Clubs als Temporäre Orte: Berliner Clubs im Kampf gegen die Verdrängung

Von der Zwischennutzung von Ruinen zum Kampf gegen Gentrifizierung: Wie sich Techno im Stadtraum immer neu definiert

Tresor Club Berlin von Michael MayerGROOVE Magazin Berlin

Clubs sind temporäre Orte, die vorgefundene Räume für ihre Zwecke umnutzen. Dort lassen sie einen utopischen Gegenentwurf zum Alltag Wirklichkeit werden - manchmal für einige Jahre, manchmal aber auch nur für eine einzige Nacht.

Tacheles Berlin von René BongardGROOVE Magazin Berlin

In Berlin konnte die Clubkultur nur eine solche Vielfalt ausprägen, weil nach dem Mauerfall so viele Gebäude leer standen und nur darauf zu warten schienen, mit Leben gefüllt zu werden. Das Flüchtige, Temporäre ist vielen Clubs von Anfang an inhärent, waren sie doch meist auf dem Konzept der Zwischennutzung gegründet.

Maria am Ostbahnhof Berlin 2006 von NicorGROOVE Magazin Berlin

Die Zwischennutzung erlaubt die temporäre Nutzung leerstehender Gebäude für einen begrenzten Zeitraum zu günstigen Mieten. Eigentümer*innen können Einnahmen generieren, Mieter*innen haben Zugang zu günstigen Räumen. Unter diesen Voraussetzungen konnte im Prinzip jede*r in den Neunzigern einen Club eröffnen.

Der Tresor Club an der Leipziger Straße 2003 von Michael BrossmannGROOVE Magazin Berlin

So entstanden zahllose Projekte, Läden, Bars und Clubs. Manche verschwanden schnell wieder, aus anderen entstanden Clubs wie der Tresor. Tresor-Macher Dimitri Hegemann sagt heute über diese Zeit: „Es herrschte Aufbruchsstimmung. Wir konnten experimentieren. Das war eine kleine Rebellion, eine Haltung, gegen den Mainstream.“

Brunnenstraße 183 Berlin von JotquadratGROOVE Magazin Berlin

Zwei Jahrzehnte später könnte die Situation nicht entgegengesetzter sein. Wer einen Laden mieten will, muss finanziell gut aufgestellt sein. Kleine Geschäfte werden von Ketten verdrängt, die Musikszene ist besonders betroffen, das Clubsterben eines der ständigen Themen der Stadt.

Maria am Ostbahnhof von Paul SablemanGROOVE Magazin Berlin

So schließen 2010 der Knaack Club und das siebte WMF, 2011 die Maria am Ostbahnhof, 2012 das Delicious Doughtnuts, das Icon und das Tape, 2013 der Horst Kreuzberg, 2014 das Cookies, das Weekend, die Magdalena und das Picknick, 2015 der Magnet Club und das Stadtbad Wedding 2018 das Rosi´s, der Bassy Club und die Bar Babette.

Griessmuehle Berlin von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

2019 folgten das Chalet, das St. Georg und die Rummels Bucht, der Arena Club wurde in eine Eventlocation umgewandelt, der Farbfernseher wechselte seine Besitzer, die Griessmuehle ihren Standort. Der Bebauungsplan für das RAW-Gelände bedroht Suicide Circus, Urban Spree und Astra, während um die Zukunft des KitKats und Sage Clubs gebangt wird.

Griessmuehle Berlin von Michael MayerGROOVE Magazin Berlin

Im Zusammenhang mit dem Thema Clubsterben und Gentrifizierung fällt in Berlin häufig ein Name: Gijora Padovicz. In den Neunziger begann Padovicz systematisch besetzte Häuser in Berlin-Friedrichshain zu kaufen und die selbstorganisierten, linken Wohnprojekte aus den Häusern mit mutmaßlich kriminellen Methoden zu entfernen. 2007 gehörten der weit verzweigten Unternehmensgruppe allein in Friedrichshain mehr als 200 Häuser.

Watergate Berlin von UploadedGROOVE Magazin Berlin

Auch das Watergate wurde von der Unternehmensgruppe Padowicz aufgekauft. Eine Mieterhöhung um 100 Prozent war 2017 die Folge. Der 2001 eröffnete Club an der Spree feierte in den Nullerjahren mit den Partyreihen Get Perlonized und New Kids on Acid die beliebtesten Partys der Stadt und verlagerte den Focus vom spröden, detroitlastigen Techno der Neunziger auf House.

Watergate Berlin Terrasse 2008 von cyphunkGROOVE Magazin Berlin

Dabei gaben aber nicht die klassischen House-Ansätze aus New York und Chicago den Ton an, sondern ein minimaler, psychedelischer, humorvoller Sound. Der Water Floor des Clubs mit dem Blick über die Spree spiegelte die Durchlässigkeit und Atmosphäre dieser Musik wieder. So steht das Watergate für den Ausbruch aus den Kellerclubs der Neunziger in ein luftiges, lichtdurchflutetes Feiern.

Bar 25 Berlin von Bernd Sauer-DieteGROOVE Magazin Berlin

Den Impuls der Öffnung des Nachtlebens zur Spree nahm auch die Bar25 auf. Der MDMA- und Ketamin-geschwängerte Minimal-House-Sound dieses Ortes funktionierte besonders gut auf Afterhour-Partys. Die Tracks drücken ein Gefühl von Zeitlosigkeit aus, die sphärischen Grooves entfalten ihre Poesie, wenn sie im Freien verhallen.

