Kunst und Judentum

Der jüdische Maler, Zeichner und Schriftsteller Ludwig Meidner (1884-1966) wurde als Expressionist weltberühmt. Weniger bekannt sind jedoch die Teile seines Werks, die sich mit dem Judentum beschäftigen.
Die folgende Präsentation zeigt Bilder aus dem künstlerischen Nachlass Meidners, der vom Jüdischen Museum Frankfurt betreut wird. Im Mittelpunkt stehen dabei Werke, die jüdische Religiosität thematisieren aber auch diejenigen, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten reflektieren.

1912 gelang Meidner mit einer Ausstellung in der Berliner Galerie "Der Sturm" der künstlerische Durchbruch. Hauptthemen seines expressionistischen Werkes waren dynamische Großstadtszenen, die die Hektik der modernen Metropole widerspiegeln.

Meidner wurde aber auch durch seine expressiven Katastrophendarstellungen bekannt, die sogenannten "Apokalyptischen Landschaften". Diese wurden schon von den Zeitgenossen als Vorahnungen des Ersten Weltkriegs interpretiert.

Tatsächlich besaß Ludwig Meidner ein besonders sensibles Gespür für die Verwerfungen und Erschütterungen seiner Zeit. Mit seiner bereits 1914 entstandenen Mappe "Krieg" war er einer der ersten deutschen Maler, der künstlerisch seine Kritik am Krieg äußerte.

Dieses Blatt aus Meidners Kriegszyklus mit dem Titel "Die Bombe" entstand, wie die Signatur am unteren Bildrand verrät, bereits im Oktober 1914. Zu dieser Zeit war die überwältigende Mehrheit der Deutschen, darunter auch die meisten Intellektuellen und Künstler, noch von einer euphorischen Kriegsbegeisterung erfasst. Meidner thematisierte in seinem Bilderzyklus aber bereits die Schrecken des Krieges.

Auf der Suche nach Gott
Für Ludwig Meidner bedeutete der Erste Weltkrieg auch eine Sinnkrise, da die Utopien des Expressionismus angesichts der Katastrophe des Krieges gescheitert schienen. Die nächsten Jahre waren für Meidner durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Religion geprägt.

Während seines Militärdienstes als Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager ab 1916 gewann die schriftstellerische Tätigkeit an Gewicht im künstlerischen Schaffen Meidners. Hier entstanden seine hymnischen Prosadichtungen, die er später in den Bänden "Im Nacken das Sternemeer" und "Septemberschrei" veröffentlichte. Zu dieser Zeit schwankte die Auseinandersetzung Meidners mit der Religion zwischen ekstatischer Ergriffenheit und dem Hadern und Rechten mit Gott angesichts der Schrecken des Weltkrieges.

Bei Meidners Annäherung an die Religion folgten auf Tage heiterer Zuversicht wieder Tage der Niedergeschlagenheit und des Zweifels. Er suchte weniger eine intellektuelle Annäherung an theologische Positionen als vielmehr das intensive innere Glaubenserlebnis, was sich auch in den bewegten Figuren seiner religiösen Darstellungen ausdrückt.
"Auch ich war lange ohne Trost, zerrüttet, gottlos, preisgegeben allen Irrtümern und Launen der Minute, vereinsamt und verängstigt wie Gassenkehricht ... bis mich eines Nachts eine innere Stimme wunderbar getröstet hat ..." (Ludwig Meidner, Septemberschrei, 1920)

"Früher war Zeichnen und Malen ausschließlich der Zweck meiner Tage. Nun, da ich bete, erkenne ich mit Gewißheit und Klarheit, daß einzig dieses Beten einen Sinn hat und daß alles andere, was ich tue — sogar das Zeichnen und Malen — nur ein fragwürdiger Zeitvertreib ist. Möget ihr Gottlosen den Beter und seine Miene verlachen, ihr wisset ja nicht, was in seinem Herzen geschieht. Und mögt ihr die Arbeit des Künstlers überschätzen, da ihr nicht ahnt, daß der wahre Beter ein viel größerer Künstler ist." (Ludwig Meidner, Von wahrer Kunst, 1925)

Meidners Auseinandersetzung mit der Religion fand ihren Niederschlag auch in zahlreichen Porträts. Diese religiösen Porträts tragen häufig selbstbildnishafte Züge, wobei oft nur einzelne Gesichtspartien – hier die Augen – eine deutliche Ähnlichkeit mit der Physiognomie Meidners aufweisen. Andere Partien, etwa Bärte, ergänzt Meidner nach seiner Phantasie.

Gemeinsam ist den Porträts eine rhetorische Grundhaltung, die sich aus dem Bild heraus an den Betrachter wendet. Durch den Blick oder die Gestik wird dieser direkt angesprochen. Zunächst sind diese Porträts Zeugnisse der inneren Konflikte, im Verlauf der 1920er Jahre beruhigen sie sich sichtlich. Später entstehen idealtypische Bildnisse frommer Juden bei Gebet und Gottesdienst.

Bekenntnis zum Judentum
Mitte der 1920er Jahre fand Ludwig Meidner zu seinen jüdischen Wurzeln zurück. Ab 1927 richtete er sein Leben nach dem Schulchan Aruch aus. Der Schulchan Aruch (hebräisch: "gedeckter Tisch") ist ein religiöses Kompendium aus dem 16. Jahrhundert, das die religiösen Gebote des Judentums für die Alltagspraxis zusammenfasst.

Im Gegensatz zu den früheren Porträts, die oft etwas theatralisch wirken, entstanden seit Mitte der 1920er Jahre realistischere Bildnisse. Freilich handelt es sich auch hier um Idealporträts mit oftmals selbstbildnishaften Zügen. Aber aus den kostümierten und dramatisch inszenierten Propheten, Eiferern und Zweiflern wurden nun fromme Juden.

Beispielsweise weicht das früher als historisierendes Requisit eingesetzte Tuch nun dem Tallit, dem jüdischen Gebetsschal. In dieser Darstellung erkennt man an der Zierborte (Atarah), die sich an der über dem Kopf getragenen Seite befindet, dass es sich um einen Tallit handelt.

Ludwig Meidner zeigt nun auch, wie in diesem Doppelporträt, Gruppen frommer Juden beim gemeinsamen Gebet und Gottesdienst. Obwohl er regelmäßig am Schabbat und zu den Feiertagen die Gottesdienste in der Synagoge besuchte, blieb doch die individuelle Begegnung mit Gott, der inneren Andacht der zentrale Bezugspunkt seiner religiösen Praxis.

In Meidners religiösem Selbstverständnis spielte das Gebet eine zentrale Rolle, die er auch in mehreren Texten thematisiert. So in einem Aufsatz von 1937, der den Titel "Vom richtigen Beten" trägt: "Es gibt freudige und missmutige Beter, verzagte und dankerfüllte, hastige und gesammelte, verzweifelte und zerknirschte, naive und sehr überlegte Beter. (...) Die Weise aber, die dem Ewigen am besten gefällt, ist offenbar die freudige, wie es hervorgeht aus manchem Vers unsres heiligen Schrifttums."

Zunächst bekannte Meidner sich zur konservativen Richtung des Judentums und lehnte dessen liberale Strömungen als Verwässerung der Tradition vehement ab. Die strikte Befolgung der Gebote und die Beibehaltung des traditionellen Ritus erschienen ihm als zentrale Grundlage jüdischer Religiosität. Erst während des Exils in England schloss sich Meidner dem orthodoxen Judentum an, nachdem er sich unter anderem während seiner Internierung auf der Isle of Man längere Zeit in orthodoxen Kreisen bewegt hatte.

Die zentrale Rolle, die die jüdische Religion für seine Kunst spielte, fasste der 75jährige Meidner 1959 folgendermaßen zusammen:
"Das Heilige und Ewige wurde mein bevorzugtes Thema, und wenn ich auch vor allem Porträtist bin, so weilt meine Liebe und ganze Hingabe bei jenen religiösen Themen, die auf eine einfache, deutliche und würdige zeichnerische Formulierung zu bringen immer mein Wunsch gewesen ist. Auch der Künstler soll seinen Beruf heiligen und er tut´s, wenn er auf seinen Bildern von Gott redet und seiner Welt."

Gebet und Gottesdienst
Die religiösen Darstellungen Meidners unterscheiden sich von denen vieler anderer jüdischer Künstler durch das weitgehende Fehlen von pittoresken Genreszenen. Die Welt des ostjüdischen Schtetls, die vielen Malern als Inbegriff traditionellen Judentums galt, fehlt hier ebenso wie die üppige Schilderung jüdischen Brauchtums. Dort, wo Meidner die traditionellen Gebräuche thematisiert, konzentriert er sich ganz auf die religiöse Erfahrung des Einzelnen und verzichtet auf alles opulente Beiwerk.

Dieses Stillleben bildet unter Meidners religiösen Bildern eher eine Ausnahme, denn bei diesen handelt es sich zumeist um Zeichnungen und ganz überwiegend um Figurendarstellungen. Es ist aber insofern aufschlussreich, als es auf das Hauptthema in Meidners religiöser Kunst verweist. Der Tallit, der Gebetsmantel, die Tefillin, die Gebetsriemen (im Bild rechts vorne und im geöffneten Samtbeutel), sowie das Gebetbuch (entweder ein Siddur für die Werktage oder der Machsor für die Feiertage) veranschaulichen die zentrale Bedeutung des Gebets für fromme Juden.

Bei der hebräischen Inschrift rechts oben handelt es sich um den Anfang von Psalm 104: "Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, wie groß bist du!" Die Anfangsverse dieses Psalms (hebräisch: Barchi Nafschi) finden im Winter Eingang in die Schabbatliturgie und sie werden zudem zu Beginn der Toralesung im Jahreszyklus rezitiert.
Darunter findet sich in roter Farbe das hebräische Monogramm "Mem" für Meidner, mit dem der Künstler seit Ende der 1920er Jahre viele seiner religiösen Werke signiert. Die Datierung "5697" gemäß dem jüdischen Kalender verweist auf das Jahr 1936/37 der gregorianischen Zeitrechnung.

Seinem Verständnis von religiöser Erfahrung als persönlicher Begegnung mit dem Schöpfer entsprechend, stellte Ludwig Meidner auch die jüdischen Feiertage zumeist nicht in Form von figurenreichen Genreszenen, sondern anhand individueller Figuren dar.

Hier zeigt er einen frommen Juden mit den Arba Minim (hebräisch: vier Arten), dem Etrog (einer Zitrusfrucht) und den Zweigen von Palme, Myrte und Bachweide, dem traditionellen Feststrauß für Sukkot, das Laubhüttenfest.

In diesem Porträt zeigt Meidner einen Schofarbläser. Der Schofar ist ein meist aus einem Widderhorn gefertigtes rituelles Blasinstrument. Er findet unter anderem Verwendung in der Liturgie von Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, und am Ende des Versöhnungstages Jom Kippur.
Wenn in der hebräischen Bibel von einer Posaune die Rede ist – etwa in der bekannten Geschichte der Eroberung Jerichos, dessen Stadtmauern beim Schall von sieben Posaunen einstürzten – ist meist der Schofar gemeint.

Diese Zeichnung thematisiert ein bestimmtes Gebet während der Hawdala-Zeremonie (Hawdala = hebräisch: Unterscheidung). Das Ritual, das am Samstagabend bei Nachteinbruch begangen wird, kennzeichnet das Ende des Schabbat und den Beginn der neuen Woche. Die Darstellung zeigt die für die verschiedenen Segenssprüche benötigen Ritualobjekte.

Rechts sehen wir den sogenannten Kiddusch-Becher (Kiddusch = hebräisch: Heiligung). Dieser wird für den Weinsegen benötigt, der am Schabbat und den jüdischen Feiertagen vor den Mahlzeiten gesprochen wird. Der Becher mit Wein wird dabei zum Zeichen der Fülle bis zum Überfließen gefüllt. Der übergeflossene Wein wird vom Hawdala-Teller aufgefangen.

Als nächstes wird während der Hawdala-Zeremonie der Gewürzsegen gesprochen. Danach wird der Duft aromatischer Gewürze eingeatmet, die in einer Besamimbüchse (Besamim = hebräisch: Gewürze) aufbewahrt werden. Diese Behälter sind meist kunstvoll verziert und haben oftmals die Form von Türmen.

Bei der Hawdala-Kerze handelt es sich um eine aus mehreren Strängen geflochtene Kerze. Diese wird zu Beginn der Zeremonie entzündet und zu deren Abschluss mit Wein gelöscht. Die Kerze wird zudem für den Lichtsegen benötigt, dem letzten Segen der Hawdala-Zeremonie.

Den Lichtsegen spricht man, während man die Hände betrachtet, in deren Fingernägeln sich das Licht der Kerze spiegelt.
Für fromme Juden ist der Schabbat der Höhepunkt der Woche. Die Einhaltung des Ruhetages ist eines der Zehn Gebote. Die Besonderheit dieses Tages wird durch festliche Rituale hervorgehoben, die Beginn und Ende des Schabbat markieren.

Bilder zur Bibel
Neben den Porträts frommer Juden finden sich in Meidners religiösem Werk auch zahlreiche Darstellungen biblischer Themen. Hierbei orientierte er sich aber in der Regel nicht an den traditionellen Darstellungsformen oder Szenen, die in der Kunstgeschichte oder in der jüdischen Tradition, etwa als Schmuck von Zeremonialobjekten oder in der Buchkunst, geläufig sind.

Ein anschauliches Beispiel für Meidners eigenständige Umsetzung biblischer Themen ist diese aquarellierte Zeichnung. Auf der Rückseite des Blattes hat der Künstler den Titel "Dawid Hamelech (King David)" vermerkt. "Hamelec"“ ist hebräisch und bedeutet "der König".
Ohne den Bildtitel wäre eine Identifizierung der dargestellten Szene kaum möglich. Die in der Kunst gebräuchlichen Attribute Davids – also Krone und Harfe – fehlen hier nämlich.

Den ersten Hinweis zur Identifizierung der konkreten Bibelstelle, auf die sich Meidner hier bezieht, liefern die erhobenen Hände. Es handelt sich um einen sogenannten Orantengestus, also um eine Geste während des Gebets. Demnach ist hier der betende König David dargestellt. Den zweiten Hinweis liefert ein Detail im Hintergrund links: hier erkennen wir ein Feuer, von dem Rauch aufsteigt.

Bei diesem Feuer handelt es sich um einen Verweis auf die rituellen Opfer, die in biblischer Zeit als Brandopfer dargebracht wurden. Gemeinsam beziehen sich die Hinweise auf einen Vers aus Psalm 141:
"Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf; als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe."
David wird also in Meidners Darstellung nicht als Held biblischer Geschichten, sondern als Verfasser der Psalmen gezeigt, die von besonderer Bedeutung für die jüdischen Gebete und den Gottesdienst sind.

Ein weiteres Beispiel für die sehr individuelle Themenwahl in biblischen Darstellungen ist diese Zeichnung. Sie zeigt das Opfer des Manoach, eine Szene, für die es in der Kunstgeschichte kaum Vorbilder gibt.
Manoach und seiner Frau wird von einem Engel die Geburt ihres Sohnes Simson (Samson) verkündet, woraufhin Manoach dem Herrn zum Dank ein Ziegenböcklein opfert. "Und als die Flamme aufloderte vom Altar gen Himmel, fuhr der Engel des HERRN auf in der Flamme des Altars. Als das Manoach und seine Frau sahen, fielen sie zur Erde auf ihr Angesicht." (Richter 13, 20)

Ebenfalls aufschlussreich ist diese Darstellung der Errettung des Propheten Elija durch einen Engel. Bei diesem Engel sind die Beine zu einer einzigen, schlauchartigen Extremität zusammengefasst. Meidner greift hierbei ein Charakteristikum der Engel auf, das im Schulchan Aruch aus einem Bibelvers abgeleitet wird.

Dort heißt es in den Vorschriften zum Morgengebet:
"Man stelle die Füße nebeneinander, als ob sie nur ein Fuß wären, um sich den Engeln ähnlicher zu machen, von denen es heißt (Jech. 1,7), ihre Füße ein gerader Fuß, das heißt, ihre Füße erscheinen wie ein Fuß ..."
Für diese Darstellung der Engel mit einem Fuß finden sich keine Vorläufer in der Kunst. Meidner hat das Motiv also direkt aus den nachbiblischen Schriften der Rabbiner übernommen.

Viele von Meidners Bildern zur Bibel beschäftigen sich mit den Propheten, die für den Künstler Identifikationsfiguren waren. Schließlich hatte auch Meidner ein besonderes Gespür für die Umbrüche und Erschütterungen seiner Zeit.
Die dargestellte Szene zeigt den Propheten Jeremia dem während seiner Gefangenschaft die Rettung verhießen wird. Die Parallelen zu Meidners eigener Situation sind unübersehbar. Die Zeichnung entstand 1935, als er als jüdischer Künstler im nationalsozialistischen Deutschland zunehmenden Repressionen ausgesetzt war und verschiedene Auswanderungspläne verfolgte.

Bereits im englischen Exil entstand diese Zeichnung nach einem Vers des Propheten Jesaja: "Die Erschlagenen wirft man hinaus, der Gestank ihrer Leichen steigt auf, die Berge triefen von ihrem Blut ... Wie eine Buchrolle rollt sich der Himmel zusammen …" (Jesaja 34, 3-4)
Meidners Schilderung des angekündigten Strafgerichts steht unverkennbar bereits unter dem Eindruck der ersten Nachrichten über den systematischen Massenmord an den europäischen Juden.

Ein weiteres Beispiel für ein religiöses Motiv, das Meidner auf die Thematik des Holocaust bezieht, ist diese aquarellierte Kohlezeichnung. Die biblische Textvorlage findet sich aber nicht in der Geschichte von Jakob und Rahel, sondern in einem Vers des Propheten Jeremia. Hier steht Rahel sinnbildlich als eine der Erzmütter der Stämme Israels, die das Leid Ihres Volkes beklagt:
"Man hört Klagegeschrei und bittres Weinen in Rama: Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder." (Jeremia 31,15)

"Leiden der Juden in Polen"
Im Dezember 1942 veröffentlichten die Vereinigten Nationen erstmals eine offizielle Erklärung, die die systematische Ermordung der europäischen Juden bestätigte. Meidner war davon zutiefst erschüttert und begann einen Bildzyklus zum Holocaust, den er "Leiden der Juden in Polen" beziehungsweise "Massacres in Poland" betitelte.

Anfang 1943 beschrieb Ludwig Meidner in einem Brief aus London an Freunde in Südamerika seine Motivation für die Arbeit an seinem Holocaust-Zyklus folgendermaßen: "Seit Wochen arbeite ich an einem Cyclus aquarellierter Zeichnungen ‚Leiden der Juden in Polen‘. So, auf solche Weise bin ich genötigt, immerfort, immerfort an das Schicksal meiner Brüder zu denken."

Der Zyklus, den Meidner zunächst "Leiden der Juden in Polen" und später "Massacres in Poland" nannte, umfasst nach unterschiedlichen Zählungen des Künstlers 42 oder 45 Blätter; später sprach Meidner sogar von zwei Zyklen zum Thema mit insgesamt 50 Blättern. Der Zyklus ist keine homogene Bildfolge mit einheitlicher Struktur und eindeutiger Reihenfolge. Es handelt sich vielmehr um Bilder in verschiedenen Techniken, die sich dem Thema auf unterschiedliche Weise näheren. Neben Darstellungen, die die Verfolgung eher indirekt zeigen gibt es auch sehr drastische Bilder – etwa von Massenerschießungen oder Gaskammern.

Im Gegensatz zu den Holocaust-Darstellungen vieler jüdischer Künstler, die als Überlebende der Ghettos und Lager Zeugnis ablegen wollten, handelt es sich bei Meidners Bildern nicht im engeren Sinne um dokumentarische Zeitzeugnisse. Meidner erfuhr vom Holocaust ja im englischen Exil, war also kein unmittelbarer Zeuge der Geschehnisse. Stattdessen versuchte er anhand der Presseberichte und -fotos, die ihn erreichten, das Grauen in Bilder zu fassen und sich das Unvorstellbare vorzustellen.

Das Aquarell zeigt zwei Reihen von Leichen, die sich links bis zum Bildrand erstrecken. Die Toten liegen auf einer Waldlichtung, die Birke im Vordergrund kann zur Verortung des Geschehens beitragen. In Russland, Finnland und Polen gilt der Baum als nationales Symbol, vergleichbar mit der „deutschen Eiche“. Die Blutlachen, in denen die Leichen liegen, deuten darauf hin, dass es sich um Opfer einer Massenerschießung handelt. Bereits 1941 kursierten in der alliierten Presse und in deutschsprachigen Exilzeitungen Berichte über Massenerschießungen.

Meidners Kohlezeichnung einer Gaskammer entstand wohl vor dem Frühjahr 1945. Denn nach der Befreiung der Vernichtungslager kursierten zahlreiche Fotos und Augenzeugenberichte, die übereinstimmend ein Detail überliefern: In den meisten Todeslagern waren die Gaskammern als Duschen mit Duschbrausen getarnt, um Panik unter den Todgeweihten zu vermeiden. Da dieses in seiner Perfidität äußerst eindringliche Detail in Meidners Darstellung fehlt, schuf er die Zeichnung vermutlich bevor die entsprechenden Bilder und Berichte publiziert wurden.

Rückkehr ins Land der Täter
Nach dem Ende des Krieges wurde die Situation Meidners in London zunehmend schwierig. Die materielle Lage verschlimmerte sich, da viele der Hilfsleistungen für jüdische Flüchtlinge eingestellt wurden. Die Isolation des Künstlers nahm zu und diverse Auswanderungspläne – in die USA, nach Südamerika in das gerade gegründete Israel – scheiterten. 1952 luden alte Freunde Meidner zu einem Besuch in der Bundesrepublik ein.

1953 kehrte Ludwig Meidner endgültig nach Deutschland zurück. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren die künstlerische Anerkennung, die er hier wieder erfuhr, seine Verwurzelung in der deutschen Kultur, insbesondere der Sprache, und die Aussicht auf ein Leben ohne materielle Existenznöte.
Meidner zog zunächst in das jüdische Altersheim in Frankfurt, wo auch zahlreiche Holocaust-Überlebende wohnten. An einen Freund in den USA schrieb er: "Mir geht es wirtschaftlich gut, nur fühl‘ ich mich hier in Germany etwas verwaist, für unsereinen ist hierzuland keine rechte Heimat mehr, nach allem was passierte."

1955 zog Meidner in das nördlich von Frankfurt gelegene Dorf Marxheim, heute ein Stadtteil von Hofheim am Taunus. 1963 übersiedelte er nach Darmstadt, wo er 1966 starb.
In Deutschland konnte Meidner wieder malen, nachdem er im englischen Exil fast nur gezeichnet hatte. Ölfarben und Leinwände waren für ihn schlichtweg unerschwinglich gewesen. Seine letzten Lebensjahrzehnte sind geprägt von einem regen Schaffensdrang und einer vitalen künstlerischen Produktion.

Ludwig Meidner war einer der sehr wenigen jüdischen Emigranten, die wieder nach Deutschland zurückkehrten. Darüber hinaus hat er sein Judentum hier offen gelebt, was gerade in einem dörflichen Umfeld bemerkenswert war.

In diesem unvollendet gebliebenen Selbstbildnis stellt sich Ludwig Meidner als betender Jude mit Tallit, Kippa und Gebetbuch dar. Es handelt sich um eines der letzten Gemälde, die Meidner vor seinem Tod am 14. Mai 1966 malte.

Onlineausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt
Mitwirkende: Geschichte

Objekte und Fotos:
Jüdisches Museum Frankfurt, Ludwig Meidner Archiv

Text und Bildauswahl:
Erik Riedel

Redaktion und Umsetzung:
Korbinian Böck

Literatur:
Georg Heuberger (Hrsg.): Ludwig und Else Meidner Ausstellungskatalog. Jüdisches Museum Frankfurt, Ben Uri Gallery London, Frankfurt 2002
Gerd Presler, Erik Riedel: Ludwig Meidner. Werkverzeichnis der Skizzenbücher / Catalogue Raisonné of His Sketchbooks (zweisprachig: deutsch und englisch), Prestel, München 2013

Jüdisches Museum Frankfurt, Ludwig Meidner Archiv

Quelle: Alle Medien
Der vorgestellte Beitrag wurde möglicherweise von einem unabhängigen Dritten erstellt und spiegelt nicht zwangsläufig die Ansichten der unten angegebenen Institutionen wider, die die Inhalte bereitgestellt haben.
Mit Google übersetzen
Startseite
Erkunden
In der Nähe
Profil