Oct 27, 2015

Verbotsfilme der DEFA

DEFA-Foundation

Im Dezember 2015 jährt sich zum 50. Mal das umfassendste Filmverbot der DDR-Kinogeschichte aus den Jahren 1965/66

11. Plenum des Zentralkomitees der SED
Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 zählt zu den wesentlichsten kulturpolitischen Zäsuren der DDR-Geschichte. Im Umfeld der Tagung wurden Bücher, Theater- und Musikstücke verboten, die sich kritisch mit der Entwicklung der DDR-Gesellschaft auseinandersetzten. Auch die DEFA war massiv betroffen: Zwölf Spielfilme wurden verboten oder in der Produktion gestoppt und in den „Giftschrank“ verbannt. Das Plenum hinterließ tiefe Spuren: Einige Künstler durften nicht mehr im DEFA-Studio arbeiten, gesellschaftskritische Themen galten in den folgenden Jahren als tabu. Die meisten der Verbotsfilme konnten erst 1989/90, nach dem Sturz Honeckers, aufgeführt werden. Die folgende Ausstellung zeigt Fotografien, Trailer und Dokumente von elf verbotenen Spielfilmen.
Das Kaninchen bin ich
Der Film von Regisseur Kurt Meatzig aus dem Jahre 1965, ist jener Film, dem Ulbricht, Honecker & Co. auf dem 11. Plenum stellvertretend für die aktuelle DEFA-Produktion den Prozess machten. Die junge Maria schlägt sich als Kellnerin durch, weil sie nach der Verurteilung ihres Bruders wegen „staatsgefährdender Hetze“ in einem dubiosen Prozess keine Zulassung zum Slawistik-Studium erhielt. Zufällig verliebt sie sich in den für das Urteil verantwortlichen Richter Paul Deister, der sie als Geliebte in seinem Ferienhaus einquartiert. Als dieser sich als skrupelloser Karrierist entpuppt, der Menschen und Gesetze nur für sich benutzt, verlässt sie ihn. Auch sein ganzes Renommee bewahrte DEFA-Altmeister Maetzig nicht vor Verbot und demütigender Selbstkritik. Dass er die Verfilmung eines bereits verbotenen Romans von Manfred Bieler aus der Perspektive einer aufmüpfigen und eigenwilligen Jugendlichen erzählte, offen auf Justizwillkür, Sippenhaft und Stasimethoden hinwies und einen hohen Funktionsträger als ehebrecherischen Opportunisten zeichnete, galt den SED-Hardlinern als beispielhafter Beleg für „dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen und Auffassungen“.

Angelika Waller

Werner Wieland, Irma Münch und Angelika Waller

Filmplakat von Erhard Grüttner

Denk bloß nicht, ich heule
Ein Film von Frank Vogel, aus dem Jahr 1965. Der aufmüpfige Peter Naumann fliegt nach dem Tod seines Vaters wegen eines Aufsatzes mit „staatsfeindlichen“ Äußerungen von der Oberschule in Weimar. Verständnis für seine Auflehnung gegen Heuchelei und Unehrlichkeit findet er auf dem Land bei seiner Freundin Anne, die ihm hilft, sich extern aufs Abitur vorzubereiten. Doch hier gerät er in heftige Auseinandersetzungen mit Annes Vater, einem alten Antifaschisten und LPG-Vorsitzenden, der ihre Beziehung missbilligt. Nach monatelangem internen Streit um den Film und etlichen Versuchen der Filmemacher, ihn durch Änderungen und Schnitte „annehmbar“ zu machen, wurde er auf dem 11. Plenum des ZK der SED abgeurteilt: „Es ist ein Film gegen uns, gegen unsere Partei, gegen unsere Republik und gegen unsere Jugend.“ (FDJ-Sekretär Horst Schumann). Zornige junge Männer galten nun als Anarchisten und Nihilisten, Hinweise auf Generationenkonflikte wurden als „Skeptizismus“ und Verabsolutierung von Widersprüchen gebrandmarkt.

