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Aufrütteln, überraschen und schockieren


Yannick Nézet-Séguin über die lebenslange Beziehung eines Dirigenten zu Beethoven

Von Google Arts & Culture

Interview: Olivia Giovetti, VAN Magazin

Yannick Nézet-Séguin ist schnell zu einem der weltweit gefragtesten – und viel beschäftigten – Dirigenten geworden. Der Kanadier ist erst 45 Jahre alt und bereits seit 2000 Musikdirektor des Orchestre Métropolitain in seiner Geburtsstadt Montréal. Außerdem ist er seit 2012 Musikdirektor des Philadelphia Orchestra und Musikdirektor der Metropolitan Opera. 


Er hat schon oft Beethoven dirigiert – von mehreren Zyklen der neun Sinfonien über die Konzerte bis zur Oper Fidelio. Er hatte auch für 2020 große Pläne, doch aufgrund der Pandemie mussten zahlreiche Konzertsäle und Opernhäuser schließen. Mit seiner scheinbar grenzenlosen Energie hat er dennoch die Zeit gefunden, sich im Jubiläumsjahr mit den Werken des Komponisten zu beschäftigen, und präsentiert sechs der neun Sinfonien mit dem Orchestre Métropolitain bei DG Stage, der Streamingplattform der Deutschen Grammophon. Außerdem moderierte er eine virtuelle Gesprächsrunde zum Einfluss des Komponisten im YouTube-Kanal der Carnegie Hall. 

Da er viel beschäftigt ist, haben wir Sprachnachrichten mit Nézet-Séguin ausgetauscht, um mehr über seine Beziehung zu Beethoven, seine Herangehensweise für das Einstudieren einiger der bekanntesten Werke im Repertoire und die drei Fragen zu hören, die er dem Komponisten bei einem Abendessen stellen würde.

Yannick Nézet-Séguin und die Berliner Philharmoniker im Jahr 2016, Rheingau Musik Festival, Juni 2016, Aus der Sammlung von: Rheingau Musik Festival
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Erinnern Sie sich an das erste Stück von Beethoven, das Sie gehört haben? 

Das war wie bei den meisten eine Sinfonie und zwar eine sehr bekannte: die Fünfte. Karajan und [die Berliner Philharmoniker], vermutlich [aus] der Schallplattensammlung meiner Eltern. Wir hatten auch Aufnahmen der Pastoralen und der Siebten. Diese Werke besitzen die meisten Musikliebhaber. Meine Eltern hatten einen vielfältigen Musikgeschmack und daher eine große Sammlung an klassischer Musik und Aufnahmen anderer Stilrichtungen. Von allem ein bisschen. So wurde mein Interesse an Beethoven geweckt.

Sie haben schon früh Klavierspielen gelernt. Was war das erste Stück von Beethoven, das Sie gespielt haben, und wie alt waren Sie?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich einige der Bagatellen schon sehr früh geübt habe, irgendwann zwischen 5 und 12 Jahren. Ich wurde am Montreal Conservatory of Music von Anisia Campos unterrichtet, die im August verstorben ist… Ich habe mir alle meine Klavierschulen aus der Zeit noch einmal angesehen [und] erinnere mich daran, dass sie mir mit etwa 13 Jahren die erste Klaviersonate von Beethoven vorgelegt hat. Das war Op. 10, Nr. 1 in c-Moll. [Sie ist] ähnlich wie die Fünfte Sinfonie aus Beethovens Sturm und Drang-Phase, progressiv und schicksalshaft. Wenn ich mir meine Noten so ansehe, muss ich mit ihr mindestens die Hälfte der 32 Sonaten geübt haben.

Sie haben mal erwähnt, dass Beethoven Sie dazu inspiriert hat, Dirigent zu werden. Welches Werk und was genau hat den Ausschlag gegeben?  

Ich habe Beethoven in der Interpretation von Karajan gehört und auch die 40. Sinfonie von Mozart. Diese beiden Aufnahmen haben mich zum Dirigieren inspiriert. Sie kennen das sicher: Man hört Musik und tut so, als könne man dirigieren, bewegt die Hände. Die Ausdruckskraft von [Beethovens] Musik, die emotionale Wirkung, hat mich sofort angesprochen.

