Berlin: Bodemuseum (ehemaliges Kaiser-Friedrich-Museum) (1897/1904) von Ernst von IhneZentralinstitut für Kunstgeschichte
Vor dem Zweiten Weltkrieg beherbergt das Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) eine der wichtigsten Altmeistersammlungen Europas: die reichen Bestände der Berliner Gemäldegalerie. In Folge des Zweiten Weltkriegs hat die Gemäldegalerie heute einen Verlust von etwa 558 Werken ihrer Sammlung zu verzeichnen. Der überwiegende Teil dieses Bestandes wurde durch zwei Brände im Flakbunker Friedrichshain vernichtet, wohin viele Bilder im Krieg evakuiert waren.
Verpacken von Gemälden im Keller des Pergamonmuseums (1933/1933) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Die Museen schließen und die Direktoren der Berliner Sammlungen werden beauftragt, die wichtigsten Werke ihrer Bestände zu benennen und Maßnahmen zur Sicherung und Auslagerung einzuleiten.
Für die Bergung werden u.a. Schlösser und Gutshäuser im Umkreis von Berlin in Betracht gezogen, aber auch die Keller einiger Museen. Aufgrund seiner robusten Bauweise gilt der Keller des damals neu erbauten Pergamonmuseums als besonders sicher.
Nachdem die Bestände der Antikensammlung aus Platzgründen in den Tresor der Reichsmünze verbracht wurden, werden die Kellerräume anderen Museen zur Verfügung gestellt, darunter auch der Gemäldegalerie.
Blick auf den Leittrum des Flakbunkers im Volkspark Friedrichshain von unknownOriginalquelle: © Archiv Berliner Unterwelten e.V. 0102000042
Ab 1941 nehmen die Luftangriffe auf Berlin drastisch zu, die Auslagerung der Werke von der Museumsinsel wird jetzt dringend notwendig. Im Mai desselben Jahres sind mehrere Flakbunker im Bau begriffen, darunter auch der in Friedrichshain. Dieser wird nun erstmals als möglicher Bergungsort für die Museen erörtert, wobei einige Museumsdirektoren befürchten, im Bunker nicht ausreichend Unabhängigkeit von der Armee zu behalten.
Blick auf den Leittrum des Flakbunkers im Volkspark Friedrichshain von unbekanntOriginalquelle: © Archiv Berliner Unterwelten e.V. 0102000041
Im Folgemonat entscheidet man sich trotz der Bedenken dafür, Kulturgut der Museen dorthin auszulagern, darunter auch Werke der Gemäldegalerie. Gegen Ende 1941 beginnen schließlich die Transporte der Kunstwerke von der Museumsinsel in den Bunker. Die Flakbunkeranlage in Friedrichshain besteht aus einem Leit- und einem Gefechtsturm. Die massiven Gebäude aus Stahlbeton, deren Wände bis zu 3,50 Meter dick sind, besitzen jeweils ein Notstromaggregat und autonome Wasserversorgung durch Tiefbrunnen.
Grundriss (1. Stock), Leitturm des Flakbunkers Friedrichshain (o.D. (nach 1940)) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Insgesamt neun Sammlungen der Berliner Museen können Werke ihrer Bestände im Flakbunker Friedrichshain unterbringen. Die Ausstattung des Bunkers wird auf deren Bedürfnisse abgestimmt. So erhält beispielsweise die Gemäldegalerie eine eigene, kleine Restaurierungswerkstatt. Die einzelnen Depots sind mittels einer Telefonleitung an die Museen angeschlossen, die Zugänge durch Militär gesichert. Von der Gemäldegalerie wird hier der wertvollste Sammlungsbestand eingelagert, darunter zahlreiche Großformate.
Gemäldegalerie Depot - Vergoldeter Rahmen von Karl Friedrich Schinkel (2017) von Ausstellung - Gemäldegalerie Depot - "Hinter den Kulissen"Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Mit Ausnahme der Kleinformate evakuiert man die Gemälde ohne Rahmen. So sind sie leichter und platzsparender zu transportieren. Die Bilderrahmen verbleiben im Kaiser-Friedrich-Museum, wo sie weitgehend unbeschadet den Krieg überstehen. Noch heute verfügt die Gemäldegalerie über diesen ungewöhnlichen Bestand an Leerrahmen, die einst die Meisterwerke der Sammlung zierten.
US-Generäle Eisenhower, Bradley und Palton besichtigen die Auslagerungsstätte Saline Merkers am 12.04.1945 (4/12/1945) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Mit der drastischen Verschlechterung der Situation im Februar 1945 ist man gezwungen, den weiteren Verbleib der Kunstwerke zu überdenken. Die Evakuierung in Bergwerke außerhalb Berlins wird ausführlich diskutiert, wegen der schwierigen klimatischen Bedingungen und den Gefahren eines Transportes von den Museumsleitungen zunächst jedoch abgelehnt.
Am 8. März .1945 gibt Hitler den Befehl zur umgehenden Sicherung der Kunstschätze außerhalb Berlins. Zwischen dem 11. März und 7. April 1945 gelingt es, ca. 1180 Gemälde nach Merkers in Thüringen in die Salzbergwerke Kaiseroda und Ransbach auszulagern. Zurück bleiben im Flakbunker vor allem die großformatigen Bilder, welche nicht in die Förderkörbe der Stollen passten. Im April 1945 entdecken amerikanische Truppen die kostbaren Bildbestände in den Bergwerkstollen von Merkers und beschlagnahmen diese.
