1897 - 1922

Die Entstehung der "Musterkolonie" Kiautschou

German Federal Archives

Überlegungen zur Einrichtung eines deutschen Stützpunktes in Ostasien wurden bereits lange vor der Besetzung Kiautschous durch deutsche Truppen am 14. November 1897 angestellt. So bereiste der Geologe Ferdinand Freiherr von Richthofen in den Jahren 1868 bis 1871 China und wies auf die mögliche künftige Rolle Kiautschous (Jiaozhous) als Flottenstützpunkt hin. 

Mit dem Vertrag vom 6. März 1898 wurde die deutsche Expansion schließlich auf eine formale völkerrechtliche Basis gestellt. Die Quing-Dynastie verpachtete dem Deutschen Reich die Kiautschou-Bucht auf 99 Jahre und sprach ihm die volle Oberhoheit über das “Pachtgebiet” zu. Durch “Kaiserliche Ordre” vom 27. April 1898 wurde Kiautschou unter kaiserlichen Schutz gestellt und glich damit in rechtlicher Hinsicht den anderen Kolonien des Deutschen Reiches.

Karte von Tsingtao ("die grüne Insel"), undatiert, um 1897 | BArch N 253/41

Jedoch unterstand Kiautschou nicht, wie die anderen deutschen Kolonien, der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, sondern wurde auf Drängen von Admiral von Tirpitz am 27. Januar 1898 dem Reichsmarineamt unterstellt. Der “Hafenkolonie” stand ein Gouverneur vor, dem die zivile und militärische Verwaltung oblag. Kiautschou mit seiner Hauptstadt Tsingtao (Qingdao) sollte durch technischen Fortschritt und großzügigen Ausbau zur “Musterkolonie” des Deutschen Reiches werden. Dazu gehörten neben dem Aufbau einer Kolonialverwaltung v.a. die Schaffung einer modernen Infrastruktur mit der Anlage von Straßen, dem Aufbau eines Frischwasserversorgungssystems und einer funktionierenden Kanalisation. Insgesamt blieb Kiautschou jedoch eine Zuschusskolonie. Die Einwohnerzahl des Flottenstützpunktes stieg von ca. 70.000 im Jahre 1898 auf ca.190.000 im Jahre 1914. Am 5. September 1914 landeten die Japaner nach einem unbeantworteten Ultimatum zur bedingungslosen Übergabe Tsingtaos vor der Hauptstadt und belagerten diese.

Auszug aus dem Bericht von Admiral von Tirpitz, 5. September 1896 | BArch N 253/45 fol. 25 und 30

Admiral von Tirpitz erläutert die Bedeutung von Kiautschou v.a. als zentralem logistischen Stützpunkt in Nordchina. Sein Bericht basiert vermutlich auf den Ausführungen des Geologen und Chinaexperten Ferdinand Freiherr von Richthofen. Er weist auf die reichen Mineralienvorkommen in der Umgebung von Kiautschou hin und beschreibt konkret die Etappen, in denen sich das künftige “Interessengebiet” entwickeln soll, von der Besetzung durch deutsche Truppen bis hin zum Aufbau einer Infrastruktur.

Proklamation des Chefs des Kreuzergeschwaders in Ostasien, Otto von Diederichs, zur Besetzung von Kiautschou durch deutsche Truppen, 14. November 1897 | BArch N 255/24
Otto von Diederichs (1843-1918) | BArch, Bild 134-B3276 / o.Ang.
Admiral von Diederichs Verdienste um die Besetzung der Bucht von Kiautschou wurden mit dem "Diederichsstein" gewürdigt. | BArch N 255/46

Jährlich erscheinende und aufwändig erarbeitete Denkschriften über die Entwicklung des Gebietes sollten eine breite Akzeptanz im Reichstag und in der Öffentlichkeit für die Zuschusskolonie Kiautschou schaffen.

Denkschrift | BArch N 253/41

Sie boten u.a. Informationen zu Grundbesitz, Handel und Gewerbe, Verkehrswesen, Justizwesen, Kirchen- und Schulwesen, Technischen Anlagen und Bauwerken, Gesundheitswesen, Vermessung und Grenzregulierung sowie Steuern und Abgaben.

