern, Historisches Institut

Martin Bauch
Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Chantal Camenisch
Oeschger Centre of Climate Change Research

Fernando Domínguez-Castro
ARAID researcher, Department of Geography, University of Zaragoza (Spain)

Annabell Engel
Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Diana Lucia Feitsch
Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Katrin Kleemann
Rachel Carson Center for Environment and Society, LMU München

Thomas Labbé
Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig
Maison des Sciences de l'Homme de Dijon, University of Burgundy (USR CNRS - uB 3516)

Francis Ludlow
Trinity Centre for Environmental Humanities, School of Histories & Humanities, Trinity College Dublin

Alexis Metzger
University of Lausanne - Institute of Geography and Sustainability (IGD)

Felix Riede
Laboratory for Past Disaster Science Department of Archaeology and Heritage Studies Aarhus University

Stefan Wenzel
Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Fiona Williamson
Singapore Management University

Supported by (2020) von Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)Leibniz-Gemeinschaft

Kuratoren

MARTIN BAUCH
Konzept, Recherche, Lektorat

DIANA LUCIA FEITSCH
Organisation, Koordination, Layout, Bildrecherche und -redaktion, Klärung der Bildrechte

Mit besonderem Dank an

Russell Tether von Russell Tether Fine Arts Associates für seine außerordentliche Unterstützung bezüglich des Oeuvres von Alexandre Hogue und Sue Canterbury, The Pauline Gill Sullivan Curator of American Art vom Dallas Museum of Art.

Die Ausstellung wurde unterstützt von

CRIAS - Climate Reconstruction and Impacts from the Archives of Societies einer Arbeitsgruppe von PAGES

Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)