Zerstörter Flakbunker Friedrichshein 1946 von UnbekanntBode-Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Am 2. Mai 1945 wird der Flakbunker Friedrichshain an die Rote Armee übergeben. Kurze Zeit später brechen im Abstand weniger Tage zwei fatale Brände aus, deren Ursache bis heute ungeklärt ist. Alle im Flakbunker verbliebenen Museumsbestände werden dabei zerstört. Das Ausmaß der Brände ist verheerend. Etwa 430 Gemälde fallen den Flammen zum Opfer. Viele der im Flakbunker vernichteten Bilder stammen von den herausragendsten Malern der europäischen Kunstgeschichte, darunter Rubens, Caravaggio, Botticelli, Goya und van Dyck.
Rubens-Saal der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss, Raum 63) mit Markierung der zerstörten Werke (1905/1936) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Vor den Bränden umfasst die Sammlung zahlreiche Großformate des flämischen Malers Peter Paul Rubens. Von den ehemals im sogenannten Rubenssaal ausgestellten Werken haben nur sehr wenige den Krieg überstanden, an dieser Wand nur zwei Porträts von Anton van Dyck.
Neptun und Amphitrite (um 1614) von Peter Paul RubensGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Peter Paul Rubens, Neptun und Amphitrite, um 1614, 230 x 305 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Rubens-Saal der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss, Raum 63) mit Markierung der zerstörten Werke (1905/1936) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Diana auf der Hirschjagd (1630/1635) von Peter Paul RubensGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Peter Paul Rubens, Diana auf der Hirschjagd, 1630/1635, 176 x 479 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Rubens-Saal der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss, Raum 63) mit Markierung der zerstörten Werke (1905/1936) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Beweinung Christi (1620/1641) von Anton van DyckGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Anton van Dyck, Beweinung Christi, 1620/1641,
220 x 166 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Saal der spanischen Gemälde der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss Raum 49) mit Markierung der zerstörten Werke (1913 / 1933) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Saal der spanischen Gemälde im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss, Raum 49) mit Markierung der zerstörten Werke.
Die Heilige Agnes (1635/1638) von Alonso CanoGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Alonso Cano, Die Heilige Agnes, um 1635/1638, 111 x 86 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Saal der spanischen Gemälde der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss Raum 49) mit Markierung der zerstörten Werke (1913 / 1933) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Der Heilige Sebastian (1636/1639) von Jusepe de RiberaGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Jusepe de Ribera, Der Heilige Sebastian, um 1636/1639, 200 x 149 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Saal der spanischen Gemälde der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss Raum 49) mit Markierung der zerstörten Werke (1913 / 1933) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Bildnis eines Mönchs (um 1803) von Francisco de GoyaGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Francisco de Goya, Bildnis eines Mönchs, um 1803, 82 x 68 cm (Verlust Gemäldegalerie / Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins)
Saal der italienischen Gemälde der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss Raum 47) mit Markierung der zerstörten Werke (1904/1910) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Saal der italienischen Gemälde im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss, Raum 49) mit Markierung der zerstörten Werke.
Das Urteil des Paris (um 1682) von Luca GiordanoGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Luca Giordano, Das Urteil des Paris, um 1682, 244 x 326 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Saal der italienischen Gemälde der Gemäldegalerie im Kaiser-Friedrich-Museum (Obergeschoss Raum 47) mit Markierung der zerstörten Werke (1904/1910) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Der hl. Matthäus schreibt sein Evangelium mit Hilfe eines Engels (1602) von Michelangelo Merisi (Caravaggio)Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Michelangelo Merisi da Caravaggio, Der Evangelist Matthäus, vor 1602, 223 x 183 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Blick in das Atelier des Museumsfotografen Gustav Schwarz im Pergamonmuseum (um 1932) von unbekanntOriginalquelle: © Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs und den damit einhergehenden Kunst- und Kulturgutverlusten, lässt man 1925 Aufnahmen des gesamten Bestandes der Gemäldegalerie anfertigen. Beauftragt wird der Berliner Museumsfotograf Gustav Schwarz (1871–1958), der für alle Sammlungen der Königlichen Museen zu Berlin tätig war und sein Atelier im Pergamonmuseum hatte.
Auferweckung des Lazarus (1618/1620) von Peter Paul RubensGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Dieser Bestand beinhaltet auch einige der überaus seltenen, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg angefertigten Farbaufnahmen. Peter Paul Rubens, Auferweckung des Lazarus, 1618/1620, 263 x 196 cm (Verlust Gemäldegalerie)
Historisches Glasnegativ in säurefreier VerpackungGemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Die von Schwarz angefertigten, äußerst hochauflösenden Aufnahmen sind in Form von Glasnegativen beinahe vollständig erhalten. Sie stellen heute ein einzigartiges bildliches Zeugnis fast aller im Zweiten Weltkrieg zerstörter Werke der Sammlung dar.
Glasnegativ des Werkes Frans Hals (zugeschr.) Gastmahl im Freien, 1610/1624, 65 x 87 cm (Verlust Gemäldegalerie)Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
2024/25 wurden die alten, qualitätvollen Aufnahmen digitalisiert. So sind die verlorenen Werke 80 Jahre nach Kriegsende in der Online-Sammlung der Gemäldegalerie wieder jedem zugänglich und bilden für zukünftige Forschungen eine unschätzbare Informationsquelle.
Konzept / Text: Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Eva Gudermann, Dr. Katja Kleinert, Franziska May
Mit freundlichem Dank auch an das Zentralarchiv der Staatliche Museen zu Berlin und das Archiv der Berliner Unterwelten e.V
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