GesamtbestandUniversitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Der Gesamtbestand
Die Universitäts- und Landesbibliothek besitzt 11 eigene hebräische Handschriften und beherbergt 12 weitere aus dem Besitz der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.
Als hebräische Handschrift wird eine ganz oder weit überwiegend in hebräischer Schrift, nicht aber notwendig in hebräischer Sprache verfasste, Einheit betrachtet.
Bei 14 der Handschriften handelt es sich um gebundene Codizes,
5 sind Rollen und 4 Einzelblätter, davon eines aus dem Einband einer lateinischen Handschrift.
Auf Pergament sind der große Pentateuch-Codex (hintere Reihe Mitte), das Einband-Fragment links unten sowie die drei Rollen in der Mitte geschrieben, die beiden Rollen rechts auf Leder und alle übrigen Handschriften auf Papier.
13 der Handschriften, darunter alle fünf Rollen, enthalten Texte der hebräischen Bibel. Diese waren zum größeren Teil für den gottesdienstlichen Gebrauch bestimmt, im Übrigen für das Studium der Bibel. Bibelkommentare, religionsgesetzliche Werke, Dichtung, Werke aus dem Bereich Grammatik/Sprachwissenschaft sowie philosophischen, mathematisch-naturwissenschaftlichen, speziell astronomischen, Inhalts und ein Koran-Fragment bilden den restlichen Teil der Sammlung.
[Torah, Shemot 6,30 - 40,19] und [Torah, Shemot 38,22 - Devarim 17,11]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Torahrollen
Bei zwei der fünf Rollen handelt es sich um Fragmente von Torahrollen, die einmal für den liturgischen Gebrauch hergestellt wurden. Diese Rollen werden von spezialisierten Schreibern geschrieben. Material, Tinte und auch die Anordnung des Textes folgen seit dem Mittelalter festen Regeln. Nach traditioneller Auffassung wurde dieser Text am Sinai übergeben und Buchstabe für Buchstabe unverändert bewahrt.
Da Torahrollen in langwieriger Handarbeit angefertigt werden, sind sie sehr kostbar. In der Synagoge werden sie im Torahschrein aufbewahrt und zur liturgischen Lesung an Shabat und Feiertagen feierlich hervorgeholt und der jeweilige Abschnitt verlesen. Im Laufe eines Jahres wird so die gesamte Torah einmal gelesen.
Einweihung einer neuen Torahrolle in der Synagoge zu Halle
Am 5. Mai 2013 erhielt die Jüdische Gemeinde in Halle eine neue Torarolle, die in einer feierlichen Zeremonie in die Synagoge gebracht und eingeweiht wurde.
[Be-reshit. Shemot. Ṿa-yiḳra. Be-midbar. Devarim] und [Torah, Shemot 6,30 - 40,19]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Rolle und Codex
Die Torahrolle enthält im Prinzip denselben Text wie ein Pentateuch-Kodex (hebr. „Chumasch“), in der deutschen Bibel auch als „die fünf Bücher Mose“ bezeichnet.
Rolle und Codex unterscheiden sich zunächst in der äußeren Form.
[Be-reshit. Shemot. Ṿa-yiḳra. Be-midbar. Devarim] und [Torah, Shemot 6,30 - 40,19]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Bei näherem Hinsehen sieht man, dass auch der Text des Kodex sich von dem der Rolle unterscheidet. Er enthält zusätzliche Zeichen, die die Vokalisierung des Konsonantentextes festlegen.
Textvergleich (Exodus 6,30) in Torahrolle und Codex Ya 2° 1
Hier der reine Konsonantentext - in der Umschrift durch die Großbuchstaben gekennzeichnet:
VaYoMeR MoSHeH LiFNeH YHVaH HeN )aNi (aRaL SeFaTaYiM Ve)eKH YiSHMa( )eLai PaR(oH
[„und Mose sprach vor dem Ewigen: siehe, ich bin unbeschnittener Lippen, und wie wird hören auf mich der Pharao“].
Hier der Konsonantentext mit Punktierung, von der in der Umschrift nur diejenigen Zeichen dargestellt sind, die den Text vokalisieren und damit auf einen bestimmten Sinn festlegen.