Warum inspiriert Beethoven nach mehr als 200 Jahren immer noch so viele Musiker? 

Ausdrucksweise hat. Er beherrscht die Formen wie kein anderer, aber was ihn auszeichnet, ist die Menschlichkeit in seinen Stücken, seiner Musik. Er war der Erste, der mit seiner Musik alle menschlichen Empfindungen ausgedrückt hat: von der Verzweiflung über den Zweifel bis zur Hoffnung, zum Kampf, zur Niederlage und der Auseinandersetzung… Alle seine Werke – und das ist ein wichtiger Faktor – selbst die empfindsamsten, enthalten Elemente von Schmerz und dem inneren Ringen, aber er findet immer einen Ausweg. Er war der Erste, der diese Aspekte in diesem Maße einsetzte, und hat dadurch die meisten Komponisten der Musikgeschichte beeinflusst. Gerade in der heutigen Zeit und bei all den Problemen weltweit, finden wir deswegen wieder Antworten, Zuversicht und Inspiration in Beethovens Werken.

Fidelio, Ludwig van Beethoven, Quartett in G-Dur "Mir ist so wunderbar", Ludwig van Beethoven, 1805, Originalquelle: SBB-PK, Signatur: Mus.ms.autogr. Beethoven 26 I
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Was war das erste Werk von Beethoven, das Sie dirigiert haben? 

Die Erste Sinfonie, bei meinem Debüt mit dem Montréal Symphony Orchestra. Und schon kurz danach habe ich die Neunte dirigiert. Das ist typisch für mich: immer gleich die ganz großen Dinge angehen. [Er lacht.] Ohne Umwege.    

Sie arbeiten in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt und besonders häufig in Rotterdam, Philadelphia und New York. Gibt es ein Beethoven-Stück, dass Sie als Montrealer und durch Ihre langjährige Beziehung zum Orchestre Métropolitain mit Ihrer Heimatstadt verbinden?

Ich verbinde keine Sinfonie direkt mit Montreal, außer der Tatsache, dass wir alle [neun] schon sehr, sehr oft gespielt haben… Wir haben uns durch die Arbeit an den Sinfonien sehr gut kennengelernt. Ich glaube, wenn ein Musikdirektor einen Beethoven-Zyklus oder mehrere Werke von Beethoven über Jahre hinweg mit einem Orchester erarbeitet, ist das ein Zeugnis für die wachsende Beziehung zwischen Dirigent und Orchester. Es ist ein Praxistest für alle.

Welches Werk von Beethoven dirigieren Sie am liebsten? 

Es ist wirklich schwierig, sich auf ein einziges festzulegen. Aber die Sinfonie, die ich am häufigsten gespielt habe und die einen besonderen Platz in meinem Herzen hat, ist „Eroica“. Ihre gigantischen Dimensionen haben es mir angetan. Ich mag umfangreiche Strukturen. Aber es geht auch um den Bruch mit der Tradition und vor allem die Wirkung, die diese Sinfonie auf die Gesellschaft hatte und immer noch hat. Ihr Bezug zur damaligen Situation berührt mich.

Im Laufe der Jahre haben die Menschen immer wieder versucht, Beethovens Leben und seine Musik in Kontext zu setzen. Wie stark berücksichtigen Sie Beethovens Biografie, wenn Sie seine Werke dirigieren?

Das ist eine interessante Frage, da ich tatsächlich die Biografie berücksichtige, wenn ich seine Werke dirigiere. Allerdings arbeitete Beethoven (wie auch Brahms und andere berühmte Komponisten) sehr oft an zwei Stücken gleichzeitig, die gegensätzliche Effekte und Zwecke sowie eine andere emotionale Wirkung hatten. Daher müssen wir vorsichtig sein, wenn wir versuchen, die Biografie zu berücksichtigen. Häufig dienten den Komponisten die Werke, an denen sie arbeiteten, als Ausgleich zu ihren jeweiligen Lebensumständen.