Herzog und Herzogin Kungfutse mit Oskar von Truppel (rechts) am Bahnhof in Tsingtaou, 1910 | BArch, Bild 146-1980-111-72 / o.Ang.
Postkarte des Gouverneurs von Kiautschou und seiner Familie | BArch N 224/90
Amtlicher Anzeiger des Kiautschou-Gebietes, 22. Februar 1899 | BArch N 255/32

Von 1898 bis 1904 wurde die Wochenzeitung “Deutsch-Asiatische Warte” publiziert. Sie wurde mit Ende des Jahres 1904 durch die Tageszeitung “Tsingtauer Neueste Nachrichten”, die bis in die ersten Kriegsmonate 1914 erschienen ist, abgelöst. Gleichzeitig gab die Shanghaier Wochenzeitung “Der Ostasiatische Lloyd” von 1898 bis 1902 eine Beilage “Nachrichten aus Kiautschou” heraus. Von 1908 bis 1912 erschien die Wochenzeitung “Kiautschou-Post”. Daneben kam der Deutsch-Chinesischen Hochschule eine signifikante Bedeutung als Herausgeber von verschiedenen Zeitungen zu. Sie publizierte u.a. “Berichte aus der land- und forstwirtschaftlichen Abteilung der Deutsch-Chinesischen Hochschule”, “Der West-östliche Bote - Monatsschrift zur Vermittlung deutscher Sprache und Kultur im fernen Osten” und die “Deutsch-Chinesiche Rechtszeitung”.

Seidenspinnerei, errichtet 1902 für die Deutsch-Chinesische Seiden-Industrie-Gesellschaft | BArch N 224/90

Mit der Einrichtung der Gouvernements-Werkstätte zur Ausführung von Schiffsreparaturen stieg der Bedarf an Handwerkern. Durch die Gründung einer Lehrlingsschule unter deutscher Leitung sollte dem Mangel an qualifizierten Fachkräften abgeholfen werden. Voraussetzungen für die vierjährige Ausbildung waren: “Der Lehrling muss aus Schantung stammen; er darf nicht jünger als 15 und nicht älter als 18 Jahre sein; er muss gesund und kräftig sein; er muss etwas Chinesisch schreiben und lesen können; für die Erfüllung seiner Lehr- und Vertragsverpflichtung muss eine genügende chinesische Bürgschaft geleistet werden” (Aus: Ausbildung Chinesischer Handwerker auf der Tsingtauer Werft).

Lehrlinge in den Gouvernements-Werkstätten zur Ausführung von Schiffsreparaturen, undatiert | BArch N 224/62
Abschied der Missionare aus Tsingtao, Postkarte vom 10. April 1899 | BArch N 224/24

Einen Schwerpunkt der sog. “kulturellen Invasion” Chinas bildeten schon nach 1900 die Missionsschulen. Dabei lag das Schulwesen fast ausschließlich bei den drei deutschen Missionen (Steyler Mission, Berliner Missionsgesellschaft, Allgemeiner evangelisch-protestantischer Missionsverein). Neben den Missionsschulen bildeten in geringem Umfang auch die Gouvernementsschule und die Deutsch-Chinesische Hochschule chinesische Schüler aus.

Das Tsingtao-Lied wurde zu Ehren der Anwesenheit von Prinz Heinrich von Preußen gesungen, 16. Oktober 1912 | BArch N 224/25
Spielplan zu einer deutschen Oper, 11. Mai 1911 | BArch N 224/90

Die deutsche Kultur war auch Bestandteil des Lebens im weit vom Deutschen Reich entfernten Tsingtao. Neben deutschem Bier gehörte “zum Leben und Treiben in Tsingtao”, wie es Gouverneur Truppel bezeichnete, auch das Aufführen deutscher Opern.

Am 5. September 1914 landeten die Japaner nach einem unbeantworteten Ultimatum zur bedingungslosen Übergabe Tsingtaos vor der Hauptstadt und belagerten diese. Am 7. November 1914 kapitulierte Tsingtao. Die Verwaltung des “Pachtgebietes” wurde nun von einem japanischen Militärgouverneur wahrgenommen. Im Versailler Vertrag musste Deutschland schließlich alle Rechte an der Kolonie entschädigungslos an Japan abtreten. Dieses gab Kiautschou 1922 an China zurück.

Credits: Story

Quellen — Bild 134 Institut für Meereskunde | Bild 146 Sammlung von Repro-Negativen | N 224 Nachlass Oskar von Truppel | N 253 Nachlass Alfred von Tirpitz | N 255 Nachlass Otto von Diederichs

Credits: All media
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