Eine der ehrenvollsten Erwähnungen wurde Rogier noch zu Lebzeiten durch den großen Theologen und Philosophen Nicolaus von Cues (1401-1464) zuteil. Das Selbstbildnis Rogiers auf einem der Brüsseler Rathausbilder hatte ihn so tief berührt, daß er dieses Porträt des »maximus pictor« und dessen sprechenden Blick in seiner Schrift »De visione dei« (1452) als ein Gleichnis für den Blick des »allsehenden Gottes« verwendete. Das Motiv des Anblickens und der Zwiesprache mit dem Betrachter war für die Porträtmalerei jener Zeit etwas Neues. Jan van Eyck und Rogier van der Weyden waren die ersten Künstler in den Niederlanden, die dieser neuen Porträtauffassung den Weg bereitet haben. Anders als in den meisten Bildnissen jener Zeit, auf denen die Dargestellten in sich gekehrt erscheinen, ins Leere blicken oder aber, soweit es sich um ein Diptychon handelt, sich andachtsvoll der Madonna zuwenden, sucht der Blick der jungen Frau den Kontakt mit dem Betrachter. Anteilnahme und tiefes Verständnis scheint sich darin auszudrücken. Die Dargestellte ist leicht nach rechts gewendet und in halber Figur wiedergegeben. Das jugendliche, lebensvolle Gesicht wird von der zweiteiligen, kunstvoll mit Nadeln aufgesteckten flämischen Flügelhaube aus weißem Leinen gerahmt. Das fein - gewebte Tuch läßt die hohe Stirn der jungen Frau durchscheinen. Dem Schönheitsideal der damaligen Zeit entsprach nicht nur die hohe Stirn, sondern auch die von Damen der Hofgesellschaft vorzugsweise getragene Kopfbedeckung des »hennin«. Schlichter und weniger exaltiert wirkt dagegen die Haube der jungen Frau, durch die sie ihre Zugehörigkeit zum gehobenen Bürgertum zu erkennen gibt. Der Gegensatz zwischen dem weißen Tuch mit seinen steifen Falten und der zarten Hautfarbe des Gesichtes betont dessen schön geschwungene Konturen. Das schlichte Gewand ist aus grauem Wollstoff gefertigt. Die mit Ringen geschmückten Hände sind übereinandergelegt und ruhen auf einer imaginären Brüstung, die mit dem unteren Abschluß des Bildes zusammenfällt. Der Hintergrund ist in einem dunklen, neutralen Farbton gehalten. Das Bildnis der jungen Frau wird allgemein der frühen Schaffenszeit Rogiers zugeschrieben. Es dürfte um 1440 entstanden sein, als er seit etwa fünf Jahren als Stadtmaler in Brüssel ansässig war. Man wird an Jan van Eycks berühmtes Bildnis der eigenen Gattin von 1439 denken müssen (Brügge, Groeninge museum), um die Bedeutung des von Rogier geschaffenen Porträts wirklich ermessen zu können. Ein gemeinsames Merkmal beider Bilder besteht darin, daß sich die Frauen mit direktem Blick dem Betrachter zuwenden. Bei Jan van Eyck wirkt dieser Blick verhalten und differenziert, bei Rogier unmittelbarer und deshalb auch uneingeschränkter. Aus beiden Bildnissen spricht jedoch gleichermaßen ein neues, psychologisch vertieftes Verständnis für die im Bild dargestellte Persönlichkeit. Der Vergleich mit Jan van Eyck hat zu der Frage geführt, ob nicht auch Rogier in diesem Bildnis die Züge der eigenen Gattin festgehalten habe. Da jedoch sichere Anhaltspunkte für die Identifizierung fehlen, muß es ungewiß bleiben, um wen es sich bei der jungen Frau handelt, die Rogier van der Weyden so lebensnah und fern jeder strengen Repräsentation dargestellt hat. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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