Club der Visionäre Berlin von Stas RozhkovGROOVE Magazin Berlin

Neben dem Minimalsound und dem Afterhour-Ansatz ist der sogenannte Easy-Jet-Set die größte Veränderung im Berliner Nachtleben der 2000er. Bis dahin gingen nur ein paar tausend Leute in der Stadt aus. Jetzt reisen junge Europäer*innen und Leute aus der ganzen Welt nach Berlin, um dort die Partys zu feiern, die in London, Paris, Madrid, Moskau oder New York aufgrund der Verdrängung nicht mehr stattfinden können - oder noch nie stattgefunden haben.

Club Berlin von Daniel LonnGROOVE Magazin Berlin

Dieser konstante Strom Feierwilliger verändert die Szene grundlegend. Das Community-Gefühl löst sich auf, gleichzeitig konsolidieren sich die Clubs durch die Party-Touristen finanziell. Günstige Flüge machen internationale Bookings bezahlbarer, und immer mehr internationale DJs entdecken Berlin als Inspiration und Wohnort.

Salon zur Wilden Renate von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Der Salon zur wilden Renate ist einer der Clubs, in den sich internationale Musiker wie dOP aus Paris oder Soul Clap aus New York verliebten, weil dort das heruntergekommene Berlin der Neunziger weiterexistierte. 2007 zog das Partykollektivin das leerstehende Mietshaus an der Ausfallsstraße. In den ersten sechs Jahren galt der Mietvertrag immer nur für drei Monate.

Salon zur Wilden Renate von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Auch die Renate wurde verkauft – an Gijora Padovicz. Auf die Kündigung folgte die Verdopplung der Miete. Weil noch nicht entschieden ist, ob die Verlängerung der Stadtautobahn A100 tatsächlich gebaut wird, ist die Renate eine der letzten Zwischennutzungen in Berlin. Den Betreiber*innen missfällt das, wollen sie doch etwas erschaffen, das bleibt.

Gegen Party Berlin von Aghia_SophieGROOVE Magazin Berlin

Zehrte das Berliner Nachtleben in den 2000ern von den neuartigen Orten, geht es in den 2010ern um die Identität der Feiernden. Die queere Szene erschafft im Nachtleben Safe Spaces für die LGBTQI*-Community und sorgt so für eine Re-Politisierung des Dancefloors.

DJ Booth im Chalet Berlin von Will PowerGROOVE Magazin Berlin

In den Neunzigern fand die queere Szene in Berlin besonders in akademischen und linksautonomen Zusammenhängen statt. Über Partys und Clubs in besetzten Häusern wirkte der queere Diskurs aber auch in die Technoszene. Bis in die professionellen Clubs drang er aber kaum durch. So ist das about:blank der erste Berliner Club, der einen queeren, linksradikalen Anspruch mit einem ambitionierten, internationalen Booking vereint.

Pornceptual von Yu-Liang LiuGROOVE Magazin Berlin

Die Schnittmenge zwischen schwulen Nachtleben und elektronischer Musik war in den Neunzigern überraschend klein. Das änderte sich 1998 durch das Ostgut, dem Vorgänger des Berghain. Dort traf die schwule Szene auf die mehrheitlich heterosexuellen Party People, die auf der Suche nach Alternativen zur heruntergewirtschafteten Club-Szene von Mitte waren.

Gegen Party Berlin von Gili ShaniGROOVE Magazin Berlin

Während im Berghain in den 2000ern die Polarität aus dem Ostgut erhalten blieb und der sogenannte Berghain-Techno den Club prägte, ist in den 2010ern das queere Selbstverständnis mindestens so wichtig wie die Musik. Frauen und Non-Binaries leben ihre Sexualität so freizügig aus, wie das bisher der schwulen Szene vorbehalten war. Kollektive entwickeln diesen Ansatz mit unterschiedlichen Schwerpunkten weiter: Homopatik, CockTail d'Amore, Gegen, Herrensauna, Buttons oder Room 4 Resistance finden in verschiedenen Clubs statt.

Kater Blau Berlin von Ingo FGROOVE Magazin Berlin

Diese Kollektive sind heute oft spannender und identitätsstiftender als die Clubs, die nur noch den Ort zur Verfügung stellen. Clubbetreiber*innen verlassen sich auf gängige Muster: Der Suicide Circus ruft die Industrial-Ästhetik der Neunziger auf, Kater Blau, das Heideglühen, die Ipse und die Griessmühle den Bretterbuden-Ansatz der Zweitausender.

Sameheads Berlin von Groove ArchivGROOVE Magazin Berlin

Herausragend ist die Palomabar, die einen sehr spezifischen Housesound verfolgt und dabei ohne Stars auskommt. Ein ebenso spannender Ort ist das Sameheads, das einen überraschend eigenständigen, noisigen Sound mit einem discoiden Subtext entwickelt.

Berghain von Michael MayerGROOVE Magazin Berlin

So gewährt die Berliner Clubszene künstlerisch und sozial nach wie vor außergewöhnliche Freiheiten. Die Möglichkeit, sich ökonomischen Realitäten mehr oder weniger zu entziehen, gibt es aber nicht mehr.

Mitwirkende: Geschichte

Text: Alexis Waltz

Quelle: Alle Medien
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