Detroit-Techno: Im Spiegelkabinett der Klänge

Nach R&B, Soul, Funk und HipHop war Detroit-Techno mutmaßlich die letzte große stilistische Neuerfindung in der afroamerikanischen Popmusik.

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Der Dancefloor des Vanity Ballroom, in dem in den 1930er Jahren Duke Ellington und andere Größen des Big Band-Jazz auftraten von Albert DuceGROOVE Magazin Berlin

Menschliche Stimmen gibt es in diesem elektronischen Sound nur ausnahmsweise, denn Detroit Techno ist eine bassgetriebene, körperbezogene Musik. Detroit Techno hat wunderschöne Melodien, die sich aber nie zu Songs fügen.

Aux 88 von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin


Detroit-Tracks erzählen nichts, sie funktionieren als emotionale Momentaufnahme, als Schnappschüsse. Detroit Techno nimmt die futuristische Klangoberfläche von Kraftwerk auf, der Drive ihrer Grooves speist sich aus dem Funk vorangegangener afroamerikanischer Musikstile. Anders als zahllose Soul- oder R&B-Nummern erzählt Detroit-Techno keine Liebes- oder Befreiungsgeschichten.

Nordteil der Packard Motors Plant in Detroit im Jahr 2006 von Yves Marchand & Romain MeffreGROOVE Magazin Berlin

Vielmehr verweisen die Sounds auf sich selbst. Wie in einem Spiegelkabinett oder einem Kristall die Lichtstrahlen gefangen sind, erschafft die Musik ihren eigenen Raum. Anders als HipHop ist Detroit-Techno kein ständiger Bericht sozialer Kämpfe, sondern handelt eher von der Abwesenheit sozialer Räume in der Ruinenstadt, das Detroit in den 1980ern war.  

The Belleville Three: Kevin Saunderson, Derrick May & Juan Atkins von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Oft spricht man von den verschiedenen Generationen von Detroit Techno: zur ersten gehören die „Innovators“, Derrick May, Kevin Saunderson und besonders Juan Atkins. Weil sie aus dem Vorort Belleville stammen, nannte man sie die „Belleville Three".

Juan Atkins in der De:Bug #91 von 2005 von Bettina BluemnerGROOVE Magazin Berlin

Juan Atkins ist der eigentliche Erfinder von Techno: er hat den futuristischen Electro-HipHop der frühen Achtziger mit den schnellen House-Grooves aus Chicago kombiniert, die in der afroamerikanischen Community Detroits als schwule House-Musik oft stigmatisiert waren.

Inner City von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Während die Kraftwerk-Samples im Electo-HipHop oft eher Novelty-Charakter hatten, erkannte Atkins das Potential einer afrofuturistischen Musik. Kevin Saunderson war mehr als die beiden anderen der Popmusik zu gewandt, mit seinem Bandprojekt Inner City hat er mit „Big Fun” den einzigen Chart-Hit des Detroit-Sounds.

Derrick May von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Derrick May wurde oft der Andy Warhol der Clique charakterisiert, er war der DJ-Star der Drei. Er war Konzeptualist und Sprachrohr, er erkannte und kommentierte die künstlerische Brisanz der Musik.

Ein Mural im Brewster Wheeler Recreational Center Detroit im Jahr 2008 von Yves Marchand & Romain MeffreGROOVE Magazin Berlin

Der Afrofuturismus von Atkins, Saunderson und May erkannte die Entwurzelung der Afroamerikaner durch die Sklaverei als Chance für eine ultramoderne, technizistische Kultur. Im Moment seiner Entstehung war Techno elitär: Techno verabschiedete sich vom Modell der Community, deren Stimmen in den anderen Popstilen erklingen. Stattdessen wird der akustische Raum als architektonischer konzipiert: Juan Atkins erklärte sinngemäß einmal, dass die Ruinenstadt keine bewohnbaren Orte zu bieten habe - deshalb müsse die Musik Orte erschaffen.

Inner City von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Die Belleville Three hatten wenig Kontakt zur innerstädtischen Community der Stadt, ihr Input waren Schallplatten und besonders das Radio. Sie veranstalteten zwar Partys im heute legendären Music Institute, die aber sehr zurückgenommen, fast intellektualistisch abgelaufen sein müssen. In Detroit selbst wurde Techno nur in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern intensiv wahrgenommen, was sich auch in der Zahl der Musiker äußerte, die den Sound weiterentwickelten.

Robert Hood von Franziska SinnGROOVE Magazin Berlin

Zu den wichtigsten Künstlern der Second Generation gehörten Mike Banks, Jeff Mills und Robert Hood, die das Label Underground Resistance gründeten. Jeff Mills´ Fusion zwischen Detroit-Techno und dem europäischen Rave-Sound machte ihn zu einem der erfolgreichsten DJs der neunziger Jahre.