Mitwirkende: Geschichte

DIE ERUPTION UND DAS WILD
Riede, F. (ed., 2015): Past Vulnerability. Volcanic eruptions and human vulnerability in traditional societies past and present, Aarhus: Aarhus University Press.
Nomade, S., Genty, D., Sasco, R., Scao, V., Féruglio, V., Baffier, D., Guillou, H., Bourdier, C., Valladas, H., Reigner, E., Debard, E., Pastre, J.-F., Geneste, J.-M. (2016): A 36,000-Year-Old Volcanic Eruption Depicted in the Chauvet-Pont d’Arc Cave (Ardèche, France)?, in: PLoS ONE 11, e0146621. [Online]. __________________________________________
RELIQUIENKREUZ AUS DER ST. ALBAN-KIRCHE, GÖTTINGEN
Arnold, W. (1980), DI 19, Stadt Göttingen, Nr. 5, in: www.inschriften.net, [Online].
Bauch, M. (2014): Die Magdalenenflut 1342 – ein unterschätztes Jahrtausendereignis?, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 04. Februar 2014. [Online].
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EIN JAHRTAUSENDWEIN UND DIE DÜRRE
Wetter, O.; Pfister, C. et al. (2014), The year-long unprecedented European heat and drought of 1540 – a worst case, in: Climatic Change 125, pp. 349-363. [Online].
Johnson, H. (1989): Vintage: The Story of Wine, New York: Simon and Schuster.
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DIE HOCHWASSERMARKEN DES MAIN
Wagner, U. (2001): Geschichte der Stadt Würzburg. 3 volumes. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. [Online].
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WISSENSVERLUST IN DER ASCHEWOLKE
Rivers, W. H. R. (1912): The Disappearance of Useful Arts, in: Castrén, O. et al. (eds.), Festskrift Tillegnad Edvard Westermarck i Anledning Av Hans Femtioårsdag Den 20 November 1912, Helsingfors: J. Simelii arvingars boktryckeri, pp. 109–130.
Riede, F. (2017): Splendid isolation. The eruption of the Laacher See volcano and southern Scandinavian Late Glacial hunter-gatherers, Aarhus: Aarhus University Press.
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MIT DEM HORN KARLS DES GROßEN GEGEN DEN STURM
Ásdís R. Magnúsdóttir, Á. R. (1998): La voix du cor. La relique de Roncevaux et l'origine d'un motif dans la littérature du Moyen Age (XIIe-XIVe siècles), Amsterdam: Rodopi.
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ERNTESCHUTZ DURCH DEN LEIB DES HERRN
Lung, W. (1962): Kottenheim. Ein Dorf und seine Landschaft. Mayen: Schreder.
Müller-Veltin, K. (2001): Mittelrheinische Steinkreuze aus Basaltlava, 2nd ed., Köln: Rhein. Ver. f. Denkmalpflege u. Landschaftsschutz.
Bell, F. G. (1992): Das Kottenheimer Hagelkreuz, in: Heimatbuch Mayen-Koblenz 1993, pp. 75-77.
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DAS WETTERLÄUTEN DER SCHILLERGLOCKE
Missfelder, J.-F. (2009): Donner und Donnerwort. Zur akustischen Wahrnehmung der Natur im 18. Jahrhundert, in: Ruppel, S.; Steinbrecher, A. (eds.): Die Natur ist überall bey uns. Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit, Zürich: Chronos Verlag, pp. 81-94.
Hochadel, O. (1999): 'Hier haben die Wetterableiter unter den Augsburger Gelehrten eine kleine Revolution gemacht.' Die Debatte um die Einführung der Blitzableiter in Augsburg (1783-1791), in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 92, pp. 139-164.
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DIE KLEINE EISZEIT IM BILD?
Metzger, A.; Tabeaud, M. (2017): Reconstruction of the winter weather in East Friesland at the turn of the 16th and 17th centuries (1594-1612), in: Climatic Change 141/2, pp. 331-345 [Online].
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"POTZBLITZ!" DER HEMMER’SCHE FÜNFSPITZ
"'Potzblitz!' Der historische Blitzableiter des Augsburger Schaezlerpalais." Kunstsammlungen und Museen Augsburg et al. (eds). Augsburg, 2008. [Online].
Hochadel, O. (2009): 'In nebula nebulorum': The Dry Fog of the Summer of 1783 and the Introduction of Lightning Rods in the German Empire, in: Transactions of the American Philosophical Society 99/5, pp. 45-70.
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DIE KATASTROPHE IM GUCKKASTEN
Glaser, R.; Hagedorn, H. (1990): Die Überschwemmungskatastrophe von 1784 im Maintal. Eine Chronologie ihrer witterungsklimatischen Voraussetzungen und Auswirkungen., in: Die Erde 121, pp. 1-14.
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GLASKUGELN STATT ÄPFEL
Metzger, A.; Jacob-Rousseau, N. (2020), The 1857–1858 drought in Alsace: from water shortage to a socio-political extreme event, in: Regional Environmental Change 20/2 [Online].
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ERINNERUNG AN DEN GROßEN HUNGER
Erthel, T. (2009): Der Schmidtstedter Gedenkstein von 1316. Ein seltenes Kleindenkmal der spätmittelalterlichen Klima- und Kulturgeschichte Erfurts, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde Erfurts 70 (2009), pp. 8-16;
Slavin, P. (2018): The 1310s Event, in: White, S.; Pfister, C.; Mauelshagen, F. (eds.): The Palgrave Handbook of Climate History, London: Palgrave Macmillan, pp. 495‒516.
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DIE MADONNA VON GUÁPULO
Domínguez-Castro, F.; García-Herrera, R.; Vicente-Serrano, S. (2018): Wet and dry extremes in Quito (Ecuador) since the 17th century, in: International Journal of Climatology 38, pp. 2006-2014 [Online].
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DIE LAUFMASCHINE UND DER VULKAN
Behringer, W. (2015): Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte, München: Beck.
Lessing, H.-E. (2017): Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte, Karlsruhe: Braun.
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GEPRÜFTES MAß
Dubler, A. M. (2011): Masse und Gewichte, Historisches Lexikon der Schweiz, [Online].
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"JACKS" – KANINCHENTREIBJAGDEN IN DEN 1930ERN
Canterbury, S. (2018): Alexandre Hogue, Jacks, circa 1934-1935, p 1-8, [Online].
Rosson DeLong, L. (1984): Nature's Forms/Nature's Forces: The Art of Alexandre Hogue, p. 7.
Simes, M. T./Longshore, K. M./Nussear, K. E. (et. al.) (2015): Black-Tailed and White-Tailed Jackrabbits in the American West: History, Ecology, Ecological Significance, and Survey Methods, in: Western North American Naturalist Vol. 75, No. 4, pp. 491-519.
White, M. A. (2006): Alexandre Hogue’s passion: Ecology and agribusiness in “The crucified land”, in: Great Plains Quarterly, Vol. 26, No. 2, pp. 67-83.
Wooster, L. D. (1935): Notes on the Effects of Drought on Animal Population in Western Kansas, in: Transactions of the Kansas Academy of Science Vol. 38, pp. 351-353.

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