[Torah. Hafṭarot. Targum Onḳelos]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Kein gewöhnlicher Codex
Codex Ya 2°1, gerade im Vergleich mit der Torahrolle gezeigt, ist ein besonders interessantes Stück aus dem Besitz der ULB.
[Torah. Hafṭarot. Targum Onḳelos]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Ein beiliegender Zettel weist ihn als den hebräischen Pentateuch-Kodex aus, den Daniel Ernst Jablonski im Vorwort zu seiner kritischen Edition der Hebräischen Bibel (Berlin 1699) erwähnt.
Biblia Hebraica, ed. by Daniel Jablonski (1699)Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Aus dem Vorwort:
"…, iisque tandem accessit Pentateuchus insignis, priscaque simplicitate venerabilis, ac (*) uncialibus litteris opus mage exaratum quam Codex; quam Generosus omnique elegantiore Literatura impense excultus Vir, Dn. Andr. Erasmus de Seidel, Serenissimo Electori Brandenburgico à Consiliis Aulae, in halósei Patraeensie nupero Bello Veneto-Turcico feliciter vindicatum, usibus nostris perbenevole commodavit."
“zu diesen [gedruckten Ausgaben ...] trat schließlich noch ein bemerkenswerter Pentateuch hinzu, von altehrwürdiger Einfachheit, und (*) mit Unzialbuchstaben ein noch besser ausgeführtes Werk darstellt als der [zuvor erwähnte] Kodex (*)..."
"...welchen uns großzügig der in jeder Literatur weithin bewanderte Herr Andr[eas] Erasmus de Seidel, Hofrat des erlauchtesten brandenburgischen Kurfürsten, nachdem er [der Kodex] in der Halois [Eroberung] von Patras im Venetianisch-Türkischen Krieg vor kurzem glücklich befreit wurde, für unsere Zwecke wohlwollenst zur Verfügung gestellt hat.
Brandschaden [Torah. Hafṭarot. Targum Onḳelos]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Der Kodex weist erhebliche, durch Brand verursachte, Schäden auf.
Brandschaden [Torah. Hafṭarot. Targum Onḳelos]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Von Brandschäden erwähnt Jablonski zwar nichts, doch legt die glückliche Rettung der Bibelhandschrift „aus der Eroberung“ nahe, dass der Kodex das Ereignis nur knapp und nicht unbeschadet überstanden hat. Gemeint ist möglicherweise die venizianische Eroberung von Patras im Sommer des Jahres 1687. Patras war, wie ganz Westgriechenland, jahrhundertelang Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen.
[Be-reshit. Shemot. Ṿa-yiḳra. Be-midbar. Devarim] und [Torah, Shemot 6,30 - 40,19]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Vokalisierung
Die Vokalisierung des Konsonantentextes stellt letztlich nur eine von vielen möglichen ersten Interpretationen des Textes dar. Zwar ist sie bereits im Mittelalter standardisiert worden und somit auch für die korrekte Verlesung im Synagogengottesdienst verbindlich, in der Diskussion des Textes kann sie jedoch durchaus in Frage und Alternativen gegenüber gestellt werden.
Da die hebräische Sprache von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert vor allem liturgische und Gelehrtensprache war, musste der korrekte Vortrag der Tora von Juden jeder Muttersprache erlernt werden.
[Sammelhandschrift], enth. eine hebräische Lautlehre in arabischer Sprache sowie einen punktierten Pentateuch mit Masorah parva und magne (VOHD)Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Eine Pentateuch-Handschrift jemenitischer Provenienz aus dem Bestand der DMG veranschaulicht dies durch die Voranstellung einer Sprachlehre, die sich insbesondere der Aussprache des Hebräischen widmet.
Verfasst ist sie auf Arabisch, geschrieben aber in hebräischen Buchstaben, mit denen Juden auch in ganz anderen Muttersprachen alphabetisiert wurden.
[Sammelhandschrift], enth. eine hebräische Lautlehre in arabischer Sprache sowie einen punktierten Pentateuch mit Masorah parva und magne (VOHD)Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Masorah
Die Vokalisierung des biblischen Textes wurde ursprünglich mündlich überliefert. Ihre Fixierung ist Teil der Masorah
(wörtlich „Überlieferung“), einer mittelalterlichen sprachlichen Durchdringung, Erschließung und Fixierung des althebräischen Konsonantentextes.