Portrait of Ludwig von Beethoven, Gustav Kruell, Aus der Sammlung von: Museum of Fine Arts, Boston
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Wenn Sie im Jahr 2020 diese Werke dirigieren, die zu den bekanntesten Melodien der klassischen Musik gehören, haben Sie dann das Gefühl, etwas „Neues“ darin finden zu müssen? Oder lassen Sie sie für sich selbst sprechen?

Es gibt keinen Druck, unbedingt etwas Neues präsentieren zu müssen. Bei Beethoven sollte man jedoch nie vergessen, dass seine Werke bahnbrechend waren. Daher ist es bei der Interpretation von Beethovens Werken wichtig, aufzurütteln. Zu überraschen. Zu schockieren. Neue Wege zu finden. Progressiv zu sein. Genau das hat Beethoven mit seinen Kompositionen erreicht. Er hat nichts übernommen und [seine] Zeitgenossen mit seinen Ideen wirklich aufgerüttelt und erschreckt.


Wenn man diese bekannten Werke aufführt, besteht daher die Gefahr darin, nicht mehr zu überraschen. Man muss sich die Details ansehen und sich wieder auf das Wesentliche und die grundlegende Bedeutung von Beethoven konzentrieren, um durch Artikulation, Tempo und Orchestrierung Wege zu finden, die Zuhörer zu überraschen und aufzurütteln. Das ist eine enorme Herausforderung, aber gerade das macht mir Spaß.

Wenn Sie Beethoven mit einem Orchester wie dem Chamber Orchestra of Europe (COE) einstudieren und aufnehmen, dessen Aufnahme des Beethoven-Zyklus unter Harnoncourt fast schon legendär ist, stehen Sie dann stärker unter Druck?

Der Harnoncourt-Zyklus ist mein Lieblingszyklus. Er war eine einzigartige Inspiration. Es geht gar nicht so sehr um den Druck, sondern um die Verantwortung, die man als Dirigent hat. Wenn man das Erbe eines Genies wie Harnoncourt antritt und die Erinnerungen bewahren soll, darf man das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich versuche in Demut, zusammen mit diesen wunderbaren Musikern die Tradition weiterzuführen.


An dieser [geplanten] Aufnahme des Beethoven-Zyklus mit dem COE, haben wir die letzten fünf Jahre gearbeitet und uns sehr auf die Aufführung im Jubiläumsjahr gefreut. Es ist wirklich eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Beethoven durch die Absagen aufgrund der Pandemie zum Schweigen verdammt wurde. Wir sind natürlich alle sehr enttäuscht, dass das Projekt abgesagt wurde, aber ich bin sicher, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft einen neuen Termin finden werden.

Wegen der Pandemie mussten mehrere Feierlichkeiten zu Beethovens Geburtstag abgesagt oder verschoben werden, aber Sie haben auch viele virtuelle Konzerte aufgeführt. Welche Rolle spielt Musik in Zeiten des Social Distancing?

[Beethoven] war das letzte Konzert, das ich am 12. März vor der Pandemie dirigiert habe, in einem dunklen Konzertsaal mit dem Philadelphia Orchestra. Beethovens Fünfte und Sechste. Das hatte schon Symbolcharakter. Und es waren auch die ersten beiden Stücke, die ich in Montréal dirigiert habe, als wir die Arbeit am Beethoven-Zyklus für DG Stage beginnen durften. 

Bei den aktuellen Abstandsregeln ist es natürlich schwierig, Musik zu machen. Das Besondere an Beethoven ist, dass uns seine Musik in diesen schwierigen Zeiten Trost spendet. Jeder Orchestermusiker und Dirigent kennt seine Werke und nachdem wir so lange nicht zusammen musizieren durften, ist es schön, mit einem Stück zu beginnen, dass uns allen vertraut ist. Es vermittelt vor allem so viel Freude und Zuversicht. Ich glaube, das ist wirklich der entscheidende Aspekt von Beethovens Musik: Sie verleiht uns die nötige Kraft, diese Krise durchzustehen.

Mitwirkende: Geschichte

Interview: Oliva Giovetti, VAN Magazin

Quelle: Alle Medien
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