Underground Resistance von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Das Labe Underground Resistance entwickelte Handlungsmodelle, die weit über die Musik hinaus reichten: die Gruppe ist nach einer militärischen Metaphorik organisiert, und leitet ihre Sound-Strategien aus einer komplexen Medienanalyse ab.

Tresor (1994)GROOVE Magazin Berlin

Stilistisch orientierte sich UR besonderes an europäischem Industrial und EBM-Platten, der melodische Anteil verschwand aus der Musik, sie war düster und aufbrausend.

Carl Craig in GROOVE #59 from 1999 von Igmar KurthGROOVE Magazin Berlin

Neben den genannten ist Carl Craig einer der wichtigsten Protagonisten der Zweiten Generation von Detroit-Techno. Der am Anfang mit Derrick May aktive Producer ist eine Ausnahme-Figur: er ist der avancierteste Musiker der Szene, er hat sich intensiv mit Jazz und spezielleren afroamerikanischen und europäischen Musiken auseinandergesetzt.

Funkadelic von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Zu seinen Bezugspunkten gehören Funkadelic und Throbbing Gristle, die B52s und A Number of Names. Carl Craig hat bis heute nicht aufgehört die Clubszene zu beeinflussen, besonders seine Remixe führen viele Jahre regelmäßig die DJ-Charts an.

K.Hand von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Das Pendant zum Erfolg der Zweiten Generation von Detroit-Techno war die in der Stadt Anfang der Neunziger aufblühende Party-Szene: in verlassenen Gebäuden fanden zahllose, semilegale Veranstaltungen statt, die größer als Club-Events waren aber kleiner als Raves, die von etwa ein- bis zweitausend Leuten besucht wurden. Es gab eine Reihe lokaler DJ-Stars, die nie Platten produziert haben und heute vergessen sind. K-Hand gehört glücklicherweise nicht zu ihnen.

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Ab Mitte der Neunziger schlief diese Szene ein und von den Producern der Dritten Generation hatte kaum einer den Rang der Vorgänger. Die Tragik von Detroit-Techno liegt im totalen Misserfolg der Musik in der USA. Der Funke ist aber ebenso wenig auf die afroamerikanischen Communities der anderen Großstädte übergesprungen wie auf den amerikanischen Mainstream. Die Musikindustrie setzte auch HipHop, das Digitalradio zerstörte das US-weite Netzwerk kleiner Radiosender, bei denen DJs wie The Electrifying Mojo auflegen, der als Schlüsselfigur der Szene gilt.

Amnesia Ibiza von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Stattdessen kam diese Musik an einem ganz anderen Ort an: in Europäischen Metropolen und Ferienorten, zunächst in London und auf Ibiza, später in Rotterdam, in Frankfurt, in Berlin. Detroit-Techno hat die europäische Jugend in ein rauschartiges Inferno aus Party, Musik und Drogen versetzt – ohne ursprünglich als Partymusik gemeint zu sein.

Jeff Mills von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Der Erfolg ihrer Musik in Europa überwältigte die Detroiter Musiker und schaffte szeneinterne Probleme: die international gefragten DJ-Superstars verloren sie den Kontakt zum eigenen Umfeld. Viele Detroiter Artists haben bis heute ein gewisses Unbehagen gegenüber der europäische Party-Kultur, Jeff Mills thematisierte das in seinem Track „Condor to Mallorca“.

Newworldaquarium von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Heute wird alle mögliche elektronische Musik in Detroit produziert, Detroit-Techno wird oft aus einem gewissen Regionalismus heraus gepflegt. Umgekehrt hat sich der klassische Detroit Sound der ersten Generation besonders seit der Jahrtausendwende internationalisiert. Mittlerweile gibt es ein weltweites Netzwerk von Labels, die den Detroit-Sound weiter entwickeln und sogar noch auf die Spitze treiben, Delsin aus Amsterdam etwa.

Dillinja von Dominik GiglerGROOVE Magazin Berlin


Die politischen Implikationen von Detroit Techno wurden ganz besonders im Großbritannien aufgenommen: Hardcore, Jungle Drum & Bass und Bass Music stellten eine Verbindung zwischen Detroit-Techno und jamaikanischem Ragga her. Carl Craigs „Bugs in the Bassbin“ gilt als Fingerzeig für die Breakbeat-Grooves dieser Musik, einer der Produzenten, Dillinja, übernahm ein Pseudonym Juan Atkins´ ganz unmittelbar: Cybotron. Afroamerikaner*innen und Afro*britinnen, deren afrikanische Vorfahren als Sklaven enttführt und im Kolonialismus ausgebeutet wurden, entdecken unerwartete Korrespondenzen.

Mitwirkende: Geschichte

Text: Alexis Waltz

Quelle: Alle Medien
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