Anne-Kathrein Kretzschmar als Anne

u.a. Peter Reusse (links)

Regisseur Frank Vogel am Set

Der Frühling braucht Zeit
Ein Film von Günter Stahnke aus dem Jahre 1965. Heinz Solter, der parteilose, aber pflichtbewusste Ingenieur eines Energieversorgungsbetriebs, wird fristlos entlassen und muss sich vor Gericht für die scheinbar fahrlässige Abnahme einer bei Frost havarierten Ferngasleitung verantworten. Im Lauf der Untersuchung stellt sich heraus, dass er auf Anweisung des Direktors Faber gehandelt hat, für den Planerfüllung und eigene Karriere an erster Stelle stehen. Basierend auf Akten der Parteikontrollkommission wollte der Film keinen Einzelfall beschreiben, sondern allgemeine Probleme bei der Bewältigung der aktuellen Wirtschaftsreformen zur Diskussion stellen. Nicht als emotionsgeladenes Gerichtsdrama, sondern als kühles „Psychogramm der Agierenden“ (Stahnke) in stilisierten Dekors und strengem, kontrastreichen Schwarz-Weiß. Die offizielle Kulturpolitik fand darin „kein Bekenntnis zu unserer Wirklichkeit, keine tief fundierte ethische Überzeugung, keine Parteilichkeit" und nahm den Film drei Wochen nach der Premiere und eine Woche nach dem 11. Plenum im Dezember 1965 aus den Kinos.

Horst Schön und Eberhard Mellies

Regisseur Günter Stahnke bei den Dreharbeiten

Regisseur Günter Stahnke und Kameramann Hans-Jürgen Sasse

Fräulein Schmetterling
1966 von Kurt Barthel. Ein Gegenwartsmärchen über das Lebensgefühl junger Leute und ein Plädoyer für Fantasie und Individualität. Das schwebte dem Schriftsteller-Ehepaar Christa und Gerhard Wolf vor, als sie das Experiment wagten, die Geschichte der 18-jährigen Helene Raupe und ihrer kleinen Schwester Asta mit wechselnden Realitätsebenen und einer slowakischen Pantomimin in der Hauptrolle zu verfilmen. Die beiden Mädchen müssen sich nach dem Tod ihres Vaters gegen eine egoistische Tante und eine strikte Jugendfürsorgerin behaupten. Helene soll in einem Fischladen, einer Modeboutique und als Straßenbahnschaffnerin arbeiten, träumt aber lieber von einer Karriere als Mannequin oder Stewardess. Stilistisch an Werken der tschechischen „Neuen Welle“ orientiert kombinierte Regiedebütant Barthel die Realgeschichte der Geschwister mit poetischen Traumsequenzen und teils mit versteckter Kamera gedrehten Dokumentarszenen des Alltagslebens um den Alexanderplatz. Nach heftiger Kritik wegen „grober Verfälschung des Lebens in der DDR“ in der Produktion abgebrochen konnte der Film nach der Wende wegen fehlender Materialien nur noch als Dokumentation der überlieferten Einstellungen nach dem Originaldrehbuch rekonstruiert werden.

Melania Jakubisková

Melania Jakubisková und Milan Sládek

Spur der Steine
„Ein Machwerk in jeder Beziehung“ (Klaus Gysi): Der populärste und nach 1989 erfolgreichste Verbotsfilm von Regisseur Frank Beyer, erzürnte die SED-Hardliner, begeisterte aber die wenigen Zuschauer, die ihn 1966 bis zur Absetzung nach kurzer Laufzeit und inszenierten Störaktionen sehen durften. DEFA-Star Manfred Krug spielt in Beyers Baustellen-Western die Paraderolle des anarchischen Brigadiers Balla, der sich mit dem idealistischen Parteisekretär Horrath und der neuen Bauingenieurin Kati anlegt. Die Männer raufen sich nach diversen Auseinandersetzungen zusammen, konkurrieren aber um ihre Kollegin. Als Kati vom verheirateten Horrath schwanger wird, gerät dieser in heftige Gewissenskonflikte. Die mit opulentem Budget ausgestattete Verfilmung des Nationalpreis-gekrönten Bestsellers von Erik Neutsch sollte das Studio nach dem 11. Plenum rehabilitieren, doch auch nach diversen Änderungen sah sich die SED zu negativ dargestellt. „Der Film gibt ein verzerrtes Bild von unserer sozialistischen Wirklichkeit, dem Kampf der Arbeiterklasse, ihrer ruhmreichen Partei und dem aufopferungsvollen Wirken ihrer Mitglieder, […] bringt dafür aber Szenen, die bei den Zuschauern mit Recht Empörung auslösten.“ (Hans Konrad, Neues Deutschland, 6.7.1966)

Trailer zum Film "Spur der Steine"