In den Kodizes der Bibel, die dem Studium dienen, stehen die masoretischen Anmerkungen an den Rändern des Textes.
[Okhlah ve-okhlah] Kovets be-balshanutUniversitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Darüber hinaus entstanden jedoch auch ganze Schriften, die die Inhalte der Masorah vor allem in Listen zusammenfassen.
Die ULB besitzt mit Codex Yb 4° 10 die bedeutendste Handschrift eines dieser Werke.
Hierzu schreibt der Alttestamentler Benjamin Ziemer (Halle):
„Die Handschrift Yb 4°10 der Hallischen Universitätsbibliothek ist die umfangreichste bekannte Handschrift der masoretischen Sammlung Okhla we-Okhla (אכלה ואכלה) und damit zugleich die umfangreichste Handschrift, die allein der ursprünglich nur mündlich, später v.a. an den Rändern von Bibelhandschriften überlieferten Masora gewidmet ist. Bei diesem Werk handelt es sich um eine geordnete Zusammenstellung von Listen, in denen seltene Formen, besondere Schreibweisen und besondere Aussprachetraditionen von einzelnen Wörtern, Wortgruppen und Versen des Textes der Hebräischen Bibel festgehalten werden, um die genaue Überlieferung des Textes zu stützen."
Haftarot with TargumUniversitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Haftara
Jedem Wochen-Abschnitt (Parashah) der Torah ist ein Abschnitt aus den Propheten-Büchern zugeordnet (Haftarah, Plural: Haftarot). Man findet Zusammenstellungen dieser Abschnitte sowohl in Pentateuch-Kodizes als auch in eigenen Büchern, die in ihrer Funktion den christlichen Epistolaren vergleichbar sind.
Um ein solches Lektionar handelt es sich bei DMG cod.hebr. 1.
Diese Handschrift befand sich bis vor kurzem in einem sehr schlechten, eine Nutzung praktisch ausschließenden Zustand und wurde in der Werkstatt der ULB aufwändig restauriert.
Restauration
Der neue Einband wurde dem früheren nachempfunden
Haftarot with TargumUniversitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Der Band beginnt mit der Perikope Jesaja 42,1-16, welche dem ersten Abschnitt der Torah, Genesis 1f, zugeordnet ist:
„Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen."
Vers für Vers schließt sich eine paraphrasierende Übersetzung auf Aramäisch an (im Bild in der zweiten Zeile des Fließtextes, nach dem Doppelpunkt. In der dritten Zeile nach dem Doppelpunkt beginnt der zweite Vers auf Hebräisch usw.)
Festrollen
Aus den Anfangsbuchstaben von Torah, Neviim („Propheten“) und Ketuvim („Schriften“) leitet sich das Akronym „TaNaKh“ zur Bezeichnung der Gesamtheit der hebräischen Bibel ab. Innerhalb des dritten Teils, der „Schriften“, bilden wiederum die fünf (Fest-) „Rollen“, hebr. „Megilot“ eine besondere Gruppe, die ebenfalls in Form von Rollen, in der Synagoge aufbewahrt und an den entsprechenden Festen vorgelesen werden, und zwar das Buch Kohelet (Prediger, Ecclesiastes) am Laubhüttenfest, Ester an Purim, Shir ha-shirim (Hohelied, Canticum canticorum) an Pesach, Rut am Wochenfest und Ekhah (Klagelieder, Threni) am 9. Av, dem Gedenktag der Tempelzerstörung.
Für die Gestaltung dieser Rollen gibt es keine strengen Vorschriften wie bei der Torah. Die Esterrolle der ULB (rechts im Bild) ist auf Pergament, die beiden Rollen der DMG (Rut, Mitte, und Shir ha-shirim, links) sind auf Leder geschrieben.
[Megilat Rut]Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Der Beginn des Buches Rut - mit den berühmten Worten Ruts an ihre Schwiegermutter Naami am Ende der ersten Spalte (unten rechts):
„Wo du hingehst, gehe ich hin und wo du dich niederlässt, lasse ich mich nieder. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, werde ich sterben und dort begraben werden. So tue mir der Ewige und füge mir hinzu, denn der Tod scheidet zwischen mir und dir.“ (Rut 1,16/17)
Umsetzung und Texte: Lucie Renner M.A.
Mitarbeit: Dr. Julia Knödler, Theresa Beyrich
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