Manfred Krug

Eberhard Esche als Werner Horrath

Krystyna Stypulkowska und Manfred Krug

Die Brigade Balla

Karla
Als der junge Kinder- und Jugendfilmregisseur Herrmann Zschoche und der Autor Ulrich Plenzdorf sich von einem Bericht in der FDJ-Zeitschrift Forum zu einer Geschichte um eine idealistische Junglehrerin anregen ließen, die wie eine „Heilige Johanna“ der Schulhöfe für Ehrlichkeit und Wahrheit und gegen Anpassertum und Dogmatismus kämpft, ahnten sie noch nicht, dass ihr Film seine Uraufführung erst 25 Jahre nach den Dreharbeiten erleben sollte. Wie andere kritische Gegenwartsfilme war auch Karla nach dem „Kahlschlagplenum“ des ZK der SED im Dezember 1965 für DEFA und HV Film zu nah an den Problemen der DDR-Gesellschaft und zu weit entfernt von den geforderten sozialistischen Lehrerpersönlichkeiten und Bildungsidealen, um seine Fertigstellung ideologisch verantworten zu können.

Hans Hardt-Hardtloff als Direktor Hirte

Jutta Hoffmann, Hans Hardt-Hardtloff und Heidemarie Schneider (v.l.)

Jutta Hoffmann

Zulassungsprotokoll von 1990

Filmplakat

Wenn du groß bist, lieber Adam
Nicht nur kritische Gegenwartsfilme gerieten ins Visier der Zensoren, sondern auch philosophisch angehauchte Filmmärchen, selbst wenn sie noch so heiter und spielerisch daherkamen. Angeregt durch Vojtěch Jasnýs fantastisch-poetische Satire "Wenn der Kater kommt" spielte Regisseur Egon Günther die Grundfrage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge auf listige und kindlich-naive Weise durch, berührte dabei aber zu viele gesellschaftliche Tabus. Zentrum und Motor des Films ist eine wundersame Taschenlampe, die ein weißer Schwan dem kleinen Adam schenkt. Sie bestraft jeden, der die Unwahrheit sagt, indem sie ihn durch die Luft schweben lässt, und initiiert ein locker gefügtes Potpourri von Entlarvungsszenen und ihren Folgen, das unbekümmert die Genres und Stilmittel wechselt und zwischen Alltagsbeobachtungen, Klamauk, poetischen Szenen und Musicalnummern hin- und herspringt. Dem Produktionsabbruch wegen seiner „undialektischen, relativistischen Auffassung von der Wahrheit“ folgte 1989/90 die Rekonstruktion des Films, bei der vernichtete oder erst gar nicht gedrehte Dialogstellen durch Einblendungen des Drehbuchtextes ersetzt werden mussten. „Nie wieder gab es im DEFA-Film eine solch unverkrampfte und arglose Komik.“ (Erika Richter)

Stephan Jahnke

Gerry Wolff und Stephan Jahnke

Filmzulassung von 1990

Berlin um die Ecke
Ein Film von Gerhard Klein. Die jungen Metallarbeiter Olaf und Horst leisten gute Arbeit, doch sie provozieren die Altvorderen nicht nur durch ihre Kritik an Mängeln im Betrieb, sondern auch durch ihre Vorliebe für Lederjacken und Motorräder. Als der einzige ältere Kollege stirbt, der Verständnis für sie hat, und die beiden in der Betriebszeitung kritisiert werden, eskaliert der Konflikt zwischen den Generationen. Als Fortsetzung und Schlusspunkt der gemeinsamen „Berlin“-Filme konzipiert wurde der Film im Gefolge des 11. Plenums u.a. wegen seiner „pessimistischen und subjektivistischen Grundhaltung“ im Rohschnitt abgebrochen und erst 1990 fertiggestellt. „Es gibt keine dramatische Handlung, die Szenen sind lose miteinander verbunden. Die Bilder […] vermitteln einen sinnlichen Genuß am Rhythmus und den kleinen und großen Ereignissen des Alltags. Dieser Spielfilm ist ein genaues, stilles, tief berührendes menschliches Dokument östlichen Arbeiterlebens aus der Mitte der sechziger Jahre.“ (Erika Richter, Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg).

Erwin Geschonneck

Dieter Mann und Kaspar Eichel

Monika Gabriel

Filmszene mit Monika Gabriel

Jahrgang 45
Alfred (Al) und Lisa (Li), ein junges Ehepaar vom Prenzlauer Berg, wollen sich trennen. Der Automechaniker nimmt sich ein paar Tage frei, bummelt durch Berlin, trifft Freunde und Fremde und lässt eine Moralpredigt seines Kaderleiters über sich ergehen. An den lakonischen Alltagsbeobachtungen der jungen Tschechen und der spielerischen Leichtigkeit der „Nouvelle Vague“ orientiert, hätte das Spielfilmdebüt des Dokumentaristen Jürgen Böttcher dem DEFA-Film einen ganz neuen Ton geben können, doch die „Heroisierung des Abseitigen“ durch eine „indifferente, gedankenlose, unreife und asoziale“ Hauptfigur führte zum Abbruch des Films im Rohschnitt. „Kein Wort fällt gegen die Verhältnisse; auch die Bilder lassen für sich genommen keine Anklage erkennen. Aber er versteht es, ein Lebensgefühl zu vermitteln, das zwar einerseits unendlich weit über die Grenzen der DDR hinausreicht, andererseits aber deren spießbürgerliche Ödnis und gedankenleere Hoffnungslosigkeit gnadenlos hervorkehrt.“ (Peter Buchka, Süddeutsche Zeitung, 20.2.1990).

Paul Eichbaum als Mogul

Monika Hildebrand und Rolf Römer

Roland Gräf

Plakat vom Progress Filmverleih

Hände hoch oder ich schieße
Ein Film von Hans-Joachim Kasprzik: Über die Staatsmacht wird nicht gelacht! Selbst ein freundlich-satirisches Kriminal-Lustspiel, das nur der spießbürgerlichen Tristesse der DDR ein paar harmlose Seitenhiebe verpasste, fiel nach dem 11. Plenum der Angst vor dem Verdikt der kulturpolitischen Hardliner in der SED zum Opfer. Publikumsliebling Rolf Herricht spielt den ambitionierten, aber schüchternen Kleinstadt-Polizisten Holms, der seiner heimlichen Liebe Lucie durch kriminalistische Großtaten imponieren möchte, aber wegen ausbleibender Verbrechen langsam in Tagträumereien und Depressionen abgleitet. Ein geläuterter Ex-Gauner und seine alten Kumpanen (ein Großaufgebot der beliebtesten DDR-Komödianten) inszenieren deshalb einen ganz besonderen Coup für ihn. Die Zensoren monierten „offen ironisierende Dialoge, die in grotesker Form gesellschaftliche Erfolge unserer Republik abwerten“, und attestierten dem Film nach zahlreichen Schnitten, dass er immer noch „eine versteckt ironische Haltung zu unserer Wirklichkeit einnimmt“. Da das Studio daraufhin den Zulassungsantrag widerrief, kam die Komödie erst 2009 nach sorgfältiger Rekonstruktion mit 43 Jahren Verspätung zu ihrer Premiere.

Rolf Herricht

Gerd E. Schäfer und Rolf Herricht

Regisseur Hans-Joachim Kasprzik bei den Dreharbeiten

Herbert Köfer bei der Premiere 2009

Filmpremiere 2009

Ralf Schenk nach der Premiere im Gespräch mit den Mitwirkenden

Der verlorene Engel
Ein Film von Ralf Kirsten. Das einzige historische Künstlerporträt unter den Verbotsfilmen und stilistisch neben Jahrgang 45 das unkonventionellste und innovativste Werk. Geschildert wird ein Tag im Leben Ernst Barlachs im Jahr 1937. Aufgestört durch die Entfernung seines „Schwebenden Engels" aus dem Dom von Güstrow in der Nacht zuvor irrt der politisch verfemte und gesellschaftlich isolierte Bildhauer durch Stadt und Umgebung, legt sich Rechenschaft ab über seine Kunst und lässt wichtige Szenen seines Lebens Revue passieren. Um Franz Fühmanns „GedankennoveIle“ Das schlimme Jahr adäquat ins Filmische zu transponieren, erzählt Kirsten aus der subjektiven Perspektive seiner Hauptfigur, deren Gedankenfluss die Erlebnisse des Tages zum Anlass für unvermittelte Zeitsprünge und assoziative Bild-Ton-Montagen nimmt. Gründe für den Produktionsabbruch waren die „verwaschene philosophische Konzeption“, die „indifferente humanistische Aussage“ und die fehlende „Rücksicht auf Publikumswirksamkeit“. Aus Anlass des 100. Geburtstag Barlachs durfte der Film 1970 nach „Entschärfung“ durch Nachaufnahmen, Umschnitte und Synchronisation doch noch fertiggestellt und aufgeführt werden, wegen Materialverlusts jedoch nur als „Fragment“ von 60 Minuten.

Trailer

Der verlorene Engel

Fred Düren und Erika Pelikowsky

Credits: Story

Gestaltung: Merle Bargmann und Philip Zengel
Texte: Johannes Roschlau
Bildauswahl: Philip Zengel
Technik: Merle Bargmann und Melanie Hauth
Redaktion: Ralf Schenk und Gudrun Scherp

Credits